In der Luxuswelt deutet sich ein spektakulärer Eigentümerwechsel an: Der französische Luxusgüterkonzern Kering steht nach übereinstimmenden Berichten von Reuters und dem „Wall Street Journal“ (WSJ) kurz davor, seine Kosmetiksparte an den Branchenriesen L’Oréal zu verkaufen. Insidern zufolge geht es um ein Volumen von rund vier Milliarden US-Dollar – ein Deal, der die europäische Kosmetik- und Luxusbranche nachhaltig verändern könnte.
Fortgeschrittene Gespräche – Einigung möglicherweise schon kommende Woche
Wie mehrere mit den Verhandlungen vertraute Personen berichten, befinden sich die Gespräche in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Eine Unterzeichnung des Kaufvertrags könnte demnach bereits in der kommenden Woche erfolgen. Beide Unternehmen äußerten sich bislang nicht offiziell zu den Berichten.
Der geplante Verkauf würde die Parfümmarke Creed sowie die Lizenzrechte zur Entwicklung und Vermarktung von Kosmetikprodukten der zum Kering-Konzern gehörenden Modemarken Bottega Veneta, Balenciaga und Alexander McQueen umfassen.
Damit würde L’Oréal, der größte Kosmetikkonzern der Welt, sein ohnehin dominantes Portfolio im Luxussegment noch einmal deutlich erweitern – ein Bereich, in dem das Unternehmen mit Marken wie Lancôme, Yves Saint Laurent Beauté, Giorgio Armani Beauty und Valentino Beauty bereits stark vertreten ist.
Kering unter Druck – hoher Schuldenstand und strategische Neuausrichtung
Für Kering wäre der Deal ein strategischer Befreiungsschlag. Der Luxuskonzern, zu dem unter anderem Gucci, Saint Laurent und Bottega Veneta gehören, kämpft seit Monaten mit sinkenden Umsätzen und einem rückläufigen Aktienkurs. Die Nettoverschuldung lag Ende Juni bei 9,5 Milliarden Euro – ein für die Luxusbranche ungewöhnlich hoher Wert.
Unter der Führung des neuen Vorstandsvorsitzenden Luca De Meo, der erst vor Kurzem das Steuer übernahm, versucht Kering nun, seine Bilanz zu stabilisieren und sich wieder auf sein Kerngeschäft mit Mode, Accessoires und Lederwaren zu konzentrieren. Der Verkauf der Beautysparte wäre ein wichtiger Schritt in dieser strategischen Neuausrichtung.
„Kering wollte ursprünglich mit seiner Kosmetiksparte unabhängiger von externen Lizenzpartnern werden und eine eigene Beautyplattform aufbauen“, erklärte ein Branchenanalyst gegenüber Reuters. „Doch das Projekt war kapitalintensiv und kam nicht so schnell voran, wie sich das Management erhofft hatte.“
L’Oréal stärkt seine Vormachtstellung im Luxus-Beauty-Markt
Für L’Oréal bietet sich mit der Übernahme eine Gelegenheit, seine Marktführerschaft weiter auszubauen. Der französische Konzern verfolgt seit Jahren eine aggressive Expansionsstrategie im Premiumsegment – ein Bereich mit hohen Margen und starkem Wachstum.
Mit der traditionsreichen Marke Creed, bekannt für Luxusparfums wie Aventus oder Green Irish Tweed, würde L’Oréal nicht nur sein Produktportfolio erweitern, sondern auch Zugang zu einer wohlhabenden, globalen Kundschaft gewinnen, die besonderen Wert auf Exklusivität legt.
Zudem gilt die Übernahme der Kosmetikrechte von Marken wie Balenciaga und McQueen als strategisch kluger Schritt: Beide Modehäuser verfügen über eine starke Markenidentität und ein hohes Imagepotenzial, das sich im Kosmetikbereich noch nicht vollständig ausschöpfen ließ.
Ein Branchenexperte kommentierte gegenüber dem „WSJ“: „L’Oréal kauft hier nicht nur Produkte – sie kaufen Prestige, Markenemotion und eine Eintrittskarte in den ultraluxuriösen Duftmarkt.“
Symbolischer Einschnitt für Kering
Der mögliche Verkauf der Beautysparte markiert für Kering auch symbolisch einen Abschied von einem ambitionierten Zukunftsprojekt. Erst 2023 gegründet, sollte die Sparte den Konzern unabhängiger von Lizenzverträgen mit externen Partnern machen. Das Ziel war, ähnlich wie LVMH, eine eigene Beauty-Division aufzubauen, die Parfüm und Kosmetik als profitables Standbein neben Mode und Schmuck etabliert.
Doch die Realität fiel ernüchternd aus: Der Aufbau eines globalen Vertriebsnetzes, die Positionierung im Premiumsegment und der Wettbewerb mit etablierten Platzhirschen wie L’Oréal und Estée Lauder erwiesen sich als aufwendiger und teurer als erwartet.
Analysten sehen mögliche Trendwende in der Luxusbranche
Anleger und Analysten bewerten die geplante Transaktion positiv. Der Verkaufserlös von rund vier Milliarden Dollar würde Kering die Möglichkeit geben, Schulden abzubauen, Investitionen in die Kernmarken Gucci, Saint Laurent und Bottega Veneta zu erhöhen und neue strategische Akzente zu setzen.
„Dieser Schritt zeigt, dass Kering unter Luca De Meo bereit ist, schmerzhafte, aber notwendige Entscheidungen zu treffen, um den Konzern wieder auf Wachstumskurs zu bringen“, sagte ein Analyst der französischen Bank Société Générale.
Sollte der Deal vollzogen werden, wäre er eine der größten Transaktionen der europäischen Luxusindustrie seit Jahren – und könnte den Wettbewerb zwischen den drei großen französischen Luxusgiganten Kering, LVMH und L’Oréal neu entfachen.
Für L’Oréal wäre es ein Coup, für Kering eine Kurskorrektur – und für die gesamte Branche ein Zeichen des Umbruchs in der globalen Luxuslandschaft.