Lange Zeit galt Taurin – eine Aminosäure, die vor allem durch Energy-Drinks bekannt wurde – als vielversprechender Kandidat in der Anti-Aging-Forschung. Studien an Tieren ließen vermuten, dass Taurin die Lebensdauer verlängern und ein Marker für das biologische Alter sein könnte. Eine neue, umfassende Untersuchung aus den USA widerspricht nun jedoch diesen Hoffnungen: Taurin ist laut aktuellen Erkenntnissen kein verlässlicher Biomarker für den Alterungsprozess beim Menschen.
Neue Studien widersprechen bisherigen Annahmen
Ein Forschungsteam des National Institutes of Health (NIH) in Baltimore analysierte sowohl Querschnitts- als auch Langzeitdaten von Menschen, Mäusen und Affen. Die Forscher fanden heraus, dass der Taurinspiegel im Blut nicht eindeutig mit dem Alter korreliert. Stattdessen zeigten sich individuelle Schwankungen, die stärker von Ernährung, Tageszeit und Geschlecht abhängen als vom tatsächlichen Alter.
„Unsere Daten zeigen deutlich, dass Taurin kein verlässlicher Indikator für das biologische Altern ist“, erklärte Maria Emilia Fernandez, Erstautorin der Studie, bei einer Pressekonferenz. Bei den meisten Probandinnen und Probanden blieb der Taurinwert über Jahre stabil – teils stieg er sogar leicht an.
Ernährung beeinflusst Taurinwerte stark
Die Studie machte deutlich, dass tierische Lebensmittel den Tauringehalt im Blut deutlich beeinflussen – ebenso wie der Zeitpunkt der Messung. Vergleichbar mit dem Blutzuckerspiegel schwankt der Taurinwert stark im Tagesverlauf. „Das macht es sehr schwierig zu beurteilen, ob und wann eine Nahrungsergänzung überhaupt sinnvoll ist“, erklärte Studienleiter Rafael de Cabo.
Keine pauschale Empfehlung für Taurin-Zusätze
In bestimmten medizinischen Ausnahmefällen – etwa bei einzelnen Diabetes-Erkrankungen – könne eine Taurin-Zufuhr nützlich sein. Eine allgemeine Empfehlung, Taurin als Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen, gibt es jedoch nicht. Vielmehr betonen die Forscher, dass die Wirkung von Taurin individuell sehr unterschiedlich ausfallen kann: Was einem Menschen hilft, kann einem anderen möglicherweise schaden.
Taurin bleibt physiologisch bedeutsam
Auch wenn die Anti-Aging-Hoffnungen enttäuscht wurden, ist Taurin dennoch eine wichtige Substanz im menschlichen Körper. Es erfüllt zahlreiche Funktionen, etwa entzündungshemmende Wirkungen, Einfluss auf den Blutdruck und die Zellfunktion in Muskeln, Herz und Augen. Ob eine gezielte Supplementierung bei bestimmten Defiziten sinnvoll sein kann, wird derzeit weiter erforscht.
Suche nach Biomarkern geht weiter
Die Hoffnung auf einen einfach messbaren Indikator für das biologische Alter bleibt ein zentrales Thema der Alternsforschung. Ein zuverlässiger Biomarker könnte helfen, altersbedingte Krankheiten frühzeitig zu erkennen und Therapien besser zu steuern. Taurin ist es – zumindest laut aktueller Datenlage – nicht.
Fazit
Die Vorstellung, mit Taurin jung zu bleiben, ist wissenschaftlich aktuell nicht haltbar. Die Forschung liefert zwar Hinweise auf physiologische Wirkungen der Aminosäure, doch die Behauptung, Taurin sei ein Anti-Aging-Wundermittel, ist nicht evidenzbasiert. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte auf eine ausgewogene Ernährung statt auf künstliche Ergänzungen setzen – und auf die weitere Forschung warten.