Ein erheblicher Teil der Online-Wut über den Rückbau von Diversitätsprogrammen beim US-Einzelhandelsriesen Target wurde offenbar künstlich erzeugt. Laut einer neuen Analyse des israelischen Technologieunternehmens Cyabra handelte es sich bei mehr als einem Viertel der untersuchten Social-Media-Konten um Fälschungen.
Cyabra untersuchte Tausende Beiträge auf der Plattform X (ehemals Twitter) zwischen dem 1. Januar und dem 21. April. Das Ergebnis: Rund 27 Prozent der Accounts, die sich lautstark an Boykottaufrufen beteiligten, waren demnach gefälscht. Die Stimmung im Netz sei nach Targets Rückzug aus einigen Diversity-, Equity- und Inclusion-Programmen (DEI) regelrecht „explodiert“ – der Anteil nicht-authentischer Beiträge habe sich um 764 Prozent erhöht.
Fake-Profile auf beiden Seiten aktiv
Die Analyse offenbart eine überraschende Taktik: Die gefälschten Konten schlüpften teils in die Rolle vermeintlich schwarzer Aktivist:innen, um etwa unter Hashtags wie #EconomicBlackout zu einem Kaufboykott gegen Target aufzurufen. Andere Fake-Profile mimten hingegen konservative Nutzer:innen, die die Boykotte verspotteten und sich über angeblich „woke“ Konzernpolitik lustig machten.
Solche doppelseitigen Einflussnahmen seien typisch für Desinformationskampagnen, erklärt Jill Burkes, Sprecherin von Cyabra. „Wenn Fake-Profile auf beiden Seiten mitspielen, reale Nutzer imitieren und polarisierende Themen künstlich hochpushen, ist das ein klares Warnsignal.“
Manipulierte Realität mit echten Folgen
Während Target sich bisher nicht zu der Analyse äußerte, stellt der Report eine zentrale Frage: Hatte die orchestrierte Empörung echten Einfluss auf Umsatz und Unternehmensentscheidungen? Target selbst hatte bereits eingeräumt, dass die DEI-Kontroverse sowie Boykottaufrufe das Ergebnis im ersten Quartal belastet hätten – eine genaue Zahl blieb man jedoch schuldig.
Die Cyabra-Untersuchung legt nahe, dass die Kampagne auch nach Targets politischen Zugeständnissen weiterlief. In der Folgewoche vom 27. Mai bis zum 3. Juni machten 39 Prozent der Accounts in einschlägigen Diskussionen erneut gefälschte Profile aus – zeitweise übertrafen sie sogar echte Nutzer.
Kultureller Backlash im Trump-Zeitalter
Seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump im Januar 2025 hat sich der politische Ton gegen DEI-Programme deutlich verschärft. Trump selbst bezeichnete DEI-Initiativen mehrfach als „illegal“ und ließ sie per Executive Order in staatlichen Behörden und privatwirtschaftlichen Bereichen einschränken.
Target war eines von mehreren Unternehmen, das sich in diesem veränderten politischen Klima unter Druck sah. Gleichzeitig spürte der Konzern die Folgen einer zunehmend angespannten Wirtschaftslage – inklusive Rückgang der Konsumausgaben.
Manipulation im Netz – eine neue Normalität?
Dass Unternehmen zum Spielball digitaler Desinformationskampagnen werden, ist kein Einzelfall. Cyabra weist darauf hin, dass ähnliche Taktiken bereits gegen Marken wie Nike, Costco und Starbucks eingesetzt wurden.
„Wir erleben weltweit, wie koordinierte Fake-Profile Einfluss auf Wahlen, Marken und soziale Bewegungen nehmen“, so Cyabra. Besonders besorgniserregend sei dabei, wie mühelos echte und künstliche Empörung inzwischen verschwimmen – und Entscheidungen in der realen Welt beeinflussen.