3,6 Prozent für zehnjährige deutsche Staatsanleihen und fast 5,3 Prozent für US-Papiere: Solche Renditen können für Sparer attraktiv aussehen. Doch Staatsanleihen sind nicht mit einem Festgeldkonto vergleichbar. Ihre Kurse können erheblich schwanken, Inflation schmälert die tatsächliche Rendite und bei ausländischen Anleihen können zusätzliche Risiken hinzukommen. Entscheidend ist vor allem, ob Anleger das Papier bis zur Rückzahlung halten können.
Staatsanleihen erleben derzeit ein Comeback.
Der Grund liegt auf der Hand: Die Renditen sind deutlich gestiegen.
Wer dem deutschen Staat für zehn Jahre Geld leiht, kann nach den aktuellen Angaben eine Rendite von rund 3,6 Prozent erzielen.
Bei zehnjährigen US-Staatsanleihen sind sogar annähernd 5,3 Prozent möglich.
Das klingt zunächst nach einer sicheren Möglichkeit, relativ hohe Zinsen zu erhalten.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Was ist eine Staatsanleihe überhaupt?
Mit dem Kauf einer Staatsanleihe leiht ein Anleger einem Staat Geld.
Dafür erhält er grundsätzlich vereinbarte Zinszahlungen. Am Ende der Laufzeit soll der Nennbetrag zurückgezahlt werden.
Das klingt ähnlich wie Festgeld.
Der entscheidende Unterschied:
Staatsanleihen können an der Börse gehandelt werden.
Ihr Kurs kann deshalb während der Laufzeit steigen oder fallen.
Wer seine Anleihe bis zur vorgesehenen Rückzahlung halten kann, befindet sich in einer anderen Situation als jemand, der das Geld vorher benötigt.
Warum fallen Anleihekurse, wenn die Zinsen steigen?
Dieser Zusammenhang ist für Anleger besonders wichtig.
Angenommen, eine ältere Staatsanleihe bringt zwei Prozent Zinsen.
Neu ausgegebene vergleichbare Anleihen bieten inzwischen vier Prozent.
Kaum jemand würde für die alte Zwei-Prozent-Anleihe den gleichen Preis bezahlen wie für ein neues Papier mit vier Prozent.
Der Börsenkurs der alten Anleihe muss deshalb normalerweise sinken, damit sie für Käufer wieder konkurrenzfähig wird.
Vereinfacht gilt:
Marktzinsen steigen → Kurse bestehender Anleihen fallen.
Und umgekehrt:
Marktzinsen fallen → Kurse bestehender Anleihen können steigen.
Rendite und Zinskupon sind nicht dasselbe
Ein häufiger Fehler besteht darin, Rendite und Zins einer Anleihe gleichzusetzen.
Der sogenannte Kupon beschreibt grundsätzlich die vereinbarte Verzinsung des Wertpapiers.
Die tatsächliche Rendite eines Käufers hängt dagegen auch davon ab, welchen Preis er für die Anleihe bezahlt.
Eine ältere Anleihe kann beispielsweise einen niedrigen Kupon besitzen, aber deutlich unter ihrem späteren Rückzahlungswert gehandelt werden.
Wer sie günstig kauft und bis zur regulären Rückzahlung hält, kann deshalb eine höhere Gesamtrendite erzielen, als der Kupon zunächst vermuten lässt.
Warum steigen die Renditen derzeit?
Nach dem Ausgangsbericht kommen mehrere Faktoren zusammen.
Viele Staaten benötigen viel Geld und geben entsprechend große Mengen neuer Staatsanleihen aus.
Ein wachsendes Angebot kann die Preise unter Druck setzen.
Gleichzeitig spielt die Inflation eine entscheidende Rolle.
Steigt die Inflation, reagieren Notenbanken unter Umständen mit höheren Leitzinsen. Auch das kann die Renditen am Anleihemarkt nach oben treiben.
Für Anleger entstehen dadurch zwar höhere nominale Renditen.
Doch genau die Inflation, die zu höheren Zinsen beiträgt, schmälert gleichzeitig die Kaufkraft der Erträge.
Aus 3,6 Prozent werden real möglicherweise nur 0,3 Prozent
Das lässt sich mit einer einfachen Rechnung verdeutlichen.
Beträgt die Rendite einer Staatsanleihe rund 3,6 Prozent und liegt die Inflation gleichzeitig bei 3,3 Prozent, bleiben vereinfacht gerechnet nur ungefähr:
3,6 Prozent Rendite – 3,3 Prozent Inflation = 0,3 Prozent reale Rendite.
Steuern und individuelle Kosten sind dabei noch nicht berücksichtigt.
Die genaue Berechnung einer Realrendite ist mathematisch etwas differenzierter, doch das Beispiel verdeutlicht das Problem.
Eine hohe Zahl vor dem Prozentzeichen bedeutet nicht automatisch einen großen realen Vermögenszuwachs.
Dieses Inflationsproblem betrifft allerdings nicht nur Staatsanleihen.
Auch Tagesgeld, Festgeld und andere nominal verzinste Anlagen verlieren real an Wert, wenn ihre Verzinsung unterhalb der Inflationsrate liegt.
Sind deutsche Staatsanleihen trotzdem sicher?
Hier muss zwischen verschiedenen Risiken unterschieden werden.
Bei Bundesanleihen wird das Risiko, dass Deutschland am Ende die vereinbarten Zahlungen überhaupt nicht leisten kann, als vergleichsweise gering eingeschätzt.
Das bedeutet aber nicht, dass der Börsenkurs einer Bundesanleihe nicht deutlich fallen kann.
Kreditrisiko und Kursrisiko sind zwei unterschiedliche Dinge.
Ein Anleger kann also eine Anleihe eines sehr zahlungsfähigen Staates besitzen und trotzdem zwischenzeitlich einen erheblichen Kursverlust im Depot sehen.
Entscheidend ist die Haltedauer
Wer eine Anleihe eines bonitätsstarken Staates kauft und bis zur regulären Fälligkeit halten kann, muss sich für zwischenzeitliche Börsenkurse deutlich weniger interessieren.
Problematisch kann es werden, wenn das Geld unerwartet früher benötigt wird.
Dann muss die Anleihe möglicherweise an der Börse verkauft werden.
Sind die Marktzinsen inzwischen weiter gestiegen, kann ihr Kurs deutlich niedriger liegen.
Der Anleger realisiert dann möglicherweise einen Verlust.
Deshalb sollte Geld, das jederzeit kurzfristig benötigt werden könnte, nicht allein wegen einer attraktiven Rendite langfristig gebunden werden.
Beispiel: Warum ein vorzeitiger Verkauf teuer werden kann
Ein Anleger investiert 10.000 Euro in eine länger laufende Staatsanleihe.
Danach steigen die Marktzinsen deutlich.
Die alte Anleihe wird dadurch an der Börse weniger attraktiv und ihr Kurs fällt.
Benötigt der Anleger seine 10.000 Euro nun kurzfristig, kann er nicht einfach verlangen, dass der Staat ihm vorzeitig den ursprünglichen Kaufbetrag zurückzahlt.
Er muss das Papier grundsätzlich zum aktuellen Marktpreis verkaufen.
Liegt dieser beispielsweise deutlich unter seinem Kaufpreis, entsteht ein Verlust.
Wer dagegen bis zur Fälligkeit warten kann, befindet sich – vorbehaltlich eines Zahlungsausfalls und der konkreten Anleihebedingungen – in einer anderen Situation.
Anleihe-ETFs funktionieren anders
Besondere Aufmerksamkeit ist bei Anleihefonds und Anleihe-ETFs notwendig.
Ein ETF mit Staatsanleihen ist nicht dasselbe wie eine einzelne Staatsanleihe, die ein Anleger bis zur Fälligkeit hält.
In klassischen Anleiheindizes werden Wertpapiere regelmäßig ausgetauscht.
Der Anleger bekommt deshalb normalerweise nicht einfach nach zehn Jahren seinen ursprünglichen Anlagebetrag vom Staat zurück.
Der Wert seines ETF-Anteils richtet sich nach dem Wert der enthaltenen Anleihen.
Steigende Zinsen können deshalb auch hier zunächst deutliche Kursverluste verursachen.
Laufzeit entscheidet über die Empfindlichkeit
Auch bei Staatsanleihen gilt:
Je länger die verbleibende Laufzeit, desto stärker kann ein Wertpapier grundsätzlich auf Zinsänderungen reagieren.
Lang laufende Anleihen können deshalb deutlich stärker schwanken als Papiere mit kurzer Restlaufzeit.
Wer Staatsanleihen nur wegen der aktuell hohen Rendite kaufen möchte, sollte deshalb nicht ausschließlich auf die Prozentzahl schauen.
Die Laufzeit gehört zu den wichtigsten Kriterien.
US-Staatsanleihen mit 5,3 Prozent: Ein zusätzliches Risiko
Fast 5,3 Prozent Rendite bei US-Staatsanleihen wirken gegenüber 3,6 Prozent in Deutschland besonders attraktiv.
Für einen Anleger aus dem Euro-Raum gibt es jedoch einen zusätzlichen Faktor:
das Währungsrisiko.
US-Staatsanleihen werden üblicherweise in US-Dollar ausgegeben.
Wer Euro in Dollar tauscht, eine US-Anleihe kauft und später wieder in Euro zurücktauscht, ist deshalb von der Entwicklung des Wechselkurses abhängig.
Verliert der Dollar gegenüber dem Euro deutlich an Wert, kann ein Teil der höheren Rendite aufgezehrt werden.
Bei starken Wechselkursbewegungen kann sogar ein Verlust entstehen.
Umgekehrt kann ein stärkerer Dollar die Rendite eines Euro-Anlegers erhöhen.
Die höhere US-Rendite darf deshalb nicht einfach mit einer deutschen Rendite verglichen werden, ohne das Währungsrisiko zu berücksichtigen.
Staatsanleihe oder Festgeld?
Beide Anlageformen haben unterschiedliche Eigenschaften.
Beim Festgeld wird das Geld für einen bestimmten Zeitraum zu einem vereinbarten Zinssatz angelegt. Es gibt normalerweise keinen täglich schwankenden Börsenkurs.
Eine börsengehandelte Staatsanleihe kann dagegen grundsätzlich während der Laufzeit verkauft werden – allerdings zum jeweils aktuellen Marktpreis.
Daraus entsteht gleichzeitig ein Vorteil und ein Risiko.
Der Anleger besitzt grundsätzlich mehr Möglichkeiten zum Verkauf, trägt dafür aber das Kursrisiko.
Hinzu kommen unterschiedliche Schutzmechanismen: Bankeinlagen und Wertpapiere sind rechtlich nicht dasselbe. Eine Staatsanleihe ist eine Forderung gegenüber dem jeweiligen Staat und kein Bankguthaben.
Können Staaten tatsächlich zahlungsunfähig werden?
Ja.
„Staatsanleihe“ ist nicht automatisch gleichbedeutend mit „garantiert sicher“.
Wie groß das Ausfallrisiko ist, hängt wesentlich vom jeweiligen Staat ab.
In der Vergangenheit kam es beispielsweise bei Staatsschulden verschiedener Länder zu Zahlungsausfällen beziehungsweise Umschuldungen.
Deshalb können Anleger nicht einfach nur die Renditen zweier Länder miteinander vergleichen.
Eine besonders hohe Rendite kann gerade Ausdruck eines höheren wahrgenommenen Risikos sein.
Frankreich zeigt, wie schnell sich die Wahrnehmung verändern kann
Aktuell beobachten die Finanzmärkte insbesondere Frankreich.
Dort sorgen die hohe Verschuldung und die politische Auseinandersetzung um einen tragfähigen Staatshaushalt für Nervosität.
Investoren verlangen entsprechend höhere Renditen.
Das verdeutlicht einen wichtigen Zusammenhang:
Je größer das wahrgenommene Risiko eines Staates, desto höher kann die Rendite werden, die Anleger verlangen.
Eine außergewöhnlich hohe Rendite ist deshalb nicht automatisch ein Geschenk des Marktes.
Sie kann eine Risikoprämie sein.
Was Anleger vor dem Kauf prüfen sollten
Vor einer Investition in Staatsanleihen sollten zumindest Bonität des Staates, Restlaufzeit, Rendite, Kaufkurs, Kupon, Währung und mögliche Kosten betrachtet werden.
Noch wichtiger ist die persönliche Frage:
Kann ich dieses Geld tatsächlich bis zur Fälligkeit entbehren?
Wer möglicherweise vorher verkaufen muss, sollte das Kursrisiko besonders ernst nehmen.
Bei Anleihefonds und ETFs wiederum sollte geprüft werden, welche Laufzeiten und Länder enthalten sind und wie empfindlich das Portfolio auf weitere Zinsänderungen reagieren kann.
Nicht nur auf die hohe Rendite schauen
Die derzeitigen Renditen machen Staatsanleihen für Anleger zweifellos wieder interessanter.
Doch eine Bundesanleihe mit 3,6 Prozent, eine US-Staatsanleihe mit 5,3 Prozent, ein Tagesgeldkonto mit ähnlicher Verzinsung und ein Staatsanleihen-ETF sind vier sehr unterschiedliche Anlagen.
Die Prozentzahlen allein reichen für einen sinnvollen Vergleich nicht aus.
Rendite, Laufzeit, Inflation, Kursrisiko, Bonität und gegebenenfalls Wechselkursrisiko müssen gemeinsam betrachtet werden.