Nur wenige Schritte trennen im Gerichtssaal von Magdeburg Opfer und Täter. Für viele Zeuginnen und Zeugen ist dieser Moment kaum auszuhalten. Angst, Panikattacken, Zittern, Tränen – wer im Terrorprozess zum Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt aussagt, wird oft mit den schlimmsten Erinnerungen konfrontiert. Um diese Menschen nicht allein zu lassen, spielt die Zeugenbetreuung eine zentrale, bislang kaum sichtbare Rolle.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialen Dienstes der Justiz Sachsen-Anhalt begleiten die Betroffenen vor, während und nach ihrer Aussage. Sie erklären Abläufe, hören zu, geben Halt – auch direkt im Gerichtssaal. Für viele Zeugen ist es eine enorme Überwindung, detailliert von Todesangst, Chaos und Verlust zu berichten, während alle Blicke auf sie gerichtet sind und der Angeklagte nur wenige Meter entfernt sitzt.
Wegen der außergewöhnlichen Dimension des Verfahrens wurde die Zeugenbetreuung massiv ausgeweitet. Statt eines kleinen Teams stehen inzwischen mehr als 30 speziell geschulte Kräfte bereit, um die Vielzahl der Betroffenen aufzufangen. An den bisherigen Prozesstagen wurden bereits zahlreiche Zeugen intensiv betreut, viele von ihnen schwer traumatisiert. Schlaflosigkeit, Angst vor Menschenmengen, vor Fahrzeugen oder lauten Geräuschen prägen bis heute ihren Alltag.
Die Unterstützung beginnt lange vor der eigentlichen Aussage. In Vorgesprächen wird erklärt, was im Gericht passiert, welche Rechte und Pflichten Zeugen haben und wie eine Vernehmung abläuft. Auf Wunsch können Betroffene den Saal vorab besichtigen. Am Verhandlungstag selbst geht es oft um ganz praktische Dinge: essen, trinken, atmen, einen klaren Gedanken fassen. Manche brauchen Bewegung, andere Ablenkung, wieder andere einfach jemanden, der still neben ihnen sitzt.
Selbst kleinste Details wurden angepasst, um die Belastung zu senken. Wasser und Taschentücher auf dem Zeugentisch – eigentlich unüblich – sind in diesem Prozess ausdrücklich erlaubt. Auch kleine Hilfsmittel wie Akupressur-Ringe helfen manchen, die innere Anspannung zu kontrollieren. Nach der Aussage bleibt oft Erschöpfung zurück – bei den Zeugen ebenso wie bei den Betreuern selbst.
Denn auch für die Unterstützer ist die Nähe zu den geschilderten Erlebnissen emotional fordernd. Sie hören von Todesangst, Verletzten, Sterbenden, von Schuldgefühlen und von Leben, die sich seit dem Anschlag unwiderruflich verändert haben. Distanz zu wahren ist kaum möglich. Tränen gehören auch für sie zum Alltag dieses Verfahrens.
Dass diese intensive staatliche Opfer- und Zeugenhilfe in dieser Form möglich ist, gilt als Besonderheit über Sachsen-Anhalt hinaus. Von Beginn an waren die Betreuer in die Planung des Prozesses eingebunden – von Raumkonzepten bis zu Abläufen. Ziel ist es, den Menschen, die den Terror überlebt haben, zumindest im Gericht nicht erneut schutzlos ausgeliefert zu sein.
Der Magdeburger Prozess zeigt damit nicht nur die juristische Aufarbeitung eines Anschlags, sondern auch, wie entscheidend menschliche Begleitung ist, wenn Opfer ihre Stimme erheben. Für viele ist sie der einzige Grund, diesen Schritt überhaupt gehen zu können.