Deutschlands Energiesystem erlebt einen tiefgreifenden Umbruch – leise, aber mit enormer Wucht. Was vor zwei Jahrzehnten kaum jemand für möglich gehalten hätte, ist inzwischen Realität: Solarenergie hat die Kohle überholt, Wind und Sonne sind erstmals die tragenden Säulen der Stromerzeugung, und der Strompreis beginnt sich vom Gaspreis zu entkoppeln. Für Energieexperten markiert das einen historischen Wendepunkt.
„Das ist eine grundlegende Veränderung“, sagt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme und Leiter der Datenplattform Energy-Charts. Seine Analysen zeigen, wie rasant sich das deutsche Stromsystem wandelt. Im Jahr 2025 erzeugte Deutschland so viel Solarstrom wie nie zuvor – mehr als aus Braun- und Steinkohle zusammen. Damit wurde ein symbolträchtiges Kapitel der Energiewende aufgeschlagen: Erstmals dominierten Wind- und Sonnenenergie gemeinsam die Stromproduktion.
Diese Entwicklung ist kein deutsches Einzelphänomen. Auch europaweit hat Solarenergie im vergangenen Jahr Kohle als Stromquelle überholt. Der massive Ausbau erneuerbarer Energien in vielen EU-Staaten verstärkt den Trend – mit spürbaren Folgen für Märkte und Preise. Frühere extreme Preisspitzen an den Strombörsen sind weitgehend verschwunden. In den Sommermonaten kam es 2025 sogar erstmals in größerem Maßstab dazu, dass sich der Strompreis vom Gaspreis abkoppelte. Teilweise lag er nur noch bei der Hälfte dessen, was er bei gasdominierten Märkten gekostet hätte.
Besonders eindrucksvoll sind einzelne Rekordmomente: Am 20. Juni 2025 speisten Solaranlagen kurzzeitig so viel Strom ins Netz ein, dass sie beinahe den gesamten deutschen Bedarf deckten. Schon heute gibt es Phasen, in denen Deutschland rechnerisch vollständig mit Solarenergie versorgt wird – zumindest für einige Stunden. „Vor 20 Jahren hätte niemand erwartet, dass das möglich ist“, sagt Gandhi. Der nächste Schritt sei, diese Zeiträume auf ganze Tage auszudehnen.
Trotz dieser Erfolge warnt der Experte vor politischen Fehlschlüssen. Dass der Stromverbrauch langsamer wächst als erwartet, werde derzeit genutzt, um die Ausbauziele für erneuerbare Energien infrage zu stellen. Gandhi hält das für gefährlich. „Das ist symptomatisch für das Festhängen am Energiesystem von 2005“, sagt er. Statt den Ausbau zu bremsen, brauche es einen sogenannten Pull-Effekt: Sinkende Strompreise durch mehr erneuerbare Erzeugung könnten Elektromobilität, Wärmepumpen und elektrische Industrieprozesse beschleunigen.
Zwar hat der Stromsektor entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland seine Klimaziele für 2025 – wenn auch knapp – erreicht hat. Die CO₂-Emissionen in diesem Bereich sind seit 1990 um rund 55 Prozent gesunken. Doch andere Sektoren wie Verkehr, Gebäude und Industrie hinken hinterher. Der Strombereich kann diese Versäumnisse nicht dauerhaft ausgleichen.
Ein weiteres zentrales Thema ist die Infrastruktur. Der Ausbau von Netzen und Speichern hinkt dem Tempo der erneuerbaren Energien hinterher. Noch immer werden Solar- und Windanlagen gelegentlich abgeregelt, weil Netze überlastet sind oder Strompreise ins Negative rutschen. Doch diese Abregelungen liegen laut Energy-Charts nur im einstelligen Prozentbereich – für Gandhi kein Argument, den Ausbau zu drosseln. Im Gegenteil: Batteriespeicher, intelligente Netze und flexible Stromtarife seien der Schlüssel für die nächste Phase der Energiewende.
Auch beim Thema Versorgungssicherheit fordert Gandhi ein Umdenken. Neue Gaskraftwerke seien kurzfristig notwendig, um alte Kohlemeiler zu ersetzen und Dunkelflauten abzusichern. Langfristig jedoch könnten Batteriespeicher und flexible Verbraucher diese Rolle deutlich kostengünstiger übernehmen. Die klassische Logik, bei der die Stromerzeugung dem Verbrauch folgt, kehre sich zunehmend um: Künftig müsse sich der Verbrauch stärker an der Erzeugung orientieren.
Für Verbraucher zeichnen sich ebenfalls Veränderungen ab. Während die Börsenstrompreise 2025 leicht gestiegen sind, sind die Endkundenpreise weiter gefallen – mit zeitlicher Verzögerung. Experten erwarten, dass sinkende Großhandelspreise in den kommenden Jahren stärker bei Haushalten ankommen. Wer besonders profitieren will, benötigt allerdings moderne Stromzähler und flexible Tarife.
Unterm Strich steht fest: Deutschlands Stromsystem befindet sich mitten in einer Transformation, die weit über einzelne Technologien hinausgeht. Der Abschied von fossilen Preislogiken, die wachsende Dominanz von Solar- und Windenergie und die Entkopplung vom Gaspreis markieren den Beginn einer neuen energiepolitischen Ära – mit Chancen, aber auch mit der Notwendigkeit, alte Denkweisen konsequent hinter sich zu lassen.