Deutschlands kleinere und mittelgroße Banken und Sparkassen gehen nach Einschätzung von BaFin und Bundesbank mit einem insgesamt soliden Kapitalpolster in wirtschaftlich unsichere Zeiten. Der LSI-Stresstest 2026 zeigt allerdings auch, wo die Grenzen dieser Widerstandsfähigkeit liegen: In dem simulierten schweren Krisenszenario würden mehrere Dutzend Institute ihre aufsichtlich vorgegebenen Kapitalanforderungen nicht mehr einhalten.
Für den Gesamtmarkt fällt das Ergebnis dennoch vergleichsweise robust aus. Die harte Kernkapitalquote der untersuchten weniger bedeutenden Institute – der sogenannten Less Significant Institutions (LSIs) – würde im Stressszenario um rund 3,8 Prozentpunkte auf 14,6 Prozent sinken.
Das bedeutet zugleich: Vor Eintritt des simulierten Schocks liegt die entsprechende Quote rechnerisch bei rund 18,4 Prozent.
1.113 Banken und Sparkassen untersucht
Der Umfang der Erhebung ist erheblich.
Parallel zum eigentlichen Stresstest führten die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und die Deutsche Bundesbank eine Befragung zur aktuellen und erwarteten Ergebnis- und Risikosituation durch.
Daran beteiligten sich 1.113 Banken und Sparkassen.
Das entspricht rund 90 Prozent aller Kreditinstitute in Deutschland. Gemessen an der aggregierten Bilanzsumme repräsentieren die Teilnehmer allerdings nur etwa 38 Prozent.
Der Grund liegt in der Struktur der Untersuchung: Im Mittelpunkt stehen gerade die weniger bedeutenden Institute und damit nicht die großen Banken, die unter unmittelbarer Aufsicht der Europäischen Zentralbank stehen.
Aufsicht simuliert drastischen globalen Wirtschaftseinbruch
Das Stressszenario ist bewusst hart gewählt.
Unterstellt wird eine sehr schwere Wirtschaftskrise infolge einer simulierten Verschärfung geopolitischer Spannungen.
BaFin-Exekutivdirektor Nikolas Speer fasst das Ergebnis dennoch positiv zusammen: Die Institute seien insgesamt solide aufgestellt und die meisten Banken und Sparkassen könnten aufgrund ihrer Kapitalisierung auch einem drastischen globalen Wirtschaftseinbruch widerstehen.
Das heißt allerdings nicht, dass eine solche Krise ohne erhebliche Folgen bliebe.
Im Stressszenario fällt die harte Kernkapitalquote im Aggregat von etwa 18,4 auf 14,6 Prozent.
Der Kapitalpuffer würde damit um rund ein Fünftel zusammenschmelzen.
Wertberichtigungen treffen die Banken
Für den Rückgang sind nach Angaben der Aufseher insbesondere Belastungen aus zwei Bereichen verantwortlich.
Eine wichtige Rolle spielen Wertberichtigungen beim Adressrisiko. Dahinter steht vereinfacht das Risiko, dass Kreditnehmer oder andere Geschäftspartner ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr vollständig erfüllen können.
Hinzu kommen Belastungen aus dem Marktrisiko.
Gerade in einem Szenario mit schwerem globalem Wirtschaftseinbruch können sich diese Effekte gegenseitig verstärken: Unternehmen geraten wirtschaftlich unter Druck, Kreditausfälle nehmen zu und gleichzeitig können sich Marktwerte von Vermögenspositionen ungünstig entwickeln.
Der Stresstest soll deshalb nicht vorhersagen, dass genau dieses Szenario eintreten wird. Er untersucht vielmehr, wie widerstandsfähig die Kapitalausstattung der Institute wäre, falls sich eine entsprechend schwere Krise materialisieren sollte.
Mehrere Dutzend Institute würden Kapitalanforderungen unterschreiten
Hinter dem insgesamt soliden Durchschnitt verbergen sich erhebliche Unterschiede.
Mehrere Dutzend Banken und Sparkassen könnten im simulierten Krisenszenario ihre aufsichtlich vorgegebenen Kapitalanforderungen nicht mehr einhalten.
Eine genaue Zahl nennt die vorliegende Mitteilung nicht.
Ebenso werden die betroffenen Institute nicht namentlich aufgeführt.
Für Bankkunden lässt sich aus dem Stresstest deshalb nicht ableiten, ob die eigene Sparkasse, Volksbank oder eine andere konkrete Bank zu dieser Gruppe gehört.
Die Aufsicht macht allerdings deutlich, dass sie gerade diese auffälligen Institute genauer beobachten will.
Weniger Problemfälle als beim Stresstest 2024
Interessant ist der Vergleich mit der vorherigen Untersuchung.
Obwohl auch der Stresstest 2026 ein ähnlich hartes Szenario zugrunde legt, würden diesmal weniger Institute unter die vorgeschriebenen Kapitalanforderungen fallen als noch beim LSI-Stresstest 2024.
BaFin und Bundesbank führen das unter anderem auf die Reaktion auf die damaligen Ergebnisse zurück.
Institute, die vor zwei Jahren wegen ihrer Kapitalisierung aufgefallen waren, wurden anschließend aufsichtlich enger begleitet. Die meisten dieser Banken und Sparkassen hätten ihre Eigenmittelquoten inzwischen erhöht.
Damit zeigt der Stresstest auch, wie solche Untersuchungen praktisch genutzt werden: Sie sollen Schwachstellen nicht nur identifizieren, sondern können anschließend zu einer intensiveren Beaufsichtigung einzelner Institute führen.
BaFin kündigt bei Bedarf weitere Maßnahmen an
Für Banken, die im neuen Stresstest erneut auffallen, könnte sich dieser Prozess wiederholen.
BaFin-Bankenaufseher Speer macht deutlich, dass die betreffenden Institute besonders im Blick der Behörde stehen.
Sollte es erforderlich sein, will die Aufsicht rechtzeitig Maßnahmen ergreifen.
Welche Banken konkret betroffen sind und welche Maßnahmen im Einzelfall notwendig werden könnten, geht aus der vorliegenden Mitteilung nicht hervor.
Der Befund „mehrere Dutzend Institute“ sollte deshalb weder verharmlost noch als Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende Bankenkrise interpretiert werden.
Es handelt sich um die Ergebnisse eines bewusst schweren hypothetischen Stressszenarios.
Banken rechnen mit deutlich höherer Profitabilität
Neben der Widerstandsfähigkeit haben BaFin und Bundesbank auch die Zukunftsplanungen der Institute untersucht.
Dabei zeigt sich bemerkenswerter Optimismus.
Im Aggregat erwarten die Banken und Sparkassen, dass ihre Gesamtkapitalrentabilität von 0,43 Prozent im Jahr 2025 auf 0,64 Prozent im Jahr 2028 steigt.
Das entspricht einem Anstieg von knapp 50 Prozent.
Gleichzeitig planen die Institute insgesamt mit einer weiteren Verbesserung ihrer harten Kernkapitalquote: von aktuell 18,4 Prozent auf 19,1 Prozent im Jahr 2028.
Allerdings gilt auch hier: Der Durchschnitt verdeckt unterschiedliche Entwicklungen.
Jede fünfte Bank erwartet sinkende Kapitalquote
Denn jedes fünfte Institut rechnet in seiner eigenen Planung für die kommenden drei Jahre mit einer sinkenden harten Kernkapitalquote.
Damit steht der positive aggregierte Ausblick nicht für jedes einzelne Institut.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den die Aufseher aufmerksam beobachten: Die Banken erwarten, dass ihre risikogewichteten Aktiva stärker wachsen als ihre Bilanzsummen.
Das könnte auf eine stärkere Übernahme von Risiken hindeuten.
BaFin und Bundesbank weisen allerdings ausdrücklich darauf hin, dass auch veränderte regulatorische Anforderungen diese Entwicklung erklären können.
Eine steigende Risikogewichtung darf deshalb nicht automatisch mit einer aggressiveren Kreditpolitik gleichgesetzt werden.
Gewerbeimmobilien bleiben ein Risikofaktor
Die Aufsicht sieht zudem weiterhin strukturelle Belastungen.
Besonders genannt werden das Unternehmensgeschäft und die Gewerbeimmobilienfinanzierung.
Probleme in diesen Bereichen können die Schuldentragfähigkeit von Kreditnehmern beeinträchtigen und dadurch wiederum die kreditgebenden Banken belasten.
Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Erholung nach Einschätzung der Aufseher zögerlich, während die geopolitischen Risiken hoch sind.
Das ist gerade für kleinere und regional tätige Institute relevant, wenn deren Kreditportfolios stärker auf bestimmte Branchen oder Regionen konzentriert sind.
Planungen könnten bereits teilweise überholt sein
Eine wichtige Einschränkung betrifft außerdem die Datenbasis der Zukunftsplanungen.
Die zugrunde liegenden Plandaten wurden bereits im Frühjahr erhoben.
Entwicklungen der vergangenen Monate sind deshalb nach Angaben von Bundesbank und BaFin noch nicht vollständig berücksichtigt.
Bundesbankvorstand Michael Theurer warnt entsprechend davor, die positiven Planungen als selbstverständlich anzusehen.
Die hohe geopolitische Unsicherheit erschwere den konjunkturellen Ausblick. Banken müssten deshalb bei Geschäfts- und Kapitalplanung vorsichtig vorgehen, damit sie auch bei unerwarteten Schocks über eine solide Kapitalbasis verfügen und weiterhin Kredite an Unternehmen und private Haushalte vergeben können.
Aufsicht ändert Umgang mit zusätzlichen Kapitalempfehlungen
Der Stresstest 2026 bringt zugleich Veränderungen bei der Bankenaufsicht selbst.
Die Methodik wurde vereinfacht, die Datenerhebung verschlankt und stärker am jeweiligen Risiko ausgerichtet.
Besonders relevant ist eine Änderung bei der sogenannten Pillar 2 Guidance.
Dabei handelt es sich um eine aufsichtliche Empfehlung für zusätzliches Eigenkapital.
Künftig sollen nur noch Institute eine solche Eigenmittelempfehlung erhalten, deren Kapitalquoten im adversen Stresstest-Szenario unter die vorgeschriebenen Kapitalanforderungen – die Total SREP Capital Requirements – zuzüglich eines Puffers von 500 Basispunkten beziehungsweise fünf Prozentpunkten fallen.
Diese Schwelle dient der Aufsicht als risikoorientiertes Frühwarnsignal.
Die Folge ist erheblich: Nach Angaben der Aufseher werden künftig etwa 40 Prozent weniger Institute eine solche zusätzliche Eigenmittelempfehlung erhalten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Kapitalanforderungen generell um 40 Prozent sinken. Die Aussage bezieht sich auf die Zahl der Institute, die künftig eine entsprechende Pillar-2-Empfehlung erhalten.
Was der Stresstest für Bankkunden bedeutet
Für Bankkunden liefert die Untersuchung vor allem ein Bild des gesamten Marktsegments.
Der zentrale Befund lautet: Die kleineren und mittelgroßen deutschen Banken und Sparkassen verfügen im Aggregat über erhebliche Kapitalpuffer.
Selbst unter den bewusst drastischen Annahmen des Stresstests würde die harte Kernkapitalquote insgesamt noch bei 14,6 Prozent liegen.
Daraus kann jedoch keine Aussage über die Widerstandsfähigkeit einer bestimmten Bank abgeleitet werden.
Gerade weil mehrere Dutzend Institute im Stressszenario ihre individuellen Kapitalanforderungen unterschreiten würden, lohnt sich die Unterscheidung zwischen dem insgesamt robusten Sektor und einzelnen anfälligeren Häusern.
Fazit: Robustes Gesamtbild mit Schwachstellen
Der LSI-Stresstest 2026 liefert BaFin und Bundesbank zunächst eine beruhigende Gesamtbotschaft: Deutschlands kleinere und mittelgroße Banken und Sparkassen verfügen zusammen über ein Kapitalpolster, das selbst einen schweren simulierten Wirtschaftseinbruch abfedern könnte.
Doch der Blick auf den Durchschnitt reicht nicht aus.
Die harte Kernkapitalquote würde unter Stress um 3,8 Prozentpunkte auf 14,6 Prozent fallen. Mehrere Dutzend Institute würden ihre aufsichtlich vorgegebenen Kapitalanforderungen unterschreiten.
Gleichzeitig bestehen wirtschaftliche Risiken fort – insbesondere im Unternehmens- und Gewerbeimmobiliengeschäft. Hinzu kommt die geopolitische Unsicherheit, während die Zukunftsplanungen der Banken die jüngsten Entwicklungen noch nicht vollständig berücksichtigen.
Der Stresstest zeichnet deshalb weder das Bild eines krisenfesten Bankensystems ohne Schwachstellen noch das einer bevorstehenden Bankenkrise.
Er zeigt vielmehr einen insgesamt gut kapitalisierten Sektor, in dem einzelne Institute bei einem sehr schweren wirtschaftlichen Schock deutlich stärker unter Druck geraten könnten als der Durchschnitt.