Der Krieg in der Ukraine trifft längst nicht mehr nur die Frontlinien. Mit einer massiven Angriffswelle auf die Häfen am Schwarzen Meer versucht Russland zunehmend, die wirtschaftliche Lebensader des Landes abzuschneiden. Besonders die Hafenstadt Odessa steht im Mittelpunkt der Angriffe. Raketen und Drohnen treffen Hafenanlagen, Frachtschiffe und die zivile Infrastruktur – mit dramatischen Folgen für die Menschen vor Ort und den weltweiten Getreidehandel.
Für die Beschäftigten in den Häfen gehört Lebensgefahr inzwischen zum Alltag. Eine Hafenmitarbeiterin berichtet, wie zwei ihrer Kollegen bei einem russischen Raketenangriff nur wenige Meter von ihr entfernt ums Leben kamen. Sie selbst wurde verletzt und trägt bis heute Splitter in Bein und Rücken. Dennoch arbeitet sie weiter – obwohl die psychische Belastung enorm ist und die Luftalarme kaum noch enden.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Eskalation. Nach Angaben der ukrainischen Hafenverwaltung wurden allein im Juli 57 russische Angriffe auf zivile Schiffe registriert, davon 22 direkt auf See. Hinzu kamen 67 Treffer auf Hafenanlagen. Besonders schwer traf es den türkischen Frachter „Golden Leo“, der nach einem Raketenangriff mit neun getöteten Besatzungsmitgliedern später vor Odessa sank. Fachmedien sprechen inzwischen vom Schwarzen Meer als derzeit gefährlichster Schifffahrtsroute der Welt.
Auch die Hafenarbeiter stehen unter enormem Druck. Gewerkschaftsvertreter berichten, dass selbst Kriegsveteranen den Dienst im Hafen inzwischen als gefährlicher empfinden als Einsätze an der Front. Von der russisch besetzten Krim benötigen Raketen teilweise weniger als eine Minute bis nach Odessa – viel zu wenig Zeit, um sich aus den hohen Verladekränen in Sicherheit zu bringen.
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits sichtbar. Wo früher Dutzende Frachtschiffe auf ihre Beladung warteten, liegen heute viele Hafenbecken nahezu leer. Hafenmanager berichten, dass der Betrieb wegen der ständigen Luftalarme oft bis zu 15 Stunden täglich unterbrochen werden muss. Für viele Reedereien ist das Risiko inzwischen schlicht zu hoch.
Nach Einschätzung ukrainischer Hafenbetreiber reagiert Russland damit auch auf erfolgreiche ukrainische Angriffe gegen russische Schiffe und Versorgungslinien auf der Krim. Die Ukraine betont jedoch, dass sie militärische Ziele angreife, während Russland gezielt den Export lebenswichtiger Agrarprodukte behindere.
Der Zeitpunkt könnte kaum kritischer sein. Mitten in der Getreideernte sind funktionierende Häfen für die Ukraine von existenzieller Bedeutung. Vor dem russischen Großangriff gehörte das Land zu den größten Weizen- und Maisexporteuren der Welt. Bereits jetzt soll die Exportkapazität um mindestens ein Drittel gesunken sein. Allein über die Häfen von Odessa wurden im vergangenen Jahr mehr als 73 Millionen Tonnen Waren verschifft, darunter rund 38 Millionen Tonnen Getreide.
Getreidehändler warnen bereits vor erheblichen wirtschaftlichen Schäden. Hunderttausende Tonnen Getreide und Ölsaaten könnten wegen der Angriffe nicht mehr an internationale Kunden geliefert werden. Für ukrainische Landwirte bedeutet das fehlende Einnahmen und weniger Geld für die nächste Aussaat. Gleichzeitig drohen weltweit steigende Lebensmittelpreise, da wichtige Liefermengen auf dem Weltmarkt fehlen.
Trotz allem versucht Odessa, Normalität zu bewahren. Die Strände sind im Sommer gut besucht, Straßenkünstler treten auf den berühmten Potemkinschen Treppen auf und Cafés sind geöffnet. Doch die Gefahr ist allgegenwärtig. Immer wieder schlagen Drohnen oder Trümmerteile in Wohngebieten und an Stränden ein. Ende Juni wurde eine junge Frau durch Splitter einer abgefangenen Drohne am Strand getötet.
Der Krieg auf dem Schwarzen Meer fordert damit nicht nur militärische Opfer. Hafenarbeiter, Seeleute, Anwohner und Urlauber geraten zunehmend zwischen die Fronten. Die Angriffe auf die ukrainischen Häfen zeigen, dass es längst nicht mehr allein um militärische Geländegewinne geht. Sie richten sich gegen die wirtschaftliche Existenz eines Landes – und haben Auswirkungen weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Denn wenn die Kornkammer Europas ihre Ernte nicht mehr exportieren kann, spüren dies letztlich auch Verbraucher und Staaten auf anderen Kontinenten.