Interview mit Rechtsanwalt Niklas Linnemann, Dresden
Redaktion: Herr Linnemann, die BaFin warnt aktuell gleich vor mehreren Betrugsmodellen: Telegram‑Gruppen, Handels‑Apps wie „NYLI“ und „NYLIPLUS“ sowie dutzende nahezu identische Krypto‑Websites ohne Erlaubnis. Wie ernst ist die Lage für Anleger?
Niklas Linnemann:
Sehr ernst. Wir sehen hier kein Einzelphänomen mehr, sondern ein professionell organisiertes Betrugssystem. Die Masche ist immer ähnlich: angeblich exklusive Telegram‑Gruppen, seriös klingende Namen, gefälschte Identitäten bekannter Finanzhäuser und dazu Apps oder Websites, die auf den ersten Blick modern und vertrauenswürdig wirken. In Wahrheit handelt es sich um unerlaubte Finanz‑ und Kryptowerte‑Dienstleistungen.
Redaktion: Viele Betroffene fragen sich: Ist mein Geld jetzt verloren?
Linnemann:
Nein – zumindest nicht automatisch. Aber Zeit ist der entscheidende Faktor. Je schneller reagiert wird, desto größer sind die Chancen, Zahlungsströme nachzuverfolgen, Konten einzufrieren oder beteiligte Zahlungsdienstleister in die Haftung zu nehmen. Wer abwartet, spielt den Tätern in die Hände.
Redaktion: Was sollten betroffene Anleger konkret als Erstes tun?
Linnemann:
-
Sofort keinen weiteren Kontakt zu den Plattformbetreibern oder Telegram‑„Beratern“.
-
Keine Nachzahlungen leisten, auch nicht für angebliche „Freischaltungen“, „Steuern“ oder „Auszahlungsgebühren“.
-
Alle Beweise sichern: Chats, E‑Mails, Wallet‑Adressen, Transaktions‑Hashes, Screenshots der Apps und Websites.
-
Zahlungswege prüfen lassen, insbesondere bei Überweisungen, Kreditkarten oder Krypto‑Transfers.
-
Strafanzeige erstatten – und parallel rechtlich prüfen lassen, ob Ansprüche gegen Zahlungsdienstleister bestehen.
Redaktion: Die BaFin spricht ausdrücklich von Identitätsmissbrauch, etwa unter dem Namen „MacKay Shields“. Welche Bedeutung hat das juristisch?
Linnemann:
Das ist ein zentraler Punkt. Identitätsmissbrauch zeigt, dass hier bewusst Vertrauen erschlichen wurde. Für Anleger ist wichtig: Sie haben nicht fahrlässig gehandelt, sondern wurden gezielt getäuscht. Das kann bei der rechtlichen Bewertung – etwa gegenüber Banken oder Plattformen – eine große Rolle spielen.
Redaktion: Viele der nun genannten Krypto‑Websites dienen offenbar nur der Datensammlung. Wie gefährlich ist das?
Linnemann:
Extrem gefährlich. Wer dort seine Daten eingibt, wird oft an weitere Betrüger „weitergereicht“. Das erklärt, warum Betroffene plötzlich von mehreren angeblichen Brokern kontaktiert werden. Deshalb gilt: Datenmissbrauch ernst nehmen, Passwörter ändern, Wallets sichern und im Zweifel neue anlegen.
Redaktion: Ihr Fazit für Anleger?
Linnemann:
Diese Fälle zeigen: Hochglanz‑Websites, KI‑Begriffe, „innovativster Krypto‑Handel“ und Chatgruppen sind kein Qualitätsmerkmal. Wer betroffen ist, sollte sich nicht schämen – sondern handeln. Rechtzeitig. Denn oft ist mehr zu retten, als viele zunächst glauben.