Auf Londons Straßen breitet sich eine tödliche Bedrohung aus – lautlos, unscheinbar und von erschreckender Wucht. Die synthetische Droge Cychlorphine, von Experten als bis zu 200-mal stärker als Heroin eingestuft, fordert immer mehr Todesopfer. Besonders betroffen sind jene, die ohnehin am Rand der Gesellschaft leben: Obdachlose, Drogenabhängige, Menschen ohne medizinische Versorgung und ohne Stimme.
Allein im vergangenen Monat starben im Londoner Stadtteil Camden nach Angaben der Polizei drei Menschen an einer Überdosis. Die Hilfsorganisation Change Grow Live (CGL) geht für das gesamte Jahr von mindestens 13 Todesfällen in London aus – doch das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Die tatsächliche Zahl, so warnen Experten, liege vermutlich deutlich höher.
Das liegt auch daran, dass Cychlorphine noch kaum erfasst wird. Die Substanz wurde erst im vergangenen Jahr erstmals in London nachgewiesen. Viele Krankenhäuser und Gerichtsmediziner testen bislang nicht routinemäßig auf synthetische Opioide dieser Art. Todesfälle werden häufig pauschal als Heroin-Überdosen registriert. Hinzu kommt, dass sich Cychlorphine im Körper möglicherweise schnell abbaut – ähnlich wie andere hochpotente synthetische Opioide – und bei Obduktionen kaum nachweisbar ist.
„Die Informationen über Cychlorphine sind sehr begrenzt. Wir wissen noch erschreckend wenig“, sagt Vicki Markiewicz, Geschäftsführerin von CGL. Genau das mache die Droge so gefährlich. Sie werde meist nicht als eigenständige Substanz konsumiert, sondern anderen Drogen oder Medikamenten beigemischt – als Pulver, in Tablettenform oder sogar in Flüssigkeiten. Besonders häufig wurde sie bislang in Heroin sowie in gefälschten Schmerzmitteln wie Oxycodon entdeckt. Inzwischen gibt es aber auch Fälle, in denen Kokain mit Cychlorphine versetzt war.
Die Herkunft der Substanz liegt mutmaßlich in illegalen Laboren in Asien, vermutlich in Indien oder China. Dort herrschen offenbar kaum Sicherheitsstandards, was das Risiko von Fehlmischungen und Kreuzkontaminationen weiter erhöht. Für Konsumenten ist damit völlig unklar, was sie tatsächlich einnehmen – und in welcher Dosis.
Die tödliche Entwicklung beschränkt sich längst nicht mehr auf Großbritannien. Auch in Deutschland ist Cychlorphine bereits angekommen. Die Deutsche Aidshilfe und der JES Bundesverband warnten Ende 2025 vor der neuen Droge, nachdem sie im Raum Karlsruhe als farbloses E-Liquid aufgetaucht war. Die Wirkung soll ähnlich extrem sein wie die von Fentanyl. Die Uniklinik Freiburg berichtet zudem von einem Beinahe-Todesfall, bei dem Cychlorphine in falsch deklarierten Tabletten aus dem Internet enthalten war.
Cychlorphine steht damit exemplarisch für eine neue Generation synthetischer Drogen: hochpotent, billig herzustellen, schwer nachweisbar – und tödlich. Während Behörden und medizinische Einrichtungen noch versuchen, Schritt zu halten, bezahlen die Schwächsten den Preis. Auf den Straßen Londons ist die Droge längst Realität. Und ihr Schatten reicht inzwischen weit über die Stadtgrenzen hinaus.