Ein Bonus für die erste Einzahlung, eine kostenlose Wette auf das nächste Fußballspiel oder Geld zurück nach einem Verlust: Glücksspielanbieter werben mit zahlreichen Vergünstigungen um neue und bestehende Kunden. Was nach einem unverbindlichen Extra klingt, kann nach Ansicht von Fachstellen jedoch dazu beitragen, die tatsächlichen Risiken des Glücksspiels in den Hintergrund zu drängen.
Anlässlich des Aktionstags gegen Glücksspielsucht am 30. September fordern Landesfachstellen deshalb strengere Regeln für Glücksspielwerbung. Im Mittelpunkt der Kritik stehen insbesondere Boni, Freiwetten und Cashback-Angebote.
Nach Ansicht der Fachstellen vermitteln solche Werbeformen ein Bild, bei dem mögliche Gewinne und Vorteile im Vordergrund stehen, während Risiken wie Verschuldung, Kontrollverlust und die Entwicklung einer Glücksspielsucht kaum sichtbar werden.
„Werbung blendet die Risiken aus“
Verena Küpperbusch von der NRW-Fachstelle Glücksspielsucht kritisiert insbesondere die Art, wie Glücksspiel in der Werbung präsentiert wird.
Bonusangebote und andere Vergünstigungen könnten den Eindruck erwecken, Glücksspiel sei mit zusätzlichen Chancen oder einem reduzierten finanziellen Risiko verbunden. Die möglichen negativen Folgen würden dagegen häufig nicht in vergleichbarer Weise vermittelt.
Genau darin sehen die Fachstellen ein grundsätzliches Problem: Glücksspiel ist ein kommerzielles Angebot, bei dem die Anbieter langfristig wirtschaftlich profitieren müssen. Werbung soll jedoch naturgemäß zur Teilnahme motivieren.
Aus Sicht der Suchthilfe entsteht dadurch ein Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Schutz gefährdeter Spieler.
Der psychologische Reiz des „Gratis“-Angebots
Besonders kritisch sehen die Fachstellen Angebote, die mit Begriffen wie „Freiwette“, „Bonus“ oder „Cashback“ arbeiten.
Denn sprachlich entsteht schnell der Eindruck, ein Teil des finanziellen Risikos werde vom Anbieter übernommen.
Tatsächlich können solche Angebote an Bedingungen geknüpft sein. Ein Bonus muss beispielsweise unter bestimmten Voraussetzungen umgesetzt werden, bevor eine Auszahlung möglich ist.
Für Verbraucher kann dadurch schwer erkennbar sein, welchen wirtschaftlichen Wert ein vermeintliches Geschenk tatsächlich besitzt.
Noch problematischer kann es werden, wenn ein Bonus dazu führt, dass jemand häufiger oder mit höheren Beträgen spielt, als ursprünglich beabsichtigt.
Fachstellen fordern Verbot bestimmter Bonuswerbung
Die Forderungen zum Aktionstag gehen deshalb deutlich über zusätzliche Warnhinweise hinaus.
Werbung für Glücksspielangebote mit besonders hohem Suchtpotenzial soll nach Vorstellung der Fachstellen stärker begrenzt werden.
Für Boni, Freiwetten und Cashback-Angebote fordern sie ein vollständiges Werbeverbot.
Damit würde eine der sichtbarsten Marketingstrategien vieler Glücksspielanbieter erheblich eingeschränkt.
Die dahinterstehende Argumentation: Werbung sollte nicht den Eindruck vermitteln dürfen, dass Glücksspiel durch einen Bonus günstiger, ungefährlicher oder finanziell attraktiver werde.
Social Media besonders im Fokus
Ein weiterer Schwerpunkt der Kritik sind soziale Netzwerke.
Glücksspielwerbung erreicht Verbraucher dort nicht nur über klassische Anzeigen. Auch Videos, Influencer-Marketing, Sportinhalte und personalisierte Werbung können eine Rolle spielen.
Die Fachstellen fordern deshalb, Glücksspielwerbung auf Social Media deutlich einzuschränken.
Nach ihren Vorstellungen sollten dort nur noch rein sachliche Informationen über entsprechende Angebote zulässig sein.
Das würde einen erheblichen Unterschied zur klassischen emotionalen Werbung bedeuten. Gewinnversprechen, spektakuläre Inszenierungen oder besondere Bonusaktionen könnten damit wesentlich stärker begrenzt werden.
Wenn Glücksspiel Teil der Sport-Unterhaltung wird
Besonders sichtbar ist Glücksspielwerbung rund um den Profisport.
Sportwettenanbieter werben auf digitalen Plattformen und rund um Sportübertragungen um Kunden. Für Zuschauer können Wetten dadurch zu einem scheinbar selbstverständlichen Bestandteil des Sporterlebnisses werden.
Aus Sicht der Suchtprävention stellt sich deshalb die Frage, ob die ständige Präsenz von Wettangeboten zu einer Normalisierung des Glücksspiels beiträgt.
Das gilt insbesondere mit Blick auf junge Menschen, die Sportveranstaltungen verfolgen und dabei ebenfalls mit Marken und Werbebotschaften von Glücksspielanbietern konfrontiert werden können.
Zwischen legalem Angebot und notwendigem Spielerschutz
Die Debatte ist allerdings nicht so einfach, wie ein vollständiges Werbeverbot zunächst erscheinen mag.
Legale Glücksspielanbieter argumentieren grundsätzlich, dass sie ihre Angebote sichtbar machen müssen, um sich von illegalen Plattformen unterscheiden zu können.
Dahinter steht ein reales regulatorisches Problem: Werden legale Anbieter bei Werbung stark eingeschränkt, während nicht zugelassene Plattformen weiterhin über das Internet erreichbar sind, könnte sich ein Teil der Nachfrage auf den illegalen Markt verlagern.
Die entscheidende politische Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel Glücksspielwerbung erlaubt sein sollte, sondern auch, welche Art von Werbung mit dem Ziel des Spielerschutzes vereinbar ist.
Werbung ist nicht gleich Information
Genau hier setzen die Forderungen der Fachstellen an.
Ein sachlicher Hinweis darauf, dass ein legales Wettangebot existiert, unterscheidet sich deutlich von einer Werbung, die mit einem hohen Bonus, einer Freiwette oder einem vermeintlich risikolosen Einstieg lockt.
Die Fachstellen wollen diese Grenze stärker ziehen.
Information soll möglich bleiben – die gezielte emotionale Aktivierung zum Spielen dagegen stärker beschränkt werden.
Insbesondere dort, wo ein Angebot durch Bonusmechanismen günstiger oder risikoärmer erscheint, sehen die Kritiker Handlungsbedarf.
Verschuldung und Kontrollverlust verschwinden hinter dem Werbeversprechen
Die grundsätzliche Kritik geht dabei über einzelne Werbeslogans hinaus.
Glücksspielwerbung zeigt naturgemäß den attraktiven Teil des Angebots: Spannung, Unterhaltung und die Aussicht auf einen Gewinn.
Was in wenigen Werbesekunden kaum vorkommt, sind die möglichen Folgen problematischen Spielverhaltens.
Dazu gehören finanzielle Verluste, Verschuldung und Kontrollverlust bis hin zur Abhängigkeit.
Die Fachstellen befürchten, dass gerade Bonusangebote diese Risiken zusätzlich relativieren können.
Wer eine „Freiwette“ erhält oder mit einer Rückerstattung von Verlusten rechnet, könnte das finanzielle Risiko anders einschätzen, als wenn jeder eingesetzte Euro unmittelbar aus dem eigenen Guthaben stammt.
Die entscheidende Verbraucherfrage: Was steckt hinter dem Bonus?
Unabhängig von möglichen künftigen gesetzlichen Verschärfungen sollten Verbraucher Bonusangebote deshalb genau prüfen.
Entscheidend ist nicht die groß gedruckte Höhe des Bonus, sondern das Kleingedruckte dahinter.
Unter welchen Bedingungen wird der Bonus gewährt? Wie oft muss ein Betrag eingesetzt werden? Welche Spiele oder Wetten sind ausgeschlossen? Wann kann ein Guthaben tatsächlich ausgezahlt werden?
Und vor allem: Würde man denselben Betrag auch ohne Bonus einsetzen?
Diese letzte Frage kann wichtiger sein als jede Werbeaktion.
Ein Konflikt, der bleiben dürfte
Die Forderung nach strengeren Regeln dürfte die Diskussion über Glücksspielwerbung weiter verschärfen.
Auf der einen Seite stehen Anbieter eines legalen und regulierten Marktes, die für ihre Produkte werben wollen und auf den Wettbewerb mit illegalen Plattformen verweisen können.
Auf der anderen Seite stehen Suchthilfe und Prävention mit der Forderung, Verbraucher – und insbesondere gefährdete Personen – besser vor Werbeformen zu schützen, die Glücksspiel besonders attraktiv oder scheinbar risikoarm erscheinen lassen.
Der Aktionstag am 30. September rückt diesen Konflikt erneut in den Mittelpunkt.
Dabei geht es letztlich um eine grundsätzliche Frage:
Wie darf für ein legales Produkt geworben werden, wenn dessen übermäßige Nutzung für einen Teil der Kunden erhebliche finanzielle und gesundheitliche Folgen haben kann?
Die Fachstellen haben darauf eine klare Antwort: Weniger Verlockung, weniger Bonusversprechen und deutlich mehr Sachlichkeit.
Ob daraus strengere gesetzliche Vorgaben entstehen, ist eine andere Frage. Die Debatte darüber dürfte mit der zunehmenden Präsenz von Online-Glücksspiel und Sportwetten jedenfalls nicht verschwinden.