Second-Hand-Mode gilt für viele Menschen als nachhaltige Alternative zur Wegwerfmentalität der Fast-Fashion-Industrie. Plattformen wie Sellpy versprechen, gebrauchte Kleidung zu verkaufen, zu spenden oder zu recyceln – und damit einen Beitrag zu einer umweltfreundlicheren Modewelt zu leisten. Der Markt wächst rasant: In Deutschland werden inzwischen mehrere Milliarden Euro jährlich mit Second-Hand-Mode umgesetzt.
Doch eine Recherche des SWR wirft nun Fragen auf: Wie nachhaltig ist dieses Geschäftsmodell tatsächlich?
Das Versprechen der nachhaltigen Mode
Sellpy wirbt damit, Kleidung seiner Nutzerinnen und Nutzer weiterzuverkaufen und so Ressourcen zu sparen. Das Prinzip ist einfach: Kundinnen und Kunden schicken ihre aussortierten Kleidungsstücke an das Unternehmen. Dort werden die Artikel sortiert, fotografiert und über die Plattform weiterverkauft.
Was sich nicht verkaufen lässt, soll laut den Versprechen der Plattform gespendet oder recycelt werden.
Für viele Verbraucher klingt dieses Modell nach einer idealen Lösung: alte Kleidung loswerden und gleichzeitig etwas für Umwelt und Nachhaltigkeit tun.
Eine Reise um die Welt
Doch die Realität hinter den Kulissen ist deutlich komplexer. Die Journalistin Vanessa Materla vom SWR hat gemeinsam mit dem Rechercheteam eine ungewöhnliche Methode gewählt: Sie verfolgte den Weg einer einzelnen Hose.
Die Spur führte über mehrere Stationen – und über tausende Kilometer hinweg rund um den Globus.
Die Recherchen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Kleidung nicht direkt in Europa weiterverkauft wird. Stattdessen gelangt sie in internationale Second-Hand-Märkte, wo sie weiterverarbeitet, sortiert oder erneut verkauft wird.
Nicht alles wird wieder getragen
Ein Problem dabei: Ein großer Teil der weltweit gehandelten Altkleidung findet keinen neuen Besitzer. Gerade minderwertige oder stark abgenutzte Stücke landen am Ende nicht im Kleiderschrank eines neuen Besitzers, sondern im Müll.
In manchen Regionen – etwa in Teilen Afrikas oder Asiens – entstehen dadurch enorme Textilabfallberge, die nur schwer recycelt werden können.
Die Folge: Kleidung, die ursprünglich als nachhaltige Lösung gedacht war, kann letztlich zu einem globalen Umweltproblem werden.
Second-Hand boomt – aber auch Fast Fashion
Der Boom der Second-Hand-Plattformen ist eng mit der wachsenden Kritik an der Fast-Fashion-Industrie verbunden. Immer mehr Menschen kaufen Kleidung, die nur kurze Zeit getragen wird.
Second-Hand-Angebote scheinen daher eine Lösung zu sein. Experten warnen jedoch davor, dass solche Plattformen manchmal auch einen paradoxen Effekt haben könnten.
Wenn Konsumenten wissen, dass sie Kleidung leicht weiterverkaufen können, kaufen sie möglicherweise sogar mehr neue Kleidung, anstatt weniger.
Nachhaltigkeit mit Grenzen
Sellpy selbst betont, dass Wiederverkauf grundsätzlich nachhaltiger sei als das Wegwerfen von Kleidung. Tatsächlich spart jedes weitergetragene Kleidungsstück Ressourcen, etwa Wasser und Energie, die bei der Produktion neuer Textilien entstehen würden.
Doch die Recherche zeigt, dass das Nachhaltigkeitsversprechen der Branche nicht immer vollständig eingelöst wird.
Die globalen Wege der Kleidung, die großen Mengen unverkaufter Ware und die schwierige Recyclingfähigkeit vieler Textilien machen deutlich: Second-Hand allein löst das Problem der Modeindustrie nicht.
Ein wachsender Markt – und offene Fragen
Der Markt für gebrauchte Kleidung wächst weltweit weiter. Viele Verbraucher wollen nachhaltiger konsumieren und greifen bewusst zu Second-Hand-Angeboten.
Gleichzeitig zeigt die Recherche, dass Transparenz darüber wichtig ist, was wirklich mit der Kleidung passiert, die über solche Plattformen verkauft wird.
Die zentrale Frage bleibt daher: Ist Second-Hand wirklich eine nachhaltige Lösung – oder nur ein kleiner Teil eines viel größeren Problems in der globalen Modeindustrie?