Vor dem Landgericht Stuttgart hat ein aufsehenerregender Prozess begonnen, bei dem es um die tödlichen Folgen eines illegalen Autorennens geht. Auf der Anklagebank sitzen zwei Brüder und ihr Cousin – drei junge Männer, die sich am Abend des 20. März 2025 ein lebensgefährliches Rennen durch die Innenstadt geliefert haben sollen. Zwei unbeteiligte Frauen, Selin (22) und Merve (24), verloren dabei ihr Leben.
Der Gerichtssaal war zum Auftakt des Verfahrens voll besetzt. Angehörige der Opfer, Medienvertreter und Beobachter verfolgen den Prozess mit großer Aufmerksamkeit – auch, weil die Justiz eine entscheidende Frage beantworten muss: Handelt es sich bei der Tat um vorsätzlichen Mord?
Illegales Rennen mit tödlichem Ausgang
Laut Anklage sollen die drei Männer mit überhöhter Geschwindigkeit durch das Stuttgarter Stadtgebiet gerast sein – teils mit über 130 Stundenkilometern auf innerstädtischen Straßen. Der Unfall ereignete sich, als eines der Fahrzeuge auf regennasser Fahrbahn die Kontrolle verlor, von der Straße abkam und in eine Bushaltestelle krachte. Dort standen Selin und Merve, die keine Chance hatten: Sie wurden noch an Ort und Stelle für tot erklärt.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten unter anderem die Beteiligung an einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen mit Todesfolge vor. Im Zentrum des Prozesses steht jedoch die juristische Bewertung der Tat: War es fahrlässige Tötung oder erfüllt der Fall die Merkmale eines Mordes – etwa aus verwerflicher Gesinnung oder mit bedingtem Vorsatz?
Gericht prüft Mordmerkmale
Entscheidend für den weiteren Verlauf wird sein, ob das Gericht zu dem Schluss kommt, dass die Angeklagten den Tod anderer billigend in Kauf nahmen. In ähnlichen Fällen – wie dem sogenannten „Ku’damm-Raser“-Prozess in Berlin – war ein solches Verhalten bereits als Mord eingestuft worden. Auch hier könnte ein Präzedenzfall entstehen, der Signalwirkung für zukünftige Verfahren hat.
Angehörige fordern Gerechtigkeit
Die Familien der beiden getöteten Frauen hoffen auf eine strenge Ahndung. Die Mutter von Selin sagte am Rande des Prozesses, sie wünsche sich „keine Rache, aber Gerechtigkeit“. Für die Angehörigen geht es nicht nur um juristische Konsequenzen – sondern auch um gesellschaftliche Anerkennung dessen, was ihnen genommen wurde: zwei junge Frauen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Verteidigung zurückhaltend
Die Verteidiger der Angeklagten kündigten an, sich zunächst zum Beweisangebot der Staatsanwaltschaft äußern zu wollen. Man werde sich nicht zu Vorverurteilungen hinreißen lassen, hieß es. Es sei ein tragischer Unfall gewesen – kein Mord.
Das Verfahren ist auf mehrere Verhandlungstage angesetzt. Im Mittelpunkt stehen neben den technischen Rekonstruktionen auch die Persönlichkeitsprofile der Angeklagten sowie deren mögliche Beweggründe. Das Urteil wird für das Frühjahr 2026 erwartet.