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Chicago eröffnet erstes Museum für öffentliches Wohnen: Warum ein Ort des Versagens jetzt erinnert werden soll
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Chicago eröffnet erstes Museum für öffentliches Wohnen: Warum ein Ort des Versagens jetzt erinnert werden soll

12019 (CC0), Pixabay

Chicago ist die erste Stadt in den USA, die ein Museum für öffentliches Wohnen eröffnet hat – und das ausgerechnet in einer Stadt, in der das System jahrzehntelang als gescheitert galt. Das National Public Housing Museum wurde im April in einem erhalten gebliebenen Gebäude der ehemaligen Jane Addams Homes eröffnet – nur wenige Kilometer vom Zentrum Chicagos entfernt.

Das Museum zeigt das Leben früherer Bewohner:innen in nachgebauten Wohnungen und dokumentiert den Aufstieg, Fall und die bis heute andauernde Bedeutung des sozialen Wohnbaus in Amerika.

Dabei stehen die Geschichten jener Menschen im Mittelpunkt, die in öffentlichen Wohnanlagen lebten – nicht nur die bekannten Namen wie Supreme Court Richterin Sonia Sotomayor oder Musiklegenden wie Jimi Hendrix und Barbra Streisand, sondern auch die Millionen unsichtbaren Familien, die in diesen Gebäuden aufwuchsen, liebten, litten und überlebten.

Mehr als Armut und Kriminalität

Die Museumsleiterin Lisa Yun Lee sagt, das Ziel sei es, eine umfassendere Geschichte zu erzählen – jenseits der Schlagzeilen über Gewalt und Verfall. „Was war gut an diesen Wohnungen? Was hat funktioniert – und warum erinnern wir uns daran nicht?“ fragt sie. Besonders aktuell wird diese Frage angesichts drastischer Kürzungen im US-Wohnungsbau unter Präsident Donald Trump. Bereits jetzt wird mit dem Wegfall von über 30.000 Wohnbeihilfen gerechnet.

Das Museum wurde mit über 16 Millionen Dollar aus öffentlichen und privaten Mitteln finanziert, darunter 4,5 Millionen aus einem Fördertopf für Stadtentwicklung. Der Eintritt ist größtenteils frei. Führungen durch die historischen Wohnungen kosten bis zu 25 Dollar.

Die Vision: Hoffnung für Arbeiterfamilien

Öffentliches Wohnen in den USA begann in den 1930er Jahren unter Präsident Franklin D. Roosevelt, der während der Großen Depression ein Drittel der Bevölkerung als „mangelhaft untergebracht“ bezeichnete. Die ersten Projekte boten Arbeiterfamilien bessere hygienische Bedingungen, Sicherheit und einen Schritt in Richtung „American Dream“.

Doch diese Chance war nicht für alle gleich: Viele Projekte schlossen Schwarze Familien oder kinderreiche Haushalte aus. Wer aufgenommen wurde, galt als besonders „würdiger“ Bürger – ein sozialer Aufstieg durch staatliches Vertrauen.

Vom Vorzeigeprojekt zum Symbol des Scheiterns

Mit der Zeit verloren viele Wohnanlagen ihre ursprüngliche Qualität. Besonders in den 1980er und 90er Jahren, als staatliche Gelder gekürzt wurden, verwahrlosten Gebäude, Gangs übernahmen das Kommando, und Gewalt wurde zur Normalität.

Chicago war eines der dramatischsten Beispiele: In der Cabrini-Green Siedlung, einst Schauplatz der Sitcom „Good Times“, starb 1992 ein siebenjähriger Junge auf dem Schulweg durch einen Scharfschützen – das Bild ging um die Welt. Die Anlage wurde zum Synonym für das Scheitern des öffentlichen Wohnungsbaus, obwohl nur ein Bruchteil der amerikanischen Bewohner:innen unter solchen Umständen lebte.

Leben zwischen Kugeln und Gemeinschaft

Francine Washington, eine ehemalige Bewohnerin der berüchtigten Stateway Gardens, erinnert sich an Nächte, in denen Kugeln durch ihr Fenster flogen. Und doch erzählt sie ebenso von einer starken Nachbarschaft, von Menschen, die sich gegenseitig unterstützten, von Gemeinschaft, die blieb – trotz aller Gefahren.

Crystal Palmer, heute Mitarbeiterin im städtischen Wohnungsamt, beschreibt ihre Kindheit in den Henry Horner Homes als „größten Ort zum Leben“. Ihre Familie zog von einer baufälligen Wohnung mit Rattenbefall in ein sauberes, modernes Zuhause mit Blumenbeeten und Ballfeldern.

Ein Ort der Erinnerung – und Hoffnung

Das Museum rekonstruiert Wohnungen aus verschiedenen Epochen und Ethnien: Eine jüdische Familie der 1930er, eine polnisch-italienische aus den 50ern, eine afroamerikanische aus den 60ern. Neben Alltagsobjekten und Rezepten zeigen Ausstellungen die Rolle der Bewohner:innen in Kultur und Gesellschaft – weit über das Klischee hinaus.

Der Pastor Marshall Hatch, der im heutigen Museumsgebäude aufwuchs, beschreibt seine Kindheit als „schöne kleine Dorfgemeinschaft“ – überfüllt, aber voller Leben. Heute engagiert er sich für ein neues Projekt auf der West Side: Eine begehbare Nachbarschaft mit Supermarkt, Klinik und Gemeindezentrum, finanziert mit 10 Millionen Dollar Fördermitteln.

Für Hatch ist klar: Die Vision sozialer Gerechtigkeit, die einst Jane Addams oder Ida B. Wells vertraten, lebt weiter – nicht in den Ruinen, sondern in der Erinnerung und dem Versuch, es besser zu machen.

„Sobald wir dieses moralisch entkernte Zeitalter überwunden haben“, sagt Hatch, „werden wir uns wieder auf jene Reformatoren besinnen, die ein Amerika der Inklusion und Menschlichkeit wollten.“

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