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Altersvorsorge vor dem Umbruch: Ab 2027 bekommen Sparer mehr Freiheit – und Versicherer neue Risiken
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Altersvorsorge vor dem Umbruch: Ab 2027 bekommen Sparer mehr Freiheit – und Versicherer neue Risiken

JamesQube (CC0), Pixabay

Die Reform könnte den Markt für private Altersvorsorge kräftig verändern. Bislang waren geförderte Produkte stark von Garantievorgaben geprägt. Künftig soll die Produktpalette breiter werden. Damit sollen auch Menschen angesprochen werden, die zugunsten höherer Renditechancen bereit sind, auf umfassende Garantien zu verzichten.

Für Lebensversicherer entsteht daraus ein interessanter neuer Markt. Nach Einschätzung von Wiens könnten insbesondere Sparer mit kleinen und mittleren Beiträgen von den veränderten Förderregeln profitieren. Hinzu kommen Selbstständige und Freiberufler, die künftig ebenfalls an der geförderten privaten Altersvorsorge teilnehmen können.

Versicherer erhalten damit die Chance, neue Kundengruppen zu gewinnen und bestehenden Kunden eine größere Produktauswahl anzubieten.

Altersvorsorgedepot kommt ohne Garantie

Eine der auffälligsten Neuerungen ist das Altersvorsorgedepot. Es kommt ohne Garantie aus. Daneben ist ein Standarddepot mit begrenzten Auswahlmöglichkeiten und einer Kostenbegrenzung vorgesehen.

Auch bei der Auszahlung wird es flexibler. Bei neu abgeschlossenen Verträgen ist künftig nicht mehr zwingend eine lebenslange Rente vorgeschrieben. Möglich werden auch Auszahlungspläne, die mindestens bis zum vollendeten 85. Lebensjahr reichen.

Damit verschiebt sich ein Teil der Verantwortung stärker zum Sparer: Mehr Freiheit kann größere Renditechancen bedeuten, gleichzeitig können weniger Garantien auch größere Kapitalmarktrisiken mit sich bringen.

Einfacherer Wechsel könnte Versicherer Geld kosten

Was für Kunden attraktiv klingt, stellt die Versicherungswirtschaft vor ein neues Problem. Ein Wechsel zu einem anderen Anbieter soll leichter werden. Diese Möglichkeit soll nicht nur für Neukunden gelten. Auch Bestandskunden können in die neue Produktwelt wechseln.

Genau darin sieht die Finanzaufsicht ein Risiko.

Entscheiden sich viele Kunden dafür, ihr vorhandenes Kapital zu einem Konkurrenten zu übertragen, kann bei einem Versicherer innerhalb kurzer Zeit erheblicher Liquiditätsbedarf entstehen. Die Unternehmen müssen deshalb nach Auffassung der BaFin mögliche Stornierungen und Anbieterwechsel stärker in ihrem Risikomanagement berücksichtigen.

Die neue Konkurrenz findet damit nicht mehr nur beim Abschluss eines Vertrages statt. Versicherer müssen stärker damit rechnen, Kunden während der Ansparphase wieder zu verlieren.

Provisionsmodell gerät unter Druck

Noch komplizierter wird die Reform beim Vertrieb. Die bei geförderten Altersvorsorgeprodukten angesetzten Abschluss- und Vertriebskosten sollen künftig über die gesamte Ansparphase verteilt werden.

Das kollidiert mit einem traditionellen Modell des Versicherungsvertriebs: Vermittler erhalten für einen Neuabschluss häufig eine Einmalprovision und möchten ihre Arbeit möglichst unmittelbar vergütet bekommen.

Für den Versicherer entsteht daraus ein finanzielles Risiko. Bezahlt er zu Beginn eine hohe Provision, kann es Jahre dauern, bis diese Kosten durch den Vertrag refinanziert sind. Wechselt der Kunde vorher zu einem anderen Anbieter oder beendet seinen Vertrag, kann ein Teil der bereits gezahlten Provision wirtschaftlich noch nicht verdient worden sein.

Und weil der Wechsel künftig einfacher werden soll, könnte dieses Risiko zunehmen.

Fünf Jahre Stornohaftung möglicherweise nicht mehr genug

Bislang seien bei Lebensversicherern Stornohaftungszeiträume von fünf Jahren üblich, erläutert Wiens. Unter den neuen Bedingungen könnte das nach Einschätzung der BaFin möglicherweise nicht mehr ausreichen.

Versicherer müssen daher überprüfen, wie hoch Einmalprovisionen künftig sein können und über welchen Zeitraum Vermittler für eine vorzeitige Vertragsbeendigung wirtschaftlich einstehen.

Gleichzeitig können die Unternehmen das Problem nicht einfach dadurch lösen, dass sie höhere Kosten in ihre Produkte einbauen. Denn die BaFin verlangt, dass Versicherungsprodukte einen angemessenen Nutzen für die Kunden bieten.

Damit entsteht ein schwieriger Spagat: Vermittler wollen für ihre Arbeit bezahlt werden, Versicherer müssen ihre Kosten refinanzieren – und der Kunde soll trotzdem ein attraktives Altersvorsorgeprodukt erhalten.

Der Kampf um Bestandskunden könnte härter werden

Die Reform dürfte deshalb auch den Wettbewerb innerhalb der Versicherungsbranche verändern. Wer einen Vertrag einmal abgeschlossen hat, ist künftig womöglich weniger fest an seinen Anbieter gebunden.

Das könnte Unternehmen dazu zwingen, stärker auf Kosten, Anlageergebnisse, Service und Produktqualität zu achten. Denn ein unzufriedener Kunde erhält mehr Möglichkeiten, sein Vorsorgekapital zu einem anderen Anbieter mitzunehmen.

Für die Versicherer kann das auf der einen Seite schmerzhaft sein. Auf der anderen Seite eröffnet es Unternehmen mit attraktiven Angeboten die Möglichkeit, Kunden von Wettbewerbern zu gewinnen.

Mehr Auswahl bedeutet auch mehr Erklärungsbedarf

Für Verbraucher dürfte die neue Welt zunächst unübersichtlicher werden. Lebenslange Rente oder Auszahlungsplan? Garantie oder höhere Kapitalmarktchancen? Klassisches Versicherungsprodukt oder Altersvorsorgedepot?

Je größer die Auswahl wird, desto wichtiger wird eine Beratung, die nicht lediglich das Produkt mit der attraktivsten Provision in den Vordergrund stellt.

Genau hier bekommt die Aussage der BaFin-Exekutivdirektorin besondere Bedeutung: Das Kundenbedürfnis müsse maßgeblich sein.

Für einen jungen Sparer mit jahrzehntelangem Anlagehorizont kann ein Produkt ohne Garantie beispielsweise anders zu beurteilen sein als für jemanden, der kurz vor dem Ruhestand steht und großen Wert auf Planungssicherheit legt. Ein pauschal „bestes“ Altersvorsorgeprodukt kann es deshalb kaum geben.

2027 beginnt eine neue Altersvorsorgewelt

Das Reformgesetz wurde nach den vorliegenden Angaben Ende Mai 2026 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Am 1. Januar 2027 beginnt die praktische Umsetzung.

Für Sparer bedeutet die Reform vor allem mehr Auswahl und größere Wechselmöglichkeiten. Für Versicherer bedeutet sie dagegen einen verschärften Wettbewerb sowie neue Liquiditäts-, Storno- und Refinanzierungsrisiken.

Damit könnte die Reform weit mehr verändern als nur einzelne Förderregeln. Sie stellt auch eine jahrzehntelang gewachsene Vertriebslogik der Lebensversicherungsbranche auf die Probe.

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