China könnte dabei sein, das globale Rennen um Künstliche Intelligenz (KI) leise, aber entschlossen für sich zu entscheiden. Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit oft auf US-Unternehmen wie OpenAI, Meta oder Google richtet, gewinnen chinesische KI-Modelle im Hintergrund zunehmend an Bedeutung – vor allem durch ihre Offenheit, Effizienz und niedrigen Kosten.
Ein Beispiel dafür ist Pinterest. Die US-Plattform experimentiert seit Anfang 2025 mit chinesischen KI-Modellen wie DeepSeek R-1, um ihre Empfehlungs- und Shopping-Funktionen zu verbessern. Laut CEO Bill Ready markierte der Start von DeepSeek einen Wendepunkt: Das Modell wurde als Open Source veröffentlicht und löste eine Welle weiterer frei verfügbarer KI-Systeme aus. Neben DeepSeek zählen auch Alibabas Qwen, Moonshots Kimi und Entwicklungen von ByteDance zu den ernstzunehmenden Wettbewerbern.
Der große Vorteil dieser Modelle liegt in ihrer Offenheit. Unternehmen können sie herunterladen, anpassen und in ihre eigene Infrastruktur integrieren – etwas, das bei vielen US-Modellen nicht möglich ist. Pinterest-CTO Matt Madrigal betont, dass intern trainierte Modelle auf Basis von Open Source nicht nur rund 30 % genauer seien, sondern auch bis zu 90 % günstiger als proprietäre Alternativen.
Pinterest ist dabei kein Einzelfall. Airbnb setzt für seinen KI-Kundenservice stark auf Alibabas Qwen. CEO Brian Chesky nennt drei Gründe: Die Technologie sei „sehr gut“, „schnell“ und „billig“. Auch auf der Entwicklerplattform Hugging Face dominieren chinesische Modelle zunehmend die Download-Charts. Wochenweise stammen vier der fünf beliebtesten Trainingsmodelle von chinesischen KI-Labs. Im September überholte Qwen sogar Metas lange führendes Llama.
Diese Entwicklung markiert einen Stimmungswechsel. Noch 2024 galt Meta mit Llama als erste Wahl für Entwickler. Doch neuere Versionen enttäuschten viele, während chinesische Anbieter mit kontinuierlichen Verbesserungen und klarer Open-Source-Strategie überzeugten. Selbst Meta greift inzwischen auf externe Open-Source-Modelle zurück, um neue Systeme zu trainieren.
Laut einem aktuellen Stanford-Bericht haben chinesische KI-Modelle technologisch aufgeholt oder sogar die Führung übernommen – sowohl bei Leistungsfähigkeit als auch bei Verbreitung. Ein Grund dafür könnte die staatliche Unterstützung in China sein. Gleichzeitig stehen US-Unternehmen unter starkem wirtschaftlichem Druck, profitabel zu werden. OpenAI etwa setzt weiterhin auf proprietäre Modelle und neue Einnahmequellen wie Werbung.
Der ehemalige britische Vizepremier Sir Nick Clegg sieht darin eine Ironie: Während die USA auf schwer greifbare Visionen wie „Superintelligenz“ setzen, demokratisiert China durch Open Source aktiv die Technologie. Das könnte langfristig den Ausschlag im globalen KI-Wettbewerb geben.