Web-Archive gelten bislang als digitales Gedächtnis des Internets. Sie sollen dokumentieren, was zu einem bestimmten Zeitpunkt online veröffentlicht wurde – unveränderlich, überprüfbar und verlässlich. Doch genau dieses Fundament gerät nun ins Wanken. Forschende aus Braunschweig kommen zu dem alarmierenden Ergebnis: Selbst archivierte Internetseiten lassen sich nachträglich manipulieren. Damit steht nicht weniger als die Glaubwürdigkeit digitaler Beweise und historischer Dokumentation im Netz auf dem Spiel.
Ausgangspunkt der aktuellen Debatte sind politische Eingriffe in digitale Inhalte. Anfang des Jahres ließ die US-Regierung unter Präsident Trump zahlreiche wissenschaftliche und gesellschaftlich relevante Informationen aus dem Netz entfernen. Betroffen waren unter anderem Daten zum Klimawandel, zu Rassismus in den USA sowie Inhalte mit Bezug zur LGBTQ-Community. Auch eine offizielle Hilfeseite der US-Regierung zum Thema Mobbing von LGBTQ-Personen wurde gesperrt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA und Europa warnten bereits im März davor, dass durch solche Maßnahmen Wissen gezielt gelöscht und wissenschaftliche Arbeit behindert werde.
Um diese Inhalte zumindest teilweise zu retten, griffen viele Forschende auf unabhängige Web-Archive zurück. Webseiten wurden kopiert, gespeichert und – wenn möglich – auf Servern außerhalb der USA abgelegt. Die Hoffnung: So ließen sich die Informationen dauerhaft sichern und politischem Einfluss entziehen. Doch genau hier setzt die neue Forschung aus Braunschweig an – und stellt diese Hoffnung grundlegend infrage.
Sicherheitslücken im digitalen Gedächtnis
Ein Forschungsteam der Technische Universität Braunschweig hat untersucht, wie sicher solche Web-Archive tatsächlich sind. Das Ergebnis ist ernüchternd. Nach Aussage der Wissenschaftler weisen viele bekannte Archive gravierende Sicherheitslücken auf, die es ermöglichen, archivierte Inhalte nachträglich zu verändern oder gezielt zu verfälschen.
„Die von uns aufgedeckten Sicherheitslücken erlauben effektiv, nachträglich archivierte Web-Inhalte zu verfälschen – also über die Vergangenheit zu lügen“, erklärt Martin Johns, Professor am Institut für Anwendungssicherheit der TU Braunschweig. Die Forscher untersuchten insgesamt acht bekannte Internetarchive, darunter das weltweit verbreitete Archiv Wayback Machine sowie den kostenpflichtigen Archivierungsdienst Perma.cc, der von der Harvard University betrieben wird.
Zwei neue Angriffsmodelle
Besonders brisant: Die Braunschweiger Wissenschaftler entwickelten im Rahmen ihrer Forschung zwei neue Angriffsmodelle. Mit diesen sei es möglich, eigene Webseiten gezielt vor der Archivierung zu verstecken oder bereits gespeicherte Inhalte im Nachhinein beliebig zu manipulieren. In der Praxis bedeutet das, dass Archivkopien nicht zwingend das widerspiegeln, was zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich online war.
Damit verlieren Web-Archive einen Teil ihrer bisherigen Funktion als verlässliche Quelle – etwa für Journalisten, Gerichte, Wissenschaftler oder Historiker. Wenn archivierte Inhalte nicht mehr als unveränderlich gelten können, wird auch ihre Beweiskraft massiv geschwächt.
Gefahr für Wissenschaft, Demokratie und Rechtsstaat
Die Erkenntnisse aus Braunschweig haben weitreichende Konsequenzen. Web-Archive spielen eine zentrale Rolle bei der Dokumentation politischer Entscheidungen, wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesellschaftlicher Debatten. Sie werden genutzt, um nachzuweisen, welche Informationen Regierungen, Unternehmen oder Organisationen zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht oder später entfernt haben.
Wenn jedoch selbst diese Archive manipulierbar sind, entsteht ein neues Risiko: Digitale Geschichte wird formbar. Inhalte könnten nachträglich „bereinigt“, abgeschwächt oder verfälscht werden – ohne dass dies für Außenstehende erkennbar ist. Für die Wissenschaft, die auf belastbare Quellen angewiesen ist, ebenso wie für demokratische Kontrollmechanismen, stellt das eine ernsthafte Bedrohung dar.
Die Forscher fordern daher, Web-Archive künftig technisch deutlich besser abzusichern und ihre Funktionsweise transparenter zu gestalten. Nur so könne verhindert werden, dass das Internet zwar scheinbar nichts vergisst – aber am Ende dennoch eine manipulierte Version der Vergangenheit zeigt.