Aus Anlegersicht zeigt der Jahresbericht des Lotus Asia Selection ein gemischtes, insgesamt aber durchaus interessantes Bild. Positiv ist zunächst die Wertentwicklung: Der Anteilwert stieg 2025 bei der institutionellen Anteilklasse I von 106,38 EUR auf 118,41 EUR, bei der Retail-Klasse R von 105,03 EUR auf 116,08 EUR. Seit Auflage Ende 2022 liegt der Fonds damit klar im Plus. Das spricht dafür, dass die Titelauswahl des Managements im Berichtsjahr funktioniert hat.
Besonders auffällig ist die aktive, konzentrierte Portfoliostruktur. Der Fonds ist zu rund 94,6 % in Aktien investiert und hält nur etwa 5,5 % Liquidität. Der Schwerpunkt liegt klar auf dem asiatisch-pazifischen Raum, wobei Vietnam im Portfolio besonders stark vertreten ist. Allein Positionen wie PVI Holdings, FPT, Masan Consumer, Techcom Securities, Airports Corp. of Vietnam, Coteccons oder vietnamesische Banken zeigen, dass der Fonds gezielt auf Märkte setzt, die nicht in jedem Asien-Fonds so stark gewichtet sind. Das kann ein klarer Vorteil sein, weil gerade Vietnam strukturell hohe Wachstumschancen bietet. Gleichzeitig steigt dadurch aber auch das Länder-, Liquiditäts- und Governance-Risiko.
Ein weiterer Pluspunkt ist, dass der Fonds ohne Derivate arbeitet. Das macht das Produkt in seiner Struktur transparenter. Auch die Tatsache, dass überwiegend in Aktien investiert wird und keine komplexen Absicherungsstrategien eingesetzt werden, ist für Anleger nachvollziehbar. Wer einen Fonds sucht, dessen Performance im Kern wirklich aus Aktienselektion stammt, findet hier ein klares Konzept.
Die Qualität des Portfolios wirkt gemischt, aber spannend. Neben wachstumsstarken, teils weniger bekannten Unternehmen aus Vietnam und Thailand enthält der Fonds auch etablierte Namen wie TSMC, Advantest, Fast Retailing, Keyence, Nintendo oder REA Group. Das ist grundsätzlich attraktiv, weil es eine Mischung aus strukturellem Wachstum, Technologie, Konsum und Infrastruktur bietet. Allerdings sind die Top-Positionen recht groß, etwa PVI Holdings mit 9,19 %, TSMC mit 8,82 % und IREN mit 8,42 %. Das erhöht die Chance auf Outperformance, aber auch die Gefahr deutlicher Rückschläge, falls einzelne Investments enttäuschen.
Kritisch zu sehen ist, dass ein Teil des Vermögens in nicht notierten Wertpapieren steckt. Diese machen rund 9,4 % des Fondsvermögens aus. Für Anleger ist das relevant, weil solche Positionen meist weniger liquide, schwerer bewertbar und im Krisenfall schwieriger zu veräußern sind. Gerade bei einem Fonds, der ohnehin schon einen starken Fokus auf Spezialthemen und einzelne Märkte hat, ist das ein echter Risikofaktor.
Auch die Mittelabflüsse verdienen Beachtung. In der Anteilklasse I gab es im Geschäftsjahr einen deutlichen Nettoabfluss von über 3 Mio. EUR. Das Fondsvermögen dieser Klasse sank von knapp 11,98 Mio. EUR auf 9,61 Mio. EUR, obwohl die Performance positiv war. Das heißt: Anleger haben per saldo Kapital abgezogen. Solche Abflüsse sind nicht automatisch ein Warnsignal, sie können aber die Fondsstabilität beeinträchtigen, wenn sie anhalten. Positiv ist immerhin, dass die kleinere Retail-Klasse R Mittelzuflüsse verzeichnete.
Bei den Erträgen zeigt sich, dass der Fonds klar auf Kurssteigerungen und nicht auf laufende Ausschüttungen ausgerichtet ist. Der ordentliche Nettoertrag war in beiden Anteilklassen negativ, weil die laufenden Kosten die Dividenden- und Zinserträge überstiegen. Die Jahresgewinne kamen überwiegend aus realisierten Veräußerungsgewinnen und vor allem aus nicht realisierten Bewertungsgewinnen. Für wachstumsorientierte Anleger ist das nicht ungewöhnlich, aber es bedeutet auch: Die Rendite hängt stark von weiter steigenden Kursen ab, nicht von einem stabilen laufenden Ertragsprofil.
Ein wesentlicher Punkt sind die Kosten. Die TER von 1,70 % für die I-Klasse ist für einen aktiv gemanagten Spezialfonds noch vertretbar, aber nicht günstig. Die TER von 2,35 % für die R-Klasse ist dagegen hoch. Dazu kommt bei der R-Klasse noch ein möglicher Ausgabeaufschlag von 5 %. Für Privatanleger ist die Retail-Klasse daher kostenmäßig eher unattraktiv, sofern kein rabattierter Zugang besteht. Wer investieren will, sollte aus Renditesicht genau prüfen, ob die Gebühren durch künftige Outperformance gerechtfertigt werden.
Positiv ist wiederum, dass der Jahresbericht insgesamt einen sauberen und transparenten Eindruck macht. Das Prüfungsurteil von KPMG ist uneingeschränkt. Es gab keine Derivate, keine Wertpapierleihe, keine Geschäfte mit verbundenen Unternehmen. Das reduziert Komplexität und potenzielle Interessenkonflikte. Allerdings fällt auf, dass der Fonds Nachhaltigkeitsrisiken nicht berücksichtigt und ausdrücklich als Artikel-6-Produkt klassifiziert ist. Für Anleger mit ESG-Fokus ist das ein klarer Nachteil.
Unterm Strich ist der Lotus Asia Selection aus Anlegersicht ein Fonds für Investoren, die bewusst auf aktives Stock-Picking in Asien setzen und bereit sind, dafür höhere Schwankungen sowie Konzentrationsrisiken in Kauf zu nehmen. Die Performance 2025 war ordentlich, das Portfolio wirkt ambitioniert und chancenorientiert. Gleichzeitig ist der Fonds nicht defensiv, nicht breit diversifiziert und wegen der teils kleineren bzw. nicht notierten Titel sowie der hohen Länderfokussierung eher ein satellitenfähiges Spezialinvestment als eine Basisanlage.
Fazit:
Für risikobereite Anleger mit langfristigem Horizont kann der Fonds interessant sein, vor allem wegen seines klaren Fokus auf unterrepräsentierte asiatische Wachstumsstories. Wer jedoch breite Streuung, geringe Kosten und hohe Liquidität sucht, dürfte mit einem breiteren Asien- oder Emerging-Markets-Fonds besser fahren. Besonders kritisch bleiben die hohe Konzentration auf Einzeltitel und Vietnam sowie die relativ hohen laufenden Kosten.