Das traditionsreiche Volkswagen-Werk in Osnabrück könnte schon bald eine völlig neue industrielle Ausrichtung erhalten. Der Wolfsburger Autobauer plant, den Standort an die Investmentgesellschaft Aurelius Capital und das Land Niedersachsen zu verkaufen. Statt Fahrzeugen sollen dort künftig unter anderem Systeme und Komponenten für die Luftverteidigung entwickelt und produziert werden.
Nach den bisherigen Plänen soll Aurelius Capital die Mehrheit an der Volkswagen Osnabrück GmbH übernehmen. Das Land Niedersachsen würde sich als Minderheitsgesellschafter beteiligen. Der Verkauf ist allerdings noch nicht endgültig beschlossen. Zunächst müssen weitere Vereinbarungen ausgehandelt, interne Gremien beteiligt und behördliche Prüfungen abgeschlossen werden.
Mehr als 1.200 Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben
Für einen großen Teil der Belegschaft könnte die geplante Übernahme eine langfristige Perspektive bieten. Nach Angaben der VW-Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo könnten mehr als 1.200 Beschäftigte am Standort weiterarbeiten. Für die übrigen Mitarbeiter werde noch nach Lösungen gesucht.
Wie viele Menschen derzeit insgesamt im Osnabrücker Werk beschäftigt sind und welche konkreten Angebote den nicht übernommenen Arbeitnehmern gemacht werden können, blieb zunächst offen. Denkbar wären unter anderem Versetzungen an andere VW-Standorte, Qualifizierungsmaßnahmen oder sozialverträgliche Personalprogramme.
Zusammenarbeit mit Hersteller des „Iron Dome“ geplant
Aurelius Capital hat seinen Hauptsitz in Tel Aviv und konzentriert sich auf Beteiligungen in den Bereichen Verteidigung, Cybersicherheit, Künstliche Intelligenz und kritische Infrastruktur. In Osnabrück soll unter der Führung des Investors schrittweise ein Kompetenzzentrum für Sicherheit und Verteidigung entstehen.
Als erstes bedeutendes Vorhaben ist eine Zusammenarbeit mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael vorgesehen. Das Unternehmen ist vor allem durch das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ bekannt. Nach den bislang veröffentlichten Plänen sollen Technologien zum Schutz Deutschlands und Europas künftig vollständig in Deutschland produziert werden.
Damit würde aus einem traditionsreichen Automobilstandort ein Werk für sicherheits- und verteidigungstechnische Produkte. Welche konkreten Systeme und Komponenten in Osnabrück gefertigt werden sollen und wann die Produktion beginnen könnte, ist bislang nur teilweise bekannt.
Fahrzeugproduktion endet im Sommer 2027
Der geplante Verkauf ist Teil des umfassenden Sparkurses und Konzernumbaus bei Volkswagen. Bereits Ende 2024 hatte der Autobauer entschieden, die Fahrzeugproduktion in Osnabrück im Sommer 2027 zu beenden. Die Fertigung für Porsche lief bereits 2025 aus. Gegenwärtig wird an dem Standort nur noch das T-Roc Cabriolet produziert.
Ohne ein neues Nutzungskonzept hätte dem Werk nach dem Ende der Autoproduktion eine ungewisse Zukunft gedroht. Volkswagen-Chef Oliver Blume bezeichnete den geplanten Verkauf deshalb als wichtigen Schritt, um dem Standort eine neue industrielle Perspektive zu eröffnen.
Ein Standort mit großer Automobilgeschichte
Das Osnabrücker Werk blickt auf eine lange Geschichte zurück. Seine Wurzeln reichen bis zum traditionsreichen Karosseriebauer Karmann, der unter anderem den Karmann-Ghia und das Käfer-Cabriolet herstellte. Nach der Insolvenz von Karmann im Jahr 2009 übernahm Volkswagen große Teile des Werks.
Mit dem geplanten Einstieg von Aurelius Capital und des Landes Niedersachsen würde diese Automobiltradition schrittweise enden. Für Osnabrück wäre der Wandel zugleich eine wirtschaftliche und politische Zäsur: Aus einem Werk für Cabrios und Karosserien könnte ein bedeutender deutscher Produktionsstandort für Luftverteidigungs- und Sicherheitstechnik werden. Entscheidend wird nun sein, ob die Übernahme tatsächlich zustande kommt und wie viele Beschäftigte dauerhaft eine neue Aufgabe am Standort erhalten.