Während der Krieg im Gazastreifen unzählige Menschen in Not bringt, nutzen skrupellose Betrüger die weltweite Hilfsbereitschaft aus. Nach Recherchen des NDR sollen mutmaßliche Täter aus Gaza über gefälschte Spendenaufrufe im Internet Millionenbeträge erschlichen haben.
Gestohlene Identitäten – echtes Leid, falsche Konten
Ein besonders aufsehenerregender Fall betrifft den 17-jährigen Ahmed Al-Ghalban aus Gaza. Der Junge, der bei einem Angriff beide Beine und mehrere Finger verloren hat, bittet auf Instagram mit über 300.000 Followern um Spenden, um seine Behandlung zu finanzieren. Sein authentisches Leid wurde jedoch von Betrügern missbraucht:
Im September tauchte Ahmeds Video plötzlich auf einem Fake-Account bei X (ehemals Twitter) auf – mit demselben Bildmaterial, aber einem anderen Paypal-Konto. Das Geld floss nicht an Ahmed, sondern an die Betrüger.
Netzwerk aus gefälschten Profilen
Laut NDR-Recherchen steht hinter der Aktion eine organisierte Gruppe, die in sozialen Netzwerken wie X, Instagram und TikTok gefälschte Spendenkampagnen verbreitet. Mindestens 20 verknüpfte Accounts sollen zeitgleich identische Spendenaufrufe veröffentlicht haben – teilweise mit denselben Texten und Fotos echter Kriegsopfer.
Ziel war es offenbar, über Paypal, Kryptowährungen oder Crowdfunding-Plattformen wie GoFundMe oder Chuffed internationale Spenden einzusammeln.
In mehreren Fällen haben die rechtmäßigen Personen, deren Identitäten missbraucht wurden, gegenüber dem NDR bestätigt, dass es sich um Fälschungen handelt.
Millionenbeträge an Spenden umgeleitet
Nach Schätzungen, die sich auf Transaktionsdaten und Plattformhinweise stützen, könnten die Betrüger Spenden in Millionenhöhe eingenommen haben. Wo das Geld tatsächlich hingeflossen ist, bleibt bislang unklar – viele Spuren führen zu Konten außerhalb der EU, teilweise mit verschleierten Inhaberdaten.
Plattformen reagieren zögerlich
Die betroffenen Social-Media-Plattformen reagieren unterschiedlich:
-
X sperrte nach einer NDR-Anfrage mehrere der Fake-Accounts, gab jedoch keine Auskunft zur internen Prüfung.
-
Paypal erklärte, man gehe jedem Verdacht von Missbrauch nach, könne sich aber zu einzelnen Fällen nicht äußern.
-
Die Crowdfunding-Plattform GoFundMe betonte, sie habe Sicherheitsmechanismen, doch „nicht alle Betrugsversuche lassen sich im Voraus verhindern“.
Opfer doppelt getroffen
Für die echten Menschen in Gaza ist der Betrug ein doppelter Schlag: Sie verlieren nicht nur mögliche Spenden, sondern auch ihre digitale Identität. Viele Hilferufe werden nun mit Skepsis betrachtet – auch die derjenigen, die tatsächlich auf Unterstützung angewiesen sind.
Ein Experte für Online-Betrug sagte dem NDR:
„Diese Betrugsmaschen untergraben das Vertrauen in humanitäre Spendenaktionen. Das ist besonders perfide, weil hier echtes Leid instrumentalisiert wird.“
Behörden und Spender gewarnt
Ermittlungsbehörden in Deutschland und anderen EU-Ländern sind alarmiert. Betrug mit humanitären Spendenaufrufen ist zwar schwer nachzuverfolgen, doch die Hinweise aus den NDR-Recherchen sollen nun ausgewertet werden.
Polizei und Verbraucherschützer raten:
-
Nur über offizielle Hilfsorganisationen spenden.
-
Spendenaufrufe in sozialen Netzwerken kritisch prüfen.
-
Bei Zweifeln keine Zahlungen über Privatkonten oder Kryptowährungen leisten.
Der Fall zeigt: Auch inmitten echter humanitärer Katastrophen finden Betrüger Wege, das Mitgefühl anderer schamlos auszunutzen – und das mit professioneller Täuschung, digitalem Kalkül und eiskalter Skrupellosigkeit.