Wenn ein Kind schwer krank ist, steht die Welt still – vor allem für die Familie. Während sich Eltern voll auf das erkrankte Kind konzentrieren, fühlen sich gesunde Geschwister oft übersehen. Diese Kinder nennt man manchmal „Glaskinder“ – sie sind da, aber durchscheinend, unbeachtet. Genau hier setzt das US-weite Nachmittagsprogramm I Shine an.
So wie bei Ruby, 8 Jahre alt aus Los Angeles. Als ihre kleine Schwester Liv schwer krank wurde, stand das Familienleben Kopf. Ruby, damals gerade mal fünf, fragte: „Wird dieses Baby auch sterben?“ Ihre Mutter, Sara Kessler, erinnert sich: „Sie hatte eine sehr schwere Zeit.“ Was geholfen hat? I Shine – ein Programm speziell für Kinder wie Ruby.
Ein sicherer Ort für große Gefühle
I Shine, ein Projekt der Hilfsorganisation Chai Lifeline, bietet Kindern mit schwer kranken Geschwistern einen sicheren Raum. In Städten wie Los Angeles, Baltimore, New York, New Jersey, Florida und Phoenix kommen die Kinder zweimal pro Woche zusammen. Dort gibt es Unterstützung bei den Hausaufgaben, Abendessen, Spiele – und vor allem Teenager-Mentoren, die zuhören, verstehen und da sind.
Rabbi Simcha Scholar, Geschäftsführer von Chai Lifeline, erklärt: „Wenn ein Kind krank wird, gerät das ganze Familienleben aus dem Gleichgewicht. Eltern müssen plötzlich alles andere zurückstellen. Für die gesunden Kinder kann das sehr isolierend sein.“
Viele „Glaskinder“ empfinden Schuld, Eifersucht oder Wut – und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen für diese Gefühle. „Man kann den Eltern keinen Vorwurf machen“, sagt Scholar. „Aber für die gesunden Geschwister bleibt oft wenig Raum. Wir wollen ihnen helfen, sich nicht übersehen zu fühlen.“
Teenager als große Vorbilder
Eine der Mentorinnen ist die 17-jährige Hannah Zelkha aus Los Angeles. Seit vier Jahren ist sie bei I Shine dabei. „Kinder haben eine unglaubliche Lebensfreude, auch wenn es um sie herum dunkel ist“, sagt sie. „Das mitzuerleben, hat meinen Blick auf das Leben verändert.“ Die Teenager wechseln regelmäßig ihre „kleinen Buddys“, um möglichst vielen Kindern Aufmerksamkeit zu schenken – ganz ohne Smartphone, das muss zu Beginn jeder Sitzung abgegeben werden. Hannah sagt: „Ich habe gelernt, wie wertvoll echte Präsenz ist.“
Entlastung für Familien, Stärkung für Kinder
Für Mutter Sara Kessler bedeutet I Shine nicht nur Hilfe für ihre Tochter Ruby, sondern auch eine dringend benötigte Atempause. Ihre jüngere Tochter Liv ist weiterhin in Behandlung wegen einer Lungenkrankheit und Problemen mit dem Immunsystem. „Ich kann Ruby nicht immer die Aufmerksamkeit geben, die sie verdient. I Shine fängt das auf – das entlastet mich enorm.“
Ruby hat dort Freunde gefunden, lacht, spielt und wird von älteren Jugendlichen begleitet, zu denen sie aufschauen kann. Das Programm übernimmt sogar das Abendessen und Hausaufgabenbetreuung – sodass zu Hause wieder Raum für Zuwendung bleibt. „Statt Streit über Schulaufgaben können wir abends zusammen lesen oder einfach reden“, sagt Kessler. „Wir lieben das Programm – sie denken wirklich an alles.“
Ein kleiner Lichtblick für Familien in schweren Zeiten – und ein Beispiel dafür, wie viel ein bisschen Aufmerksamkeit für die „übersehenen“ Geschwister bewirken kann.