Die Ukraine steht vor einer der schwersten Energiekrisen seit Beginn des Krieges. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat offiziell den Notstand im Energiesektor ausgerufen, mit besonderem Fokus auf die Hauptstadt Kyjiw. Anhaltende russische Raketen- und Drohnenangriffe treffen gezielt die Energieinfrastruktur des Landes – und das ausgerechnet während einer extremen Kälteperiode mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius.
Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind in den vergangenen Wochen Tausende Haushalte zeitweise ohne Strom, Heizung oder fließendes Wasser geblieben. Besonders gravierend war ein Angriff in der vergangenen Woche, nach dem rund 70 Prozent von Kyjiw mehrere Stunden lang ohne Strom waren. Selenskyj warf Russland vor, den Winter bewusst als „Waffe“ einzusetzen, um den Druck auf die Zivilbevölkerung zu erhöhen.
Nach einer Sondersitzung des Kabinetts kündigte der Präsident die Einrichtung eines rund um die Uhr arbeitenden Krisenstabs an. Dieser soll Schäden an der Energieversorgung schnell beheben und die Auswirkungen der Angriffe abmildern. Zudem sollen dringend benötigte Energieanlagen und Ersatzteile aus dem Ausland beschafft werden, um zerstörte Infrastruktur zu ersetzen. Die Koordination der Maßnahmen übernimmt der Erste Vizepremierminister und Energieminister der Ukraine.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der direkten Unterstützung der Bevölkerung. In Kyjiw sollen zusätzliche staatliche Wärme- und Hilfspunkte eingerichtet werden, an denen Bürgerinnen und Bürger Strom, Wärme und Informationen erhalten können. In diesem Zusammenhang wird auch über eine mögliche Lockerung der nächtlichen Ausgangssperre diskutiert, um den Zugang zu diesen Hilfsstellen zu erleichtern.
Die Angriffe beschränken sich jedoch nicht auf die Hauptstadt. In der Südostukraine waren laut Behörden zuletzt mehr als eine Million Menschen stundenlang ohne Heizung und Wasserversorgung. Der größte private Energieversorger des Landes, DTEK, spricht von einem dauerhaften Krisenzustand. Unternehmenschef Maxim Timtschenko erklärte, das Stromnetz werde immer wieder in Wellen mit Drohnen sowie Marsch- und ballistischen Raketen attackiert. Die Reparaturarbeiten kämen kaum hinterher, da die Angriffe zu häufig seien.
Während sich der vierte Jahrestag der russischen Großinvasion nähert, verschärft sich auch die politische Lage. US-Präsident Donald Trump erklärte gegenüber Reuters, dass sich Friedensverhandlungen verzögerten, da die Ukraine aus seiner Sicht weniger kompromissbereit sei als Russland. Beide Staatschefs werden zwar beim Weltwirtschaftsforum in der Schweiz erwartet, konkrete Gespräche sind jedoch nicht geplant.
Für die Ukraine bleibt die Lage angespannt: Zwischen eisigem Winter, zerstörter Infrastruktur und geopolitischem Druck wird die Energieversorgung zunehmend zur Frage des Überlebens.