Mobbing ist längst kein Schulhofproblem mehr. Immer häufiger trifft es Erwachsene – am Arbeitsplatz, in der Ausbildung oder im Internet. Laut einer aktuellen Studie des Bündnis gegen Cybermobbing hat mehr als jeder dritte Erwachsene in Deutschland bereits Mobbing erlebt. Das entspricht rund 19 Millionen Menschen.
Auch Cybermobbing – also das gezielte Beleidigen, Bloßstellen oder Bedrohen über digitale Kanäle – nimmt massiv zu: Über sieben Millionen Erwachsene sind davon betroffen.
Die Zahlen sind alarmierend: Seit der letzten Erhebung vor vier Jahren ist der Anteil der Betroffenen beim Mobbing um 13 Prozent gestiegen, beim Cybermobbing sogar um fast 22 Prozent. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Mobbing kein Randphänomen ist, sondern sich zu einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problem ersten Ranges entwickelt hat.
Junge Erwachsene und Frauen besonders häufig betroffen
Besonders gefährdet sind laut Studie junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren, die sich in Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg befinden. Sie sind häufiger Ziel von gezielten Ausgrenzungen, Spott oder psychischem Druck – sowohl im realen Umfeld als auch online.
Auch Frauen sind laut der Untersuchung überdurchschnittlich häufig betroffen, vor allem von Cybermobbing über soziale Netzwerke. Plattformen wie Instagram, TikTok oder WhatsApp werden zunehmend zur Bühne für digitale Hetze, Beleidigungen und Rufschädigungen.
„Viele Betroffene berichten, dass das Mobbing im Netz rund um die Uhr präsent ist. Es gibt keine Pause, kein Entkommen mehr“, sagt Annekathrin Queck von MDR AKTUELL, die die Studie ausgewertet hat.
Viele Täter waren früher selbst Opfer
Interessant ist auch: Ein erheblicher Anteil der Täter hat selbst einmal Mobbing erlebt.
Nach Angaben des Bündnisses geben rund ein Drittel der Mobber an, früher Opfer von Ausgrenzung oder psychischem Druck gewesen zu sein.
Psychologen sehen darin einen Teufelskreis:
Wer einmal erfahren hat, wie verletzend soziale Ablehnung ist, kann diese Dynamik später unbewusst oder gezielt reproduzieren – etwa, um Kontrolle zu gewinnen oder nicht selbst erneut Opfer zu werden.
„Mobbing hat oft mehr mit Macht und Unsicherheit als mit reiner Bosheit zu tun“, erklärt ein Sprecher des Bündnisses.
Trotzdem: Für die Opfer bedeutet das keine Entlastung – die Folgen sind gravierend.
Psychische und körperliche Folgen – Milliardenkosten für Unternehmen
Mobbing ist nicht nur ein persönliches Drama, sondern auch ein wirtschaftlicher Faktor.
Die Studie beziffert den jährlichen wirtschaftlichen Schaden auf über vier Milliarden Euro – allein durch Krankmeldungen, Leistungseinbußen und Fluktuation in Unternehmen.
Viele Betroffene leiden unter psychischen Problemen wie Depressionen, Schlafstörungen oder Angstzuständen. In schweren Fällen kann Mobbing zu sozialem Rückzug, Burnout oder Suizidgedanken führen.
Aber auch körperliche Symptome wie Magenbeschwerden, Bluthochdruck oder chronische Schmerzen treten häufig auf.
„Mobbing zerstört nicht nur Selbstvertrauen, sondern auch ganze Existenzen“, warnt das Bündnis. Arbeitgeber seien in der Pflicht, präventiv zu handeln – etwa durch klare Kommunikationsregeln, Schulungen und Anlaufstellen für Mitarbeitende.
Mobbing bleibt rechtlich eine Grauzone
Trotz der dramatischen Zahlen ist Mobbing in Deutschland kein eigener Straftatbestand.
Zwar können einzelne Handlungen – etwa Beleidigung (§185 StGB), Nötigung (§240 StGB) oder Verleumdung (§187 StGB) – strafrechtlich verfolgt werden, doch ein umfassendes „Anti-Mobbing-Gesetz“ gibt es bisher nicht.
Betroffene stehen daher oft vor einem juristischen Flickenteppich:
Zivilrechtlich können sie sich auf Persönlichkeitsrechtsverletzungen, Schadensersatz- oder Unterlassungsansprüche berufen, doch der Nachweis ist schwierig – besonders, wenn das Mobbing subtil oder über digitale Kanäle erfolgt.
Das Bündnis gegen Cybermobbing fordert daher, Mobbing als eigenständigen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufzunehmen.
Nur so könnten Polizei und Justiz zielgerichteter ermitteln und Betroffene konsequenter geschützt werden.
Gesellschaftliche Verantwortung statt Schweigen
Mobbing ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ein Spiegel unserer Kommunikationskultur – ob am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Netz.
Experten sind sich einig: Aufklärung, Prävention und frühzeitiges Eingreifen sind entscheidend, um Opfer zu schützen und Täter zu stoppen.
Das Bündnis ruft deshalb Politik, Unternehmen und Bildungseinrichtungen zum Handeln auf:
„Wegschauen hilft niemandem. Jeder kann betroffen sein – und jeder kann etwas dagegen tun.“
Fazit:
Mehr als 19 Millionen Erwachsene in Deutschland haben Mobbing am eigenen Leib erfahren.
Die Zahlen zeigen: Das Problem wächst – und mit ihm der Druck auf Politik und Gesellschaft, klare Strukturen und rechtliche Konsequenzen zu schaffen.
Solange Mobbing kein Straftatbestand ist, bleiben viele Opfer allein – mit psychischen Folgen, finanziellen Schäden und der Hoffnung, dass endlich etwas passiert.