Das mutmaßlich pädokriminelle Online-Netzwerk „764“ rückt zunehmend in den Fokus bundesweiter Ermittlungen. Nach Recherchen des NDR laufen inzwischen in mindestens fünf Bundesländern Verfahren gegen mutmaßliche Mitglieder des Netzwerks. Die Vorwürfe wiegen schwer: Manipulation, sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen – und in Einzelfällen sogar das gezielte Treiben von Kindern in den Suizid.
Ermittlungen in mehreren Bundesländern – das Ausmaß wird größer
Konkrete Verfahren laufen demnach derzeit in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Sachsen und Hamburg. Weitere Länder prüfen Verdachtsfälle oder haben Ermittlungen eingeleitet, tun sich aber mit der eindeutigen Zuordnung zur Gruppierung schwer. Aus Ermittlerkreisen heißt es, die Strukturen seien deutlich größer, als zunächst angenommen.
In Baden-Württemberg spricht das Landeskriminalamt (LKA) von mehreren Verfahren im „unteren einstelligen Bereich“. Beteiligt ist dort auch das Staatsschutz- und Antiterrorismuszentrum SAT-BW, was die Einschätzung der Schwere der Delikte unterstreicht. In Rheinland-Pfalz läuft eine mittlere einstellige Zahl an Verfahren, teils seit dem Jahr 2021.
In Sachsen ermittelt die Staatsanwaltschaft Dresden in einem Fall, ein weiterer wird durch das Bundeskriminalamt (BKA) geführt. Auch das LKA Nordrhein-Westfalen bestätigt laufende Ermittlungen im Zusammenhang mit „764“. Allein im Jahr 2025 seien dort neun Berichte mit konkreten Hinweisen eingegangen.
Netzwerk „764“ – perfide, sadistisch, gefährlich
Das Netzwerk „764“ und seine Untergruppen gelten als besonders sadistisch und manipulativ. Die Täter sollen gezielt Kinder und Jugendliche in Online-Spielen wie Roblox oder Minecraft, aber auch in sozialen Netzwerken angesprochen haben – mit dem Ziel, Vertrauen aufzubauen und sie anschließend emotional zu destabilisieren, sexuell auszubeuten und zu quälen. In besonders erschütternden Fällen sollen sie Betroffene sogar so massiv unter Druck gesetzt haben, dass diese Suizid begingen.
Die Täter agieren in abgeschotteten digitalen Räumen, nutzen Pseudonyme, wechseln Plattformen und löschen Inhalte regelmäßig, was die Arbeit der Ermittlungsbehörden erheblich erschwert. Die hohe emotionale und psychologische Manipulation macht es für Betroffene oft schwer, Hilfe zu suchen oder das Geschehene überhaupt einzuordnen.
Ausgangspunkt: Festnahme in Hamburg
Öffentlich bekannt wurde das Netzwerk im Juni 2025 nach der Festnahme eines 20-Jährigen in Hamburg. Der Mann soll unter dem Online-Pseudonym „White Tiger“ agiert und schwerste Sexualverbrechen, versuchten Mord sowie Mord begangen haben. Seine Verteidigerin ließ mitteilen, er bestreite die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt inzwischen gegen einen weiteren Tatverdächtigen, der ebenfalls dem Netzwerk zugeordnet wird.
Internationale Dimension: Fall in Kanada offenbart Ermittlungsprobleme
Die Ermittlungen gegen „764“ sind nicht auf Deutschland beschränkt. Ein Fall in Kanada, der im Zusammenhang mit dem Netzwerk stehen soll, verdeutlicht, wie schwierig internationale Zusammenarbeit bei digitaler Kriminalität ist. Unterschiedliche Rechtslagen, verschlüsselte Kommunikation und technische Raffinesse der Tätergruppen machen die Strafverfolgung langwierig und komplex.
Forderung nach besseren Schutzmechanismen
Kinderschutzorganisationen und Kriminologen fordern angesichts der wachsenden Zahl von Opfern und Tatverdächtigen ein systematisches Vorgehen gegen digitale Gewalt an Kindern. Neben mehr Ermittlungsressourcen und internationalen Kooperationen brauche es auch verpflichtende Schutzmechanismen auf Plattformen, auf denen sich junge Menschen aufhalten. Dazu zählen etwa automatische Warnsysteme, Meldefunktionen und digitale Bildungsangebote für Eltern und Schulen.
Fazit
Der Fall „764“ offenbart in erschreckender Weise, wie perfide Täter im digitalen Raum vorgehen – und wie schwer es ist, ihnen das Handwerk zu legen. Zugleich wird deutlich: Die Ermittlungen stehen noch am Anfang. Die Zahl der Betroffenen dürfte deutlich höher liegen als bislang bekannt.