Im aufsehenerregenden Prozess gegen Karen Read, die beschuldigt wird, ihren Freund – den Polizisten John O’Keefe – mit ihrem SUV überfahren und im Schnee liegengelassen zu haben, sagte nun ein wichtiger Experte der Anklage aus: Unfallrekonstruktionsspezialist Judson Welcher.
Welcher präsentierte am 21. Prozesstag seine Analyse des nächtlichen Geschehens vom 30. Januar 2022. Er erläuterte Daten aus Reads Lexus-SUV, die eine plötzliche Vorwärts- und Rückwärtsbewegung in der Nähe des Hauses dokumentieren, vor dem O’Keefes lebloser Körper entdeckt wurde. Die zentrale Frage: War es ein Unfall, Totschlag oder gar Mord?
Crash-Simulation mit Nachbau von Reads Auto
Welcher hatte exakt das gleiche Lexus-Modell wie das von Read gekauft, samt identischer Fertigungsstätte, um den Vorfall möglichst genau zu rekonstruieren. In einem Video, das den Geschworenen gezeigt wurde, simulierte er mit farbiger Markierung, wie O’Keefe verletzt worden sein könnte – und zeigte dabei Übereinstimmungen zwischen Lackabrieb am Auto und Verletzungen an O’Keefes Arm.
Er betonte jedoch, dass ihm zentrale Parameter – etwa die genaue Position von O’Keefe oder die Geschwindigkeit des Autos – fehlten. Dennoch kam er zu dem Schluss: Die Verletzungen an Knie und Augenlid des Opfers seien mit der Höhe der Stoßstange und Heckflügel des SUVs vereinbar. Weitere Fotos zeigten O’Keefes Nike-Schuh im Schnee, umgeben von Blutspuren und roten Rücklicht-Splittern.
Kernfrage: Darf Welcher sagen, ob Read O’Keefe getroffen hat?
Ein hitziger Streitpunkt im Gerichtssaal drehte sich um die Frage, ob Welcher überhaupt aussagen dürfe, ob seiner Meinung nach Read O’Keefe angefahren hat. Die Verteidigung argumentierte, dies sei die zentrale Entscheidung, die allein den Geschworenen zustehe. Der Richter will darüber separat entscheiden.
Verteidigung setzt auf Zweifel und Datenlücken
Reads Anwälte konzentrieren sich darauf, Zweifel an der Beweiskette zu säen – etwa an Welchers Quelle, dem Experten Shanon Burgess, der ein falsches akademisches Profil vorgelegt hatte. Auch auf vermeintlich manipulierte Kommunikation unter den Zeugen wird hingewiesen. Zudem werfen sie den Ermittlern unsaubere Arbeit vor.
Ein weiterer Streitpunkt: Das Rücklicht an Reads SUV war beschädigt – aber laut Welcher nicht durch eine harmlose Kollision mit O’Keefes geparktem Auto, wie ein Ring-Kamera-Video zeigt. Dieses zeigt zwar einen leichten Stoß beim Rückwärtsausparken, der laut Welcher aber bei nur 0,7 mph Geschwindigkeit keine Schäden am Rücklicht verursacht haben könne.
Bewegungsdaten legen kritisches Zeitfenster offen
Welcher verwies auf einen sogenannten „Trigger Event“ im Bordcomputer des SUV – einen abrupten Bewegungsablauf um 12:34 Uhr: 34 Fuß vor, dann 53 Fuß zurück, mit 74 % Gaspedalstellung. Dieser Moment passe auffällig genau zum Zeitraum, in dem O’Keefes Handy zuletzt Aktivität vor dem Haus aufwies.
Hochkarätiger Fall mit breitem Medienecho
Der Fall sorgt in den USA für enormes Medieninteresse und hat bereits Podcasts, Filme und Serien inspiriert. Das erste Verfahren 2024 endete mit einer Pattsituation – die Jury konnte sich nicht auf ein Urteil einigen.
Ob Read wirklich gefahren ist, ob sie O’Keefe absichtlich oder aus Versehen überfuhr – oder ob ein ganz anderes Szenario vorliegt – ist weiterhin unklar. CourtTV überträgt den Prozess live, der nun in die entscheidende Phase eintritt. Die nächste Runde im Duell zwischen Technik, Emotionen und Gerechtigkeit beginnt.