In Hamburg hat die Polizei am frühen Morgen die Wohnungen zweier junger Männer im Alter von 17 und 18 Jahren durchsucht. Die Jugendlichen stehen im Verdacht, in einer Reihe von Fällen gezielt homosexuelle Männer aufgespürt und angegriffen zu haben. Nach aktuellem Ermittlungsstand sollen die Tatverdächtigen ihre Opfer über Datingportale kontaktiert und sich mit diesen verabredet haben – allerdings nicht, um sich kennenzulernen, sondern um sie bei den Treffen mit Pfefferspray zu attackieren.
Laut Polizeiangaben kam es seit Anfang Mai zu mindestens sechs solcher Übergriffe. Die Opfer – Männer im Alter zwischen 25 und 45 Jahren – wurden an öffentlichen Treffpunkten in verschiedenen Hamburger Stadtteilen überrascht und mit Pfefferspray besprüht. Einige mussten wegen Augen- und Atemwegsreizungen ärztlich behandelt werden. Es besteht der dringende Verdacht, dass die Taten homophob motiviert waren.
Die Ermittlungen wurden deshalb vom Staatsschutz des Landeskriminalamts übernommen. Nach Aussage der Behörden deute vieles auf gezielten Hass gegen sexuelle Minderheiten hin. Die Vorgehensweise der Tatverdächtigen sei in jedem Fall ähnlich gewesen: Nach der Kontaktaufnahme über Online-Plattformen wurden die Opfer in Sicherheit gewogen, an abgelegene Orte gelockt und dort überfallen. Dabei gab es keine Versuche, Geld oder Wertgegenstände zu rauben – ein Hinweis darauf, dass es den Tätern vorrangig um Erniedrigung, Einschüchterung und Gewalt gegen homosexuelle Männer ging.
Bei den Wohnungsdurchsuchungen wurden elektronische Geräte, Chatverläufe und persönliche Unterlagen beschlagnahmt, die derzeit forensisch ausgewertet werden. Die Ermittler wollen prüfen, ob es weitere bislang unbekannte Opfer gibt oder ob die Jugendlichen Teil eines größeren Netzwerks sind, das sich online radikalisiert hat. Auch das Ausmaß möglicher Vorbereitungen und gezielter Opferauswahl wird nun untersucht.
Die beiden Verdächtigen wurden nach den Durchsuchungen zunächst nicht in Untersuchungshaft genommen. Wie die Polizei mitteilt, bestünden derzeit keine ausreichenden Haftgründe wie akute Flucht- oder Wiederholungsgefahr. Dennoch bleiben die beiden unter Beobachtung und müssen mit weiteren strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Sollte sich der Verdacht erhärten, könnten ihnen Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung in mehreren Fällen mit politischem Hintergrund drohen – ein Straftatbestand, der in der Regel mit empfindlichen Strafen geahndet wird.
Die Polizei ruft indes potenzielle weitere Betroffene oder Zeugen auf, sich zu melden – auch anonym. Man gehe davon aus, dass es möglicherweise mehr Opfer gibt, die sich bisher aus Scham oder Angst nicht an die Behörden gewandt haben.
In der Hamburger Politik und Zivilgesellschaft sorgt der Fall für große Besorgnis. Mehrere queere Initiativen äußerten sich entsetzt über die gezielte Gewalt und fordern einen besseren Schutz für LGBTQ+-Personen – sowohl im öffentlichen Raum als auch im digitalen Bereich. Der LSVD Hamburg (Lesben- und Schwulenverband) erklärte, dass derartige Taten das Sicherheitsgefühl queerer Menschen massiv erschütterten und das Vertrauen in Online-Dating nachhaltig beschädigten.
Auch die Hamburger Gleichstellungssenatorin kündigte an, den Fall sehr genau zu beobachten und die bestehenden Schutzkonzepte zu überprüfen. Es sei unerlässlich, dass Hassgewalt – gleich welcher Art – klar benannt und konsequent verfolgt werde.
Der Fall ist damit nicht nur ein Kriminalfall, sondern auch ein gesellschaftliches Warnsignal: Homophobe Gewalt ist kein abstraktes Problem, sondern eine reale Bedrohung – auch in Großstädten wie Hamburg. Die Ermittlungen dauern an.