Der Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels, den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit deutlich einzuschränken, hat eine parteiübergreifende Kontroverse ausgelöst – und stößt nicht nur bei SPD, Grünen und Linken, sondern auch innerhalb der Union auf scharfen Widerstand. Kritiker werfen dem Wirtschaftsflügel vor, die Lebensrealität von Millionen Beschäftigten zu verkennen und mühsam erkämpfte Arbeitnehmerrechte infrage zu stellen.
Ausgangspunkt der Debatte ist ein Antrag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) für den CDU-Bundesparteitag im Februar. Darin fordert der Wirtschaftsflügel, den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit abzuschaffen beziehungsweise stark zu begrenzen. Künftig solle Teilzeit nur noch dann beansprucht werden können, wenn „besondere Gründe“ vorliegen – etwa Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder Weiterbildungen. Freiwillige Teilzeit aus Gründen der persönlichen Lebensgestaltung wird im Antrag abwertend als „Lifestyle-Teilzeit“ bezeichnet. Begründet wird der Vorstoß mit dem Fachkräftemangel: Wer mehr arbeiten könne, solle dies auch tun.
Diese Argumentation sorgt für massiven Widerspruch. SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt sprach von einem Angriff auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es sei „außerordentlich widersprüchlich“, Beschäftigten Faulheit zu unterstellen und sie zur Mehrarbeit drängen zu wollen, während gleichzeitig Menschen abgeschoben würden, die integriert seien und arbeiteten. Statt Arbeitnehmerrechte zu schleifen, müsse die Politik in Bildung, Qualifizierung und Produktivität investieren, betonte Schmidt.
Auch die Grünen reagierten empört. Der arbeitspolitische Sprecher Armin Grau nannte den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ respektlos gegenüber hart arbeitenden Menschen. Viele arbeiteten nicht aus Bequemlichkeit weniger, sondern wegen Krankheit, hoher psychischer Belastung oder fehlender Kinderbetreuung. Gerade Frauen wollten oft mehr arbeiten, scheiterten jedoch an mangelnden Betreuungsangeboten. Die Lösung liege nicht im Entzug von Rechten, sondern in besseren Rahmenbedingungen.
Deutliche Kritik kommt zudem aus der eigenen Partei. Der Vorsitzende des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, warnte davor, „das Pferd von der falschen Seite aufzuzäumen“. Die CDU habe sich immer für Wahlfreiheit eingesetzt. Wer mehr Vollzeit wolle, müsse zuerst die Voraussetzungen schaffen – etwa durch verlässliche Kinderbetreuung und bessere Pflegeinfrastruktur. Ohne diese Reformen bleibe der Ruf nach mehr Arbeitszeit realitätsfern.
Die Linke geht noch weiter. Parteichefin Ines Schwerdtner sprach von einer „Attacke auf hart arbeitende Menschen, besonders auf Frauen“. Teilzeit sei kein Luxus, sondern für viele die einzige Möglichkeit, Beruf, Familie und Pflege zu vereinbaren. Wer dieses Recht einschränke, dränge vor allem Frauen aus dem Arbeitsmarkt und verschärfe Einkommens- und Altersarmut. Fraktionschef Sören Pellmann sprach gar von „Gutsherrenart“ und einem rückwärtsgewandten Arbeitsverständnis.
Die Zahlen geben den Kritikern Rückenwind: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiteten 2024 rund 29 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland in Teilzeit – so viele wie nie zuvor. Fast jede zweite Frau war betroffen, bei den Männern etwa jeder Achte. Für viele ist Teilzeit damit keine Frage des Lebensstils, sondern Ausdruck struktureller Probleme.
Die Debatte zeigt: Der CDU-Vorstoß trifft einen empfindlichen Nerv. Während der Wirtschaftsflügel auf mehr Arbeitsstunden und Fachkräftesicherung drängt, warnen Kritiker davor, soziale Realitäten zu ignorieren. Ob der Antrag auf dem Parteitag Bestand haben wird, ist offen – der Widerstand dagegen ist jedenfalls laut, breit und parteiübergreifend.