Ein Geschworenengericht hat Sean „Diddy“ Combs in zwei Anklagepunkten für schuldig befunden: Er hatte seine frühere Partnerin Cassie Ventura Fine und eine weitere Frau zu Zwecken der Prostitution transportiert. In zentralen Punkten – etwa ob Cassie zu sogenannten „Freak Offs“, also Gruppensex mit Escorts, gezwungen wurde – sprach ihn das Gericht jedoch frei. Das Urteil hat heftige Diskussionen ausgelöst: Kann man überhaupt zustimmen, wenn man unter Angst und Gewalt lebt?
Cassie Ventura Fine hatte ausgesagt, sie habe oft nur deshalb „Ja“ gesagt, weil sie Angst vor Gewalt hatte. Ihre Aussagen beschrieben ein Klima aus Kontrolle, Einschüchterung und Missbrauch, das sich über Jahre erstreckte – sie war 19, als sie Combs, damals 37, kennenlernte. Er bestimmte über ihre Karriere, ihr Geld, ihr Leben. Als sie sich widersetzte, wurde sie geschlagen, bedroht, gedemütigt.
„Zustimmung unter Zwang ist keine Zustimmung“
Experten wie Katie Ray-Jones von der National Domestic Violence Hotline betonen: Wenn Missbrauch vorliegt, kann von echter Zustimmung keine Rede sein. In solchen Beziehungen treffe man Entscheidungen aus Angst – nicht aus Freiheit. „Es ist, als halte dir jemand ständig eine unsichtbare Waffe an den Kopf“, sagt sie.
Die Psychologin Dawn Hughes erklärte im Prozess, warum Betroffene in solchen Beziehungen bleiben: Es gehe ums Überleben. Ihre Aussagen über „traumabedingte Bindung“ wurden nur eingeschränkt zugelassen – der Richter hatte ihr verboten, den Begriff „coercive control“ (Zwangskontrolle) zu verwenden.
Ein Muster: Missbrauch, Isolation, Kontrolle
Ventura berichtete, Combs habe sie mehrfach körperlich angegriffen – unter anderem 2016 in einem Hotel in Los Angeles. Als sie fliehen wollte, habe er sie durch den Flur gejagt, zu Boden gestoßen und getreten. Schon zuvor hatte sie gelernt: Wehrt sie sich, wird es schlimmer.
Ihre Geschichte ist keine Ausnahme. Viele Betroffene – meist Frauen – kehren immer wieder zu ihren Peinigern zurück, weil sie emotional, finanziell oder körperlich abhängig gemacht wurden. Das ist keine freiwillige Entscheidung, sondern eine Überlebensstrategie.
Der Weg hinaus – und ein neues Leben
2018 trennte sich Ventura endgültig von Combs. Sie kämpfte sich durch Therapie, Klinikaufenthalte und innere Aufarbeitung zurück ins Leben. 2023 nutzte sie ein neues Gesetz in New York, das Opfern sexueller Gewalt erlaubte, trotz verjährter Taten zivilrechtlich zu klagen. Combs einigte sich schnell außergerichtlich – für 20 Millionen Dollar.
Inzwischen ist Ventura Mutter von drei Kindern, verheiratet, und führt das ruhige Leben, das sie sich einst nicht vorstellen konnte. „Heute ist es ein Leben, dem ich selbst zugestimmt habe“, sagte sie.
Combs hingegen erwartet nun seine Strafmaßverkündung. Jeder der beiden Schuldsprüche kann mit bis zu zehn Jahren Haft geahndet werden. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft in Brooklyn.