Frage: Frau Bontschev, die BaFin hat in einer aktuellen Aufsichtsmitteilung klargestellt, dass Versicherer Leistungsanträge innerhalb eines Monats bearbeiten müssen. Wie bewerten Sie diese Maßnahme?
Bontschev: Das ist ein überfälliges und wichtiges Signal. In der Praxis erleben wir immer wieder, dass Versicherte über Monate auf Entscheidungen ihrer Versicherung warten – sei es in der privaten Kranken-, Berufsunfähigkeits- oder Unfallversicherung. Die BaFin setzt hier ein klares Zeichen zugunsten der Verbraucherinnen und Verbraucher: Versicherer dürfen sich nicht mehr hinter Personalmangel oder hohem Schadenaufkommen verstecken. Das ist rechtlich wie moralisch nicht haltbar.
Frage: Wie sieht die rechtliche Lage bisher aus? Gibt es Fristen, an die sich Versicherungen halten müssen?
Bontschev: Die rechtlichen Vorgaben zur Bearbeitungsfrist sind bisher nicht explizit im Versicherungsvertragsgesetz geregelt. Es gilt jedoch der allgemeine Grundsatz der zügigen Vertragsabwicklung nach Treu und Glauben. Die nun veröffentlichte Erwartung der BaFin, innerhalb eines Monats zu entscheiden, konkretisiert diese Vorgabe aufsichtrechtlich. Wenn Versicherer künftig dagegen verstoßen, drohen ihnen aufsichtsrechtliche Maßnahmen – das ist neu und sehr zu begrüßen.
Frage: In welchen Fällen sind besonders lange Bearbeitungszeiten problematisch?
Bontschev: Besonders kritisch wird es, wenn Versicherte in Vorleistung treten müssen, etwa bei hohen Arztrechnungen in der privaten Krankenversicherung. Wer hier nicht rechtzeitig eine Kostenerstattung bekommt, gerät schnell in Zahlungsschwierigkeiten. Auch bei Berufsunfähigkeitsversicherungen kann eine monatelange Verzögerung für Betroffene existenzbedrohend sein. Der psychische Druck ist enorm.
Frage: Was können Versicherte tun, wenn sie betroffen sind?
Bontschev: Betroffene sollten zunächst schriftlich eine Fristsetzung gegenüber der Versicherung vornehmen – idealerweise mit Nachweis. Hilft das nicht, empfiehlt sich die Einschaltung eines spezialisierten Anwalts oder die Beschwerde bei der BaFin. Die aktuelle Aufsichtsmitteilung stärkt hier die Position der Verbraucher ganz klar.
Frage: Rechnen Sie mit Veränderungen im Verhalten der Versicherer?
Bontschev: Die Branche steht jetzt unter verschärfter Beobachtung. Ich rechne damit, dass zumindest die großen Anbieter ihr Beschwerdemanagement verbessern und Personal aufstocken werden. Die BaFin hat deutlich gemacht, dass sie bei strukturellen Verzögerungen auch eingreift. Das erhöht den Druck. Letztlich geht es um Vertrauen – und das verspielt, wer berechtigte Ansprüche verzögert.
Frage: Ein letztes Wort an Versicherte?
Bontschev: Versicherte dürfen sich nicht zum Bittsteller machen lassen. Wenn Leistungen vertraglich vereinbart sind, müssen sie auch erbracht werden – und zwar in angemessener Zeit. Die BaFin hat hier ein wichtiges Zeichen gesetzt. Jetzt ist es an den Versicherten, ihre Rechte auch konsequent einzufordern.