Deutschlands kleinere und mittelgroße Banken und Sparkassen haben den neuen Stresstest der Finanzaufsicht insgesamt vergleichsweise robust absolviert. Doch hinter dem positiven Gesamtbild zeichnet sich eine bemerkenswerte Verschiebung ab: Unternehmenskredite und Gewerbeimmobilien werden für die Institute zu einem wichtigeren Risikofaktor.
Darauf weist BaFin-Exekutivdirektor Bankenaufsicht Nikolas Speer bei der Einordnung des LSI-Stresstests 2026 hin.
Während beim Stresstest 2024 vor allem das Marktrisiko den Kapitalverzehr bestimmte, steht diesmal das sogenannte Adressrisiko stärker im Vordergrund.
Besonders relevant sind nach Speers Angaben Wertberichtigungen bei Unternehmenskrediten und Gewerbeimmobilien.
Für die Bankenaufsicht ist damit klarer geworden, wo sie künftig genauer hinschauen muss.
„Die meisten Institute würden eine sehr schwere Krise überstehen“
Zunächst fällt Speers Gesamturteil positiv aus.
Die Widerstandsfähigkeit der weniger bedeutenden Institute – der sogenannten Less Significant Institutions (LSIs) – sei hoch.
Im simulierten Krisenszenario reduziert sich die harte Kernkapitalquote der Institute insgesamt um rund 3,8 Prozentpunkte.
Dieser Kapitalverzehr fällt damit zwar etwas höher aus als beim Stresstest 2024. Gleichzeitig hat sich laut Speer aber auch die Ausgangslage bei der harten Kernkapitalquote leicht verbessert.
Seine Schlussfolgerung: Die meisten Institute würden auch eine sehr schwere Krise überstehen.
Der Stresstest ist dabei keine Prognose, dass eine solche Krise tatsächlich eintreten wird. Er soll zeigen, wie stark die Kapitalausstattung der Institute unter einem vorgegebenen schweren Belastungsszenario beansprucht würde.
Das Risiko hat sich verschoben
Interessanter als der reine Kapitalrückgang ist deshalb möglicherweise die Frage, wodurch dieser verursacht wird.
Und genau hier sieht die BaFin eine Veränderung.
Beim LSI-Stresstest 2024 war nach Speers Angaben insbesondere das Marktrisiko der Haupttreiber des Kapitalverzehrs.
2026 sieht das anders aus.
Nun rückt das Adressrisiko stärker in den Vordergrund. Gemeint ist das Risiko, dass Schuldner beziehungsweise Geschäftspartner ihre Verpflichtungen nicht oder nicht vollständig erfüllen können.
Speer nennt dabei zwei Bereiche ausdrücklich:
Unternehmenskredite und Gewerbeimmobilien.
Wertberichtigungen auf entsprechende Kreditengagements belasten die Institute im Stressszenario stärker.
Nach Einschätzung des BaFin-Exekutivdirektors spiegeln sich darin vor allem globale Risiken wider.
Gewerbeimmobilien werden zum Aufsichtsthema
Damit erhält insbesondere das Gewerbeimmobiliengeschäft zusätzliche Bedeutung für die Bankenaufsicht.
Für Banken können Probleme in diesem Bereich relevant werden, wenn Kreditnehmer wirtschaftlich unter Druck geraten und der Wert finanzierter Immobilien gleichzeitig sinkt.
Entscheidend ist allerdings die Differenzierung: Aus Speers Aussagen folgt nicht, dass Gewerbeimmobilienkredite generell problematisch sind oder konkrete Institute unmittelbar vor hohen Verlusten stehen.
Der Stresstest zeigt vielmehr, dass entsprechende Wertberichtigungen in dem simulierten Krisenszenario einen größeren Beitrag zur Kapitalbelastung leisten als noch beim vorherigen Test.
Für die Aufsicht ist genau diese Veränderung wichtig.
Speer formuliert es entsprechend: Die Ergebnisse zeigten, worauf die Bankenaufsicht nun besonders schauen müsse.
Weniger auffällige Banken als 2024
Gleichzeitig gibt es einen positiven Effekt aus dem vorherigen Stresstest.
Einige Institute, die 2024 auffällig geworden waren, haben nach Angaben Speers inzwischen ihre Eigenmittel gestärkt oder Risiken abgebaut.
Das sei ein wesentlicher Grund dafür, dass es beim aktuellen Stresstest weniger Ausreißer gegeben habe.
Damit wird sichtbar, welche praktische Wirkung die Ergebnisse eines Stresstests entfalten können.
Werden bei einem Institut Schwachstellen festgestellt, kann die Aufsicht genauer hinschauen. Banken können anschließend ihre Kapitalausstattung verbessern oder Risiken reduzieren.
Beim nächsten Belastungstest kann sich diese Vorsorge dann in einer höheren Widerstandsfähigkeit zeigen.
Speer sieht die Entwicklung zugleich als Bestätigung der bisherigen aufsichtlichen Anforderungen.
BaFin ändert zusätzliche Eigenmittelempfehlungen
Trotzdem verändert die Finanzaufsicht ihr Vorgehen.
Betroffen ist die sogenannte Pillar 2 Guidance (P2G).
Dabei handelt es sich um eine zusätzliche Eigenmittelempfehlung, die sich aus den Ergebnissen des Stresstests ergeben kann.
Bisher gingen laut Speer relativ viele Institute mit einer solchen Empfehlung aus dem Stresstest hervor.
Die BaFin sieht darin jedoch nicht bei jeder Bank einen ausreichenden zusätzlichen Nutzen.
Bei Instituten mit solider Kapitalausstattung oder nur geringen im Stresstest identifizierten Risiken will die Aufsicht künftig auf eine zusätzliche Eigenmittelempfehlung verzichten.
Speer begründet die Anpassung mit höherer Effizienz und dem Abbau von Bürokratie.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Aufsicht die grundsätzlichen Kapitalanforderungen für sämtliche Banken lockert.
Vielmehr soll die zusätzliche P2G gezielter auf diejenigen Institute konzentriert werden, bei denen sie aus Sicht der Aufsicht tatsächlich relevant ist.
Bis zu zwei Drittel weniger Datenpunkte
Noch deutlicher fällt die Entlastung bei der Datenerhebung aus.
Die BaFin hat die Zahl der für den Stresstest abgefragten Datenpunkte erheblich reduziert.
Für alle teilnehmenden Institute sank der Umfang nach Speers Angaben um bis zu ein Drittel.
Für rund die Hälfte der Institute stand darüber hinaus eine Proportionalitätslösung zur Verfügung. Dort konnte sich die Zahl der erforderlichen Datenpunkte sogar um bis zu zwei Drittel reduzieren.
Gerade für kleinere Banken und Sparkassen kann das einen erheblichen Unterschied machen.
Denn regulatorische Anforderungen verursachen nicht nur fachlichen, sondern auch technischen und personellen Aufwand.
Die Aufsicht versucht damit, die Belastung stärker an der Größe und dem Risikoprofil der jeweiligen Institute auszurichten.
BaFin streicht qualitative Fragen komplett
Noch weiter geht die Veränderung bei qualitativen Angaben.
Darauf hat die BaFin beim neuen Stresstest vollständig verzichtet.
Speer räumt ein, dass diese Entscheidung der Aufsicht nicht leichtgefallen sei.
Am Ende habe jedoch eine Kosten-Nutzen-Abwägung den Ausschlag gegeben: Der zusätzliche aufsichtliche Erkenntnisgewinn habe den Aufwand, der dadurch bei den Banken entstand, nicht gerechtfertigt.
Die Konsequenz ist bemerkenswert.
Nicht jede Information, die für die Aufsicht grundsätzlich interessant sein könnte, soll künftig automatisch abgefragt werden. Entscheidend soll stärker sein, ob der Erkenntnisgewinn den Aufwand tatsächlich rechtfertigt.
Weniger Bürokratie bedeutet nicht weniger Kontrolle
Die beiden Entwicklungen laufen damit parallel.
Auf der einen Seite reduziert die BaFin Meldeanforderungen und will zusätzliche Eigenmittelempfehlungen gezielter einsetzen.
Auf der anderen Seite zeigt der Stresstest neue Risikoschwerpunkte, auf die sich die Bankenaufsicht konzentrieren will.
Das Prinzip lautet damit eher Risikoorientierung statt pauschaler Entlastung.
Institute mit solider Kapitalausstattung und geringen Stressrisiken sollen weniger zusätzlichen Aufwand haben. Dort, wo der Stresstest dagegen Schwachstellen sichtbar macht, bleibt eine intensivere Betrachtung möglich.
Dass mehrere Banken nach Auffälligkeiten im Stresstest 2024 inzwischen Eigenmittel aufgebaut oder Risiken reduziert haben, wertet Speer ausdrücklich als Erfolg dieses Ansatzes.
Der Durchschnitt darf nicht über einzelne Schwachstellen hinwegtäuschen
Bei der Interpretation des Stresstests ist dennoch Vorsicht geboten.
Eine aggregierte Kapitalquote sagt zunächst etwas über die Gesamtheit der untersuchten Institute aus.
Sie bedeutet nicht, dass jede einzelne Bank über dieselbe Widerstandskraft verfügt.
Gerade deshalb ist für die Aufsicht relevant, welche Häuser deutlich stärker auf das Stressszenario reagieren und wo sich bestimmte Risiken konzentrieren.
Speers Aussage, die meisten Institute könnten eine sehr schwere Krise überstehen, ist deshalb nicht gleichbedeutend mit der Feststellung, dass jedes Institut gleichermaßen krisenfest wäre.
Fazit: Banken robuster – aber das Problemfeld verändert sich
Der LSI-Stresstest 2026 liefert der BaFin zwei unterschiedliche Botschaften.
Die erste ist beruhigend: Die meisten kleineren und mittelgroßen Banken und Sparkassen würden nach Einschätzung der Aufsicht selbst eine sehr schwere simulierte Krise überstehen.
Institute, die beim vorherigen Stresstest aufgefallen waren, haben teilweise ihre Eigenmittel gestärkt oder Risiken reduziert. Dadurch gibt es 2026 weniger Ausreißer.
Die zweite Botschaft verdient jedoch mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit: Die Risiken verschieben sich.
Während 2024 insbesondere das Marktrisiko den Kapitalverzehr bestimmte, stehen jetzt Wertberichtigungen im Kreditgeschäft stärker im Mittelpunkt. Unternehmenskredite und insbesondere das Gewerbeimmobiliengeschäft gehören zu den Bereichen, auf die die Bankenaufsicht nach den neuen Ergebnissen genauer schauen will.
Gleichzeitig verändert die BaFin ihren eigenen Ansatz: weniger Datenpunkte, keine qualitativen Fragen mehr und zusätzliche Eigenmittelempfehlungen nur dort, wo die Aufsicht darin einen ausreichenden Nutzen sieht.