Dark Mode Light Mode

Shaheen Malik: Der unermüdliche Kampf einer Säureangriffs-Überlebenden für Gerechtigkeit

Shaheen Malik trägt die Narben eines grausamen Verbrechens – sichtbar auf ihrem Gesicht und unsichtbar in ihrem Alltag. Seit einem Säureangriff im Jahr 2009 hat sie 25 Operationen über sich ergehen lassen und auf einem Auge ihr Augenlicht verloren. Doch statt sich zurückzuziehen, kämpft die heute 42-Jährige unermüdlich für Gerechtigkeit – für sich selbst und für andere Betroffene in Indien.

Der Angriff ereignete sich vor 16 Jahren vor ihrem Arbeitsplatz im Bundesstaat Haryana. Malik war damals in ihren Zwanzigern und arbeitete als Studienberaterin. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit gegen die mutmaßlichen Täter. Im Dezember wurden diese von einem Gericht freigesprochen – ein schwerer Schlag für Malik. Doch sie hat Berufung eingelegt. „Ich will, dass mein Fall zeigt, dass Täter nicht ungestraft davonkommen“, sagt sie entschlossen.

Ihr Engagement geht längst über den eigenen Fall hinaus. 2021 gründete sie gemeinsam mit der bekannten Aktivistin Laxmi Agarwal die Organisation „Brave Souls Foundation“. Die Stiftung bietet Überlebenden von Säureangriffen rechtliche Unterstützung, medizinische Hilfe und eine sichere Unterkunft. Rund 50 Betroffene leben derzeit im Schutzhaus der Organisation in Delhi.

Eine von ihnen ist Ruman (Name geändert). Ihr Ehemann soll sie 2019 im Zuge häuslicher Gewalt gezwungen haben, Säure zu trinken. Die Folge: schwere innere Verletzungen, eine künstlich rekonstruierte Speiseröhre und lebenslange gesundheitliche Einschränkungen. Mit 28 Jahren wiegt sie nur noch 21 Kilogramm. Trotz ihres Zustands hat sie bislang keinen Anspruch auf Entschädigung nach dem indischen Behindertenrecht.

Der Grund liegt in einer Gesetzeslücke: Das „Rights of Persons with Disabilities Act“ von 2016 erkennt nur sichtbare Entstellungen durch das Werfen von Säure an – nicht jedoch innere Schäden durch erzwungenes Einnehmen. Malik hat deshalb im Dezember eine Petition beim Obersten Gerichtshof eingereicht, um diese Ungleichbehandlung anzufechten.

Die Zahlen zeigen die Dringlichkeit des Problems. Laut dem National Crime Records Bureau stieg die Zahl der registrierten Säureangriffe in Indien von 176 Fällen im Jahr 2021 auf 207 im Jahr 2023. Gleichzeitig ist die Verurteilungsrate erschreckend niedrig. Von 703 anhängigen Verfahren im Jahr 2023 wurden lediglich 43 abgeschlossen – mit nur 16 Verurteilungen.

Der Oberste Gerichtshof reagierte kürzlich mit deutlichen Worten. Er forderte strengere Strafen, jährliche Berichte der Bundesstaaten und sogar die Versteigerung von Tätervermögen zur Entschädigung der Opfer. Zudem wurde über eine mögliche Beweislastumkehr diskutiert.

Doch Malik betont, dass Gesetze allein nicht ausreichen. Viele Krankenhäuser verweigerten trotz gesetzlicher Verpflichtung eine kostenlose Behandlung oder verlangten gerichtliche Anordnungen. Zudem sei Säure trotz bestehender Vorschriften weiterhin leicht erhältlich.

Neben juristischen Hürden kämpfen Überlebende auch mit gesellschaftlicher Ausgrenzung. Malik berichtet, dass Vermieter ihr die Anmietung von Büroräumen verweigerten – aus Angst vor „Unglück“ oder wegen des Anblicks der Narben.

Trotz aller Rückschläge bleibt sie standhaft. „Ein einziger Angriff verändert unser ganzes Leben. Aber wir haben ein Recht auf Würde und Gerechtigkeit“, sagt sie. Ihr Kampf ist noch lange nicht vorbei – doch Aufgeben ist für Shaheen Malik keine Option.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Sicherungsmaßnahmen im Insolvenzverfahren der EDF GmbH European Development Foundation aufgehoben

Next Post

Vorläufige Insolvenzverwaltung für Ssoul5 Dining GmbH angeordnet