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Vom Startup-Star zum FBI-Fall: Wanja Oberhof und die wundersame Reise der 2,5 Millionen Dollar

1820796 (CC0), Pixabay

Vom Berliner Wundergründer zum Beschuldigten vor einem New Yorker Bundesgericht: Wanja Sören Oberhof hat in seiner Karriere schon einige bemerkenswerte Stationen absolviert. Nun ist eine hinzugekommen, die vermutlich in keiner Hochglanzpräsentation vorgesehen war.

Die US-Justiz wirft dem 40-jährigen Deutschen vor, einen Investor um mehr als zwei Millionen Dollar betrogen zu haben. Das FBI nahm Oberhof fest, anschließend wurde er einem Bundesgericht in New York vorgeführt. Angeklagt ist er wegen „Wire Fraud“, also Betrugs unter Verwendung elektronischer Kommunikations- oder Zahlungssysteme. Bei einer Verurteilung drohen theoretisch bis zu 20 Jahre Gefängnis – ein Zeithorizont, der selbst für besonders langfristig denkende Investoren beachtlich wäre.

Verurteilt ist Oberhof bislang nicht. Es handelt sich um Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Nach Angaben des US-Justizministeriums soll Oberhof einen Geschäftsmann dazu bewegt haben, 2,5 Millionen Dollar in eine Gesellschaft aus dem Umfeld der Wellnessfirma The Healing Company zu investieren. Das Geld sollte einem klar definierten geschäftlichen Zweck dienen. Nach Darstellung der Ermittler entdeckte es anschließend jedoch seine erstaunlich vielseitigen Einsatzmöglichkeiten.

Früh übt sich, wer Serienunternehmer werden will

Oberhofs Karriere begann standesgemäß früh. Nach eigenen biografischen Angaben gründete er bereits mit 14 Jahren eine Veranstaltungsagentur. Andere Jugendliche spielten Fußball oder sammelten schlechte Schulnoten – Oberhof sammelte offenbar lieber Unternehmen.

Bekannter wurde er später mit „Niiu“. Das Projekt sollte Leserinnen und Lesern eine individuell zusammengestellte Tageszeitung bieten. Beiträge verschiedener Medien konnten zu einem persönlichen Nachrichtenprodukt kombiniert werden. Die Idee war ihrer Zeit voraus – oder die Zeit der Idee, je nach Betrachtungsweise.

Weitere Gründungen und Beteiligungen folgten. Oberhof war Mitgründer des Company Builders Bridgemaker und baute den Onlinehändler Lumaland auf. Im Jahr 2019 wurde Lumaland mit der britischen Social-Media-Firma Social Chain zusammengeführt. Aus vielen Firmen, großen Plänen und reichlich Gründervokabular entstand die börsennotierte The Social Chain AG.

Gemeinsam mit dem britischen Unternehmer und späteren Podcast-Star Steven Bartlett rückte Oberhof an die Spitze des Unternehmens. Social Chain vermarktete Produkte über soziale Netzwerke – oder, wie es in der Startup-Sprache vermutlich hieß, man verband Marken, Menschen, Daten und Wachstum zu einem skalierbaren Ökosystem.

In Deutschland erhielt das Unternehmen zusätzliche Aufmerksamkeit durch Georg Kofler und Ralf Dümmel, bekannt aus der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. Noch 2022 erklärte Oberhof in einem Interview mit ntv das Geschäftsmodell des Konzerns.

Ende 2022 kündigte Oberhof seinen Rückzug aus dem Vorstand an. Im folgenden Jahr stellte Social Chain einen Insolvenzantrag. Zu diesem Zeitpunkt war Oberhof nicht mehr Vorstandsvorsitzender – ein zeitlicher Hinweis, der bei der Einordnung nicht unter den Konferenztisch fallen sollte.

Wellness für das Unternehmen, Penthouse für den Chef?

Im aktuellen Verfahren geht es nicht um Social Chain, sondern um The Healing Company. Das US-Unternehmen wollte Beteiligungen an Firmen aus der Gesundheits- und Wellnessbranche erwerben. Oberhof war Mitgründer und zeitweise Geschäftsführer.

Einem nicht namentlich genannten Investor soll er erklärt haben, ein wesentlicher Teil von dessen 2,5 Millionen Dollar werde verwendet, um Schulden abzulösen, die einen wertvollen Vermögenswert der Unternehmensgruppe belasteten. Das klang offenbar überzeugend genug, um die Millionen fließen zu lassen.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft floss das Geld anschließend tatsächlich – nur teilweise in eine andere Richtung als angekündigt.

Etwa 25.000 Dollar sollen zur Begleichung der Miete für Oberhofs Luxus-Penthouse in Manhattan verwendet worden sein. Die Wohnung kostete angeblich fast 20.000 Dollar im Monat. Wellness beginnt schließlich bekanntlich mit einem angenehmen Wohnumfeld.

Weitere 57.000 Dollar sollen in die Rückzahlung eines privaten Darlehens geflossen sein. Mehr als 1,8 Millionen Dollar seien schließlich auf einem ausländischen Bankkonto gelandet, das Oberhof kontrolliert haben soll.

Sollten sich diese Vorwürfe bestätigen, hätte der Investor unfreiwillig ein bemerkenswert breit gestreutes Portfolio finanziert: etwas Unternehmensentschuldung, etwas privates Schuldenmanagement, ein wenig New Yorker Spitzenimmobilie und sehr viel Auslandskonto.

Unterlagen mit angeblich kreativer Buchführung

Die Staatsanwaltschaft wirft Oberhof außerdem vor, Dokumente nachträglich verändert zu haben. Diese Unterlagen sollen dem Investor und weiteren Beteiligten den Eindruck vermittelt haben, sein Kapital sei wie vereinbart eingesetzt worden.

Die Originaldaten hätten nach Auffassung der Ermittler dagegen erkennen lassen, wohin ein großer Teil des Geldes tatsächlich überwiesen worden sei. Aus einem Investmentbericht wäre damit möglicherweise eher eine Reisekarte des Kapitals geworden.

US-Staatsanwalt Jamie McDonald erklärte, Investoren hätten Anspruch darauf, dass ihr Geld für die zugesagten Zwecke verwendet und nicht zur Finanzierung persönlicher Ausgaben eines Managers abgezweigt werde. Eine revolutionäre Auffassung, zumindest in manchen besonders kreativen Teilen der Startup-Welt.

Der Fall wird von der New Yorker FBI-Niederlassung untersucht. Bei der Staatsanwaltschaft ist die Abteilung für komplexe Betrugs- und Cyberkriminalität zuständig. Das deutet darauf hin, dass die Behörden die Angelegenheit nicht als bloßes Missverständnis bei der Spesenabrechnung betrachten.

Von Wellness zu Blockchain und künstlicher Intelligenz

Auch nach seinem Ausscheiden bei Social Chain blieb Oberhof umtriebig. Im Juni 2026 wurde er Geschäftsführer von Subsquid Labs beziehungsweise SQD. Das Unternehmen entwickelt Dateninfrastruktur für Blockchain- und KI-Anwendungen.

Bei seiner Ernennung wurde Oberhof als erfahrener Unternehmer mit Kapitalmarktexpertise vorgestellt. Diese Beschreibung dürfte durch das aktuelle Verfahren nun eine zusätzliche, wenn auch vermutlich nicht beabsichtigte Bedeutung erhalten haben.

Oberhofs berufliche Reise führte damit von personalisierten Zeitungen über Onlinehandel und Social-Media-Marketing zu Wellnessbeteiligungen, Blockchain und künstlicher Intelligenz. Mehr Buzzwords passen normalerweise nur auf eine Technologiekonferenz oder in einen Förderantrag.

Ob sich auch die strafrechtlichen Vorwürfe in diese Biografie einreihen, entscheidet jedoch nicht das Internet, sondern ein US-Gericht. Bis dahin bleibt Oberhof ein Beschuldigter und kein verurteilter Straftäter.

Fest steht lediglich: Der Fall zeigt einmal mehr, dass eine beeindruckende Gründerlaufbahn, große Unternehmensvisionen und englische Berufsbezeichnungen keine Garantie dafür sind, dass Investorenkapital tatsächlich dort ankommt, wo es laut Präsentation ankommen sollte. Manchmal endet die Customer Journey eben nicht beim Kunden, sondern beim FBI.

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