Elektroautos polarisieren wie kaum eine andere Antriebsart. Zu teuer, zu wenig Reichweite, zu wenige Ladesäulen und eine Batterie, die nach wenigen Jahren schlappmacht – die Liste der Vorbehalte ist lang. Doch nicht alle Kritikpunkte halten einer genaueren Prüfung stand.
Ein besonders interessanter Punkt ist derzeit der Wertverlust. Während neue Elektroautos durch staatliche Förderung und günstigere Modelle beim Kauf zunehmend mit vergleichbaren Verbrennern konkurrieren können, sieht die Rechnung beim späteren Wiederverkauf teilweise deutlich schlechter aus.
Wertverlust bleibt eine Schwachstelle
Gerade für Käufer eines neuen Elektroautos kann der Wiederverkaufswert zum Problem werden. Gebrauchte Elektrofahrzeuge haben in den vergangenen Jahren teilweise stärker an Wert verloren als vergleichbare Benziner oder Diesel.
Ein wesentlicher Grund dafür ist die schnelle technische Entwicklung. Neue Modelle bieten häufig größere Reichweiten, kürzere Ladezeiten und verbesserte Batterietechnik. Ein erst wenige Jahre altes Elektroauto kann dadurch technisch schneller überholt wirken als ein gleich alter Verbrenner.
Hinzu kommt ein wachsendes Angebot gebrauchter Elektroautos, beispielsweise durch Leasingrückläufer.
Für Neuwagenkäufer ist diese Entwicklung ungünstig. Für Interessenten an einem gebrauchten Elektroauto kann sie dagegen einen erheblichen Preisvorteil bedeuten.
Batterie hält meist länger als von Kritikern befürchtet
Ein weitverbreiteter Einwand gegen Elektroautos lautet, dass nach wenigen Jahren ein extrem teurer Austausch der Antriebsbatterie notwendig werde.
So pauschal lässt sich das nicht halten.
Lithium-Ionen-Batterien verlieren zwar mit Alter und Nutzung einen Teil ihrer ursprünglichen Kapazität. Dieser Alterungsprozess bedeutet jedoch nicht, dass der Akku nach wenigen Jahren unbrauchbar wird.
Wie schnell eine Batterie altert, hängt unter anderem von Batterietechnik, Temperatur, Ladeverhalten und Nutzung ab. Moderne Batteriemanagementsysteme sollen den Akku vor besonders schädlichen Betriebszuständen schützen.
Bei einem gebrauchten Elektroauto gewinnt deshalb eine andere Kennzahl an Bedeutung: der State of Health, kurz SoH. Er beschreibt den Gesundheitszustand der Batterie beziehungsweise ihre verbliebene Leistungsfähigkeit.
Gerade beim Gebrauchtwagenkauf sollte deshalb nicht nur auf Kilometerstand und Fahrzeugalter geschaut werden. Der tatsächliche Zustand des Hochvoltspeichers kann für den Fahrzeugwert wesentlich sein.
Batterietausch kann im Einzelfall trotzdem teuer werden
Entwarnung bedeutet das allerdings nicht.
Die Hochvoltbatterie gehört zu den teuersten Komponenten eines Elektroautos. Wird sie außerhalb von Garantie oder Gewährleistung tatsächlich schwer beschädigt oder muss sie vollständig ersetzt werden, können erhebliche Kosten entstehen.
Das Allianz Zentrum für Technik weist darauf hin, dass Schäden an Hochvoltkomponenten zwar vergleichsweise selten auftreten, insbesondere eine beschädigte Antriebsbatterie im Schadenfall jedoch sehr hohe Reparaturkosten verursachen kann.
Kritik an möglichen Batteriekosten ist daher nicht grundsätzlich unbegründet. Falsch wäre allerdings die Annahme, ein kostspieliger Komplettaustausch gehöre nach wenigen Jahren zum normalen Lebenszyklus jedes Elektroautos.
Reichweite ist längst kein generelles Ausschlusskriterium mehr
Auch das Argument einer grundsätzlich zu geringen Reichweite verliert mit der technischen Entwicklung an Gewicht.
Für den täglichen Weg zur Arbeit, Einkäufe oder typische Kurz- und Mittelstrecken reichen die Reichweiten vieler aktueller Elektroautos problemlos aus.
Anders kann die Situation bei häufigen Langstreckenfahrten aussehen. Dort spielen neben der nominellen Reichweite auch Geschwindigkeit, Außentemperatur, Heizung beziehungsweise Klimaanlage, Beladung und individuelle Fahrweise eine Rolle.
Besonders im Winter kann die tatsächlich erreichbare Reichweite spürbar niedriger liegen als unter optimalen Bedingungen.
Wer regelmäßig sehr lange Strecken ohne größere Unterbrechungen zurücklegt, kann deshalb mit einem Verbrenner weiterhin praktische Vorteile haben. Für viele Alltagsnutzer ist die Reichweite moderner Elektroautos dagegen kein grundsätzliches Hindernis mehr.
Entscheidend ist nicht nur die Reichweite, sondern die Ladegeschwindigkeit
Auf langen Strecken wird zunehmend eine andere Größe entscheidend: Wie schnell bekommt das Auto neue Energie in die Batterie?
Ein Fahrzeug mit großer Batterie und hoher Reichweite ist auf Reisen nicht automatisch besser als ein Modell mit etwas kleinerer Reichweite, das dafür besonders schnell laden kann.
Für die Praxis zählt deshalb die Kombination aus realer Autobahnreichweite, Schnellladeleistung und Ladeverlauf.
Ein Elektroauto, das nach einer längeren Fahrstrecke innerhalb einer kurzen Pause wieder genügend Energie für mehrere hundert Kilometer aufnehmen kann, reduziert den praktischen Nachteil gegenüber einem Verbrenner erheblich.
Ladeinfrastruktur ist besser als ihr Ruf – aber nicht für jeden gleich komfortabel
Auch die Behauptung, Deutschland verfüge grundsätzlich über zu wenige Lademöglichkeiten, lässt sich pauschal nicht aufrechterhalten. Die öffentliche Ladeinfrastruktur wurde in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Laden überall gleich komfortabel ist.
Zwischen Städten und ländlichen Regionen können Unterschiede bestehen. Auch Belegung, Ladeleistung, Preise und Zugangssysteme spielen eine Rolle.
Besonders komfortabel ist das Elektroauto für Menschen, die zu Hause oder am Arbeitsplatz laden können. Wer ausschließlich auf öffentliche Ladepunkte angewiesen ist, muss stärker planen und kann je nach Ladetarif mit deutlich anderen Stromkosten konfrontiert werden.
Beim Preis muss die gesamte Rechnung betrachtet werden
Beim Kostenvergleich reicht es nicht aus, lediglich die Listenpreise zweier Fahrzeuge gegenüberzustellen.
Berücksichtigt werden müssen Kaufpreis beziehungsweise Förderung, Strom- oder Kraftstoffkosten, Versicherung, Wartung, Reparaturen, Steuer und schließlich der Wertverlust.
Elektroautos profitieren unter anderem davon, dass ihr Antriebsstrang weniger klassische Verschleiß- und Wartungskomponenten besitzt. Ölwechsel, Auspuffanlage oder bestimmte Teile eines klassischen Verbrennungsmotors entfallen.
Dafür können andere Kosten höher ausfallen. Dazu gehören im Einzelfall Reparaturen an Hochvoltkomponenten und derzeit insbesondere das Risiko eines stärkeren Wertverlusts.
Ob ein Elektroauto tatsächlich günstiger ist, hängt deshalb stark vom konkreten Modell, dem Kaufpreis, der jährlichen Fahrleistung und vor allem davon ab, wo und zu welchem Preis geladen wird.
Die Kritik ist teilweise berechtigt – aber Pauschalurteile führen in die Irre
Der Faktencheck zeigt vor allem eines: Weder die Behauptung „E-Autos sind grundsätzlich überlegen“ noch „E-Autos taugen nichts“ wird der Realität gerecht.
Beim Wertverlust haben Kritiker derzeit einen gewichtigen Punkt. Auch auf langen Autobahnstrecken, beim öffentlichen Laden und bei möglichen Schäden an der Hochvoltbatterie können Nachteile entstehen.
Andere häufig vorgebrachte Argumente sind dagegen deutlich zu pauschal. Eine Antriebsbatterie ist nicht automatisch nach wenigen Jahren verschlissen, die Reichweite moderner Fahrzeuge genügt für viele Alltagsprofile und auch das öffentliche Ladenetz ist längst wesentlich dichter als noch vor wenigen Jahren.
Entscheidend ist letztlich das persönliche Nutzungsprofil: Wer zu Hause günstig laden kann, überwiegend planbare Strecken fährt und das Fahrzeug länger behalten möchte, kann von einem Elektroauto deutlich stärker profitieren als jemand, der ständig Langstrecke fährt, ausschließlich öffentlich laden muss und das Auto nach wenigen Jahren wieder verkaufen will.