Die US-Gesundheitspolitik erlebt einen tiefgreifenden Kurswechsel: Erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten empfiehlt die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) nicht mehr grundsätzlich, alle Neugeborenen gegen Hepatitis B zu impfen. Statt einer pauschalen Vorsorge sollen Eltern künftig – zumindest dann, wenn die Mutter nachweislich Hepatitis-B-negativ ist – gemeinsam mit ihrem Arzt über eine Impfung entscheiden. Fachleute reagieren alarmiert und warnen vor schwerwiegenden Folgen für die öffentliche Gesundheit.
Auslöser der Neuregelung ist eine Empfehlung eines Beratergremiums von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der seit Jahren als ausgesprochener Impfkritiker gilt. Mit der Entscheidung wird eine Praxis aufgegeben, die seit 1991 als medizinischer Standard galt: Damals hatten die US-Behörden eine universelle Hepatitis-B-Impfung für alle Säuglinge eingeführt, beginnend mit einer ersten Dosis unmittelbar nach der Geburt. Ziel war es, Neuinfektionen frühzeitig zu verhindern und langfristige Leberschäden zu vermeiden.
Experten schlagen Alarm
Medizinische Fachkreise kritisieren den Schritt scharf. Führende Infektiologen sprechen von einem Rückschritt, der bewährte wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriere. Eine Expertin der University of Chicago Medicine erklärte, die neue Empfehlung untergrabe den jahrzehntelang erfolgreichen Ansatz der Prävention. Gerade die frühe Impfung habe dazu beigetragen, die Übertragung des Virus nahezu auszurotten. Dass die Leitung der CDC diesen Kurs nun mittrage, werfe ernsthafte Fragen zur wissenschaftlichen Unabhängigkeit der Behörde auf.
Die Sorge vieler Mediziner: Wenn die Impfung nicht mehr als Standard gilt, könnten sich mehr Eltern gegen sie entscheiden – sei es aus Unsicherheit, Skepsis oder mangelnder Aufklärung. Dadurch steige das Risiko, dass Kinder ungeschützt bleiben und sich später im Leben infizieren.
Erfolge der Impfstrategie auf dem Spiel
Die Zahlen sprechen bislang eine klare Sprache: Seit Einführung der allgemeinen Impfempfehlung sind die Hepatitis-B-Infektionen in den USA um nahezu 90 Prozent zurückgegangen. Hepatitis B gilt als besonders tückisch, da eine Infektion oft unbemerkt verläuft, später jedoch schwere Leberschäden, Leberzirrhose oder Leberkrebs verursachen kann. Gerade bei einer Ansteckung im frühen Kindesalter ist das Risiko eines chronischen Verlaufs hoch.
Deutschland hält an klarer Linie fest
Während die USA ihren Kurs ändern, bleibt Deutschland bei der bewährten Strategie. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt weiterhin die Hepatitis-B-Impfung für alle Säuglinge und Kleinkinder. Sie wird hierzulande in der Regel ab dem zweiten Lebensmonat im Rahmen der Sechsfach-Impfung verabreicht, die zugleich vor Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio und Haemophilus influenzae Typ b schützt.
Politischer Richtungswechsel mit Signalwirkung
Die Entscheidung der CDC markiert mehr als nur eine Anpassung medizinischer Leitlinien. Kritiker sehen darin ein politisches Signal, das den Einfluss impfskeptischer Positionen auf die US-Gesundheitspolitik verdeutlicht. Ob der Schritt langfristig zu steigenden Infektionszahlen führt, bleibt abzuwarten – doch viele Fachleute befürchten bereits jetzt, dass ein mühsam errungener Erfolg der Präventionsmedizin leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.