In Börnsen im Kreis Herzogtum Lauenburg steht die Sparkassen-Filiale leer – und sie ist längst kein Einzelfall mehr. In ganz Schleswig-Holstein verschwinden Bankfilialen, die einst zum festen Bestandteil vieler Gemeinden gehörten. Was früher selbstverständlich war – ein persönliches Gespräch mit der Bankberaterin oder dem Bankberater – ist heute vielerorts nicht mehr möglich.
Von den einst zahlreichen Filialen bleiben oft nur ein paar Automaten. Für viele Menschen, besonders ältere Kundinnen und Kunden, bedeutet das eine spürbare Einschränkung im Alltag.
Ein vertrauter Ort verschwindet
Früher war die Sparkasse in Börnsen ein Treffpunkt – vier Büros, feste Ansprechpartner für rund 5.000 Kundinnen und Kunden.
„Der Übergang zwischen damals, als noch die Mannschaft hier saß, und heute, ist mir schwergefallen“, sagt Helmut Schlingemann, der seit Jahrzehnten in Börnsen lebt. „Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt.“
Nicht alle können sich so leicht anpassen. Karin Brinkmann erzählt von den Schwierigkeiten ihrer über 90-jährigen Mutter: „Sie hat große Probleme, jetzt nach Bergedorf zur Bank zu kommen. Sie kann nicht mehr selbst fahren, man muss sie bringen und abholen – das ist eine ordentliche Belastung.“
Gerade für ältere Menschen, die mit Online-Banking oder Banking-Apps nicht vertraut sind, bedeutet das Ende der persönlichen Beratung den Verlust eines wichtigen Stücks Selbstständigkeit.
Immer weniger Filialen – und die Zahlen sinken weiter
Der Rückzug der Banken ist landesweit spürbar.
Laut dem Sparkassen- und Giroverband Schleswig-Holstein gab es 2024 noch 337 Sparkassenfilialen – 33 weniger als im Jahr zuvor. Nur rund 200 davon waren überhaupt noch mit Mitarbeitenden besetzt.
Auch andere Institute wie Volks- und Raiffeisenbanken oder Privatbanken dünnen ihre Netze weiter aus.
Die Bundesbank bestätigt den Trend: Das klassische Filialbanking verliert immer mehr an Bedeutung, während der digitale Zahlungsverkehr boomt.
Das Statistische Bundesamt zeigt, wie rasant der Wandel voranschreitet:
2023 nutzten bereits 67 Prozent der 16- bis 74-Jährigen in Deutschland Online-Banking – 2015 waren es noch 49 Prozent.
Digitaler Fortschritt trifft auf soziale Realität
Die Banken erklären den Rückzug vor allem mit dem veränderten Kundenverhalten und dem hohen Kostendruck.
„Eine Filiale kann nur dauerhaft betrieben werden, wenn sie auch regelmäßig genutzt wird“, sagt Björn Selck vom Verband der Volks- und Raiffeisenbanken in Schleswig-Holstein.
Personal- und Instandhaltungskosten seien hoch, während viele Kundinnen und Kunden ihre Bankgeschäfte inzwischen mobil oder am Computer erledigen.
Doch Experten warnen vor den gesellschaftlichen Folgen:
Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Verbraucherportals Finanztip, sieht in der Entwicklung einen Verlust an Vertrauen.
„Je mehr Banken vor Ort verschwinden, desto anonymer wird unser Verhältnis zu ihnen“, sagt er. „Das hat auch Einfluss darauf, wie Menschen Finanzentscheidungen treffen.“
Supermärkte springen ein – aber nur teilweise
Wo Banken gehen, übernehmen oft Supermärkte eine Ersatzfunktion.
In Lübeck etwa können Kundinnen und Kunden bei Edeka Merchel ab einem Einkaufswert von einem Euro Bargeld abheben.
„Ich finde das sehr gut“, sagt eine Kundin. „Gerade ältere Menschen gehen sowieso einkaufen, da können sie das gleich verbinden.“
Auch Aldi, Lidl und REWE bieten diesen Service an. Für die Supermärkte ist das ein Gewinn: „Viele nutzen das Angebot und kaufen dann gleich noch etwas bei uns ein“, berichtet Stephan Hahn, Marktleiter in Lübeck.
Doch das System hat Grenzen: Bargeld gibt es nur beim Einkauf – und meist nur bis zu ein paar hundert Euro.
Beratung, Kontoeröffnung oder Hilfe bei Überweisungen kann hier natürlich niemand leisten. Der persönliche Kontakt, der vielen älteren Kundinnen und Kunden Sicherheit gibt, bleibt auf der Strecke.
Bankensterben auf dem Land – mehr als nur ein wirtschaftliches Problem
In Börnsen stehen die Schalter still. Wer seine Bankgeschäfte nicht digital erledigen kann, muss nach Geesthacht oder Hamburg-Bergedorf fahren – dort gibt es noch Filialen mit Personal. Zumindest vorerst.
Für viele kleinere Gemeinden in Schleswig-Holstein ist der Rückzug der Banken ein Symptom des Strukturwandels auf dem Land:
Wo Infrastruktur und Versorgung schwinden, verliert das Gemeinschaftsleben an Stärke.
Was bleibt, ist das Gefühl, dass eine wichtige Schnittstelle zwischen Mensch und Finanzwelt immer weiter verschwindet.
Denn auch wenn Überweisungen heute mit einem Klick funktionieren – Vertrauen lässt sich nicht digitalisieren.