„Wenn sich ein Isländer langweilt, eröffnet er ein Museum oder schreibt ein Buch.“ Dieses augenzwinkernde Sprichwort bringt auf den Punkt, was die nordatlantische Insel seit Jahrhunderten prägt: eine außergewöhnlich lebendige Literaturkultur. In Island erscheinen jedes Jahr zwischen 1.000 und 1.500 neue Bücher – bei gerade einmal knapp 400.000 Einwohnern.
Eine Quote, die weltweit ihresgleichen sucht.
Jeder Zehnte wird Autor
Statistisch veröffentlicht jeder zehnte Isländer im Laufe seines Lebens ein Buch. Ob Gedichtband, Roman, Krimi oder Kinderbuch – Schreiben gehört in Island fast selbstverständlich zur kulturellen Identität. Bücher sind dort kein Nischenprodukt, sondern Alltagskultur.
Besonders deutlich wird das in der sogenannten „Jólabókaflóð“, der Weihnachtsbuchflut. In der Vorweihnachtszeit erscheinen besonders viele Neuerscheinungen, Bücher werden traditionell verschenkt – und am Heiligabend gelesen. Literatur ist fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Historische Wurzeln: Die Sagas
Die besondere Stellung des geschriebenen Wortes reicht tief in die Geschichte zurück. Bereits im Mittelalter entstanden auf der Insel die berühmten Isländersagas – detaillierte Erzählungen über Familien, Fehden, Reisen und Heldentaten. Diese Texte gehören heute zum kulturellen Erbe Europas.
Das Erzählen – zunächst mündlich, später schriftlich – wurde zur tragenden Säule der Identität. In einem Land mit rauem Klima, langen Wintern und geografischer Isolation entwickelte sich Literatur zu einem sozialen Bindeglied.
Autoren als kulturelle Helden
Dichter und Schriftsteller genießen in Island traditionell großes Ansehen. Berühmte Autoren wie Halldór Laxness, der 1955 den Literaturnobelpreis erhielt, sind nationale Ikonen. Auch zeitgenössische Schriftsteller und Krimiautoren prägen das internationale Bild der Insel.
Lesungen, Literaturfestivals und kleine unabhängige Verlage spielen eine zentrale Rolle im kulturellen Leben. Die Schwelle zur Veröffentlichung ist vergleichsweise niedrig – was die beeindruckende Zahl an Neuerscheinungen erklärt.
Kultur als Gemeinschaftsprojekt
In Island ist Schreiben kein exklusiver Akt einer kleinen intellektuellen Elite. Viele Menschen schreiben neben ihrem Beruf: Lehrer, Fischer, Ärztinnen oder Handwerker. Die Literaturlandschaft ist breit aufgestellt, getragen von einer Gesellschaft, in der Sprache und Erzähltradition identitätsstiftend wirken.
Auch die hohe Alphabetisierungsrate und ein stark ausgeprägtes Bildungssystem fördern die literarische Produktion. Lesen wird früh gefördert, Bibliotheken sind weit verbreitet und gut besucht.
Fazit
Island zeigt, dass Literatur mehr sein kann als Markt und Bestsellerlisten. Auf der Insel ist das Schreiben Ausdruck von Gemeinschaft, Erinnerung und Selbstverständnis.
In einem Land mit weniger Einwohnern als viele europäische Großstädte entsteht jedes Jahr eine beeindruckende Fülle an Geschichten – als würde die Landschaft aus Lava, Gletschern und Nordlichtern selbst zum Erzählen drängen.