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Großinsolvenzen nehmen weiter zu: Deutschlands Autoindustrie wird zum Brennpunkt der Firmenpleiten

1820796 (CC0), Pixabay

Die Insolvenzwelle in der deutschen Wirtschaft trifft zunehmend auch größere Unternehmen. Im ersten Halbjahr 2026 registrierte der Kreditversicherer Allianz Trade 33 Großinsolvenzen bei Unternehmen mit mindestens 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Das waren zehn Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Besonders auffällig ist die Automobilbranche: Mit sieben Fällen entfiel mehr als jede fünfte erfasste Großinsolvenz auf diesen Wirtschaftszweig.

Die Entwicklung setzt einen bereits länger anhaltenden Negativtrend fort. Im Gesamtjahr 2025 waren in Deutschland 94 Unternehmen dieser Größenordnung insolvent geworden – acht Prozent mehr als 2024, als 87 Fälle registriert wurden. 2023 waren es lediglich 64 gewesen. Die 94 Fälle des vergangenen Jahres bedeuteten nach Angaben von Allianz Trade den höchsten Wert seit Beginn der entsprechenden Auswertungen im Jahr 2015.

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in der Autoindustrie. Sieben der 33 Großinsolvenzen des ersten Halbjahres 2026 kamen aus der Automobilbranche. Damit steht sie vor dem Einzelhandel mit fünf Fällen sowie dem Maschinenbau und dem Dienstleistungssektor mit jeweils vier Großpleiten. Rein rechnerisch entfielen damit gut 21 Prozent aller deutschen Großinsolvenzen des ersten Halbjahres auf die Automobilbranche.

Dass gerade dieser Industriezweig an der Spitze steht, ist wirtschaftlich besonders brisant. Große Automobilunternehmen und Zulieferer sind häufig Teil komplexer Lieferketten. Gerät ein bedeutender Betrieb in die Insolvenz, können die Auswirkungen deshalb über das unmittelbar betroffene Unternehmen hinausreichen. Lieferanten verlieren möglicherweise einen wichtigen Kunden, Dienstleister bleiben auf Forderungen sitzen und andere Unternehmen müssen kurzfristig Ersatz für ausgefallene Produktionskapazitäten finden.

Allianz-Trade-Deutschlandchef Milo Bogaerts warnt entsprechend vor solchen Kettenreaktionen. Großunternehmen stünden oftmals im Zentrum komplexer Wertschöpfungsketten. Falle ein Unternehmen dieser Größenordnung aus, könnten dadurch auch Zulieferer, Dienstleister und andere Geschäftspartner unter Druck geraten.

Die Zahl der Fälle ist dabei nur eine Seite der Entwicklung. Auch das wirtschaftliche Volumen der betroffenen Unternehmen ist erheblich. Der kumulierte Jahresumsatz der im ersten Halbjahr 2026 insolvent gewordenen Großunternehmen erreichte rund 4,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Anstieg um drei Prozent.

Interessanterweise sank gleichzeitig die durchschnittliche Unternehmensgröße innerhalb dieser Gruppe. Der durchschnittliche Jahresumsatz eines insolventen Großunternehmens ging um knapp sieben Prozent auf rund 137 Millionen Euro zurück. Allianz Trade wertet dies als Hinweis darauf, dass zuletzt tendenziell etwas kleinere Unternehmen innerhalb der Kategorie der Großinsolvenzen betroffen waren.

Die Schwelle von 50 Millionen Euro ist für die Statistik entscheidend. Als „Großinsolvenz“ werden in dieser Allianz-Trade-Auswertung Unternehmen mit einem Jahresumsatz oberhalb beziehungsweise mindestens in dieser Größenordnung betrachtet. Es geht daher nicht um sämtliche Unternehmensinsolvenzen in Deutschland, sondern um einen vergleichsweise kleinen, wirtschaftlich jedoch besonders bedeutsamen Ausschnitt.

Gerade deshalb wäre es falsch, aus den 33 Fällen unmittelbar auf die gesamte Insolvenzentwicklung der deutschen Wirtschaft zu schließen. Die allgemeine Zahl der Unternehmensinsolvenzen liegt um ein Vielfaches höher. Allianz Trade hatte im April für Deutschland im Gesamtjahr 2026 rund 24.650 Unternehmensinsolvenzen prognostiziert. Das wären etwa zwei Prozent mehr als 2025.

Die Ursachen für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind vielfältig. Allianz Trade sieht insbesondere Unternehmen mit hohen Investitions- und Energiekosten sowie geringer Preissetzungsmacht als gefährdet an. Unternehmen können steigende Kosten dann nur begrenzt an ihre Kunden weitergeben, wodurch die Margen unter Druck geraten.

Hinzu kommen nach Einschätzung des Kreditversicherers geopolitische Belastungen. Bereits im April hatte Allianz Trade seine Insolvenzprognose wegen der Auswirkungen des Nahostkonflikts nach oben korrigiert. Höhere Energie- und Transportkosten, Störungen der Lieferketten, Inflation und schwierigere Finanzierungsbedingungen könnten besonders Unternehmen mit niedrigen Margen, hoher Verschuldung oder großem Betriebskapitalbedarf treffen. Diese Einschätzung ist eine Prognose des Kreditversicherers und bedeutet nicht, dass sich einzelne Insolvenzen unmittelbar auf den Nahostkonflikt zurückführen lassen.

Eine schnelle Entspannung erwartet Allianz Trade jedenfalls nicht. Bogaerts geht davon aus, dass die Zahl der Großinsolvenzen auch im weiteren Verlauf des Jahres 2026 auf erhöhtem Niveau bleiben wird.

Deutschland steht mit dieser Entwicklung nicht allein. Weltweit wurden im ersten Halbjahr 2026 247 Großinsolvenzen gezählt. Das waren 13 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Besonders stark betroffen ist Westeuropa: Mehr als 60 Prozent der weltweit erfassten Großinsolvenzen entfielen laut Untersuchung auf diese Region. International lagen Einzelhandel, Dienstleistungen und Bauwirtschaft bei den Fallzahlen vorn.

Für Deutschland ist die Entwicklung dennoch bemerkenswert, weil bereits das vergangene Jahr einen Negativrekord gebracht hatte. 2023: 64 Großinsolvenzen. 2024: 87. 2025: 94. Und im ersten Halbjahr 2026 nun weitere 33 Fälle.

Dabei sollte die Halbjahreszahl von 33 nicht einfach auf das Gesamtjahr hochgerechnet werden. Zweimal 33 ergäben zwar rechnerisch 66 Fälle, doch Insolvenzverfahren verteilen sich nicht gleichmäßig über ein Jahr. Aus dem ersten Halbjahr lässt sich deshalb keine belastbare Jahreszahl von 66 ableiten.

Die entscheidende Warnung steckt ohnehin weniger in einer einzelnen Zahl als in den möglichen Folgewirkungen. Eine kleine Firmenpleite kann für Beschäftigte und Gläubiger dramatisch sein. Eine Großinsolvenz kann darüber hinaus ganze Lieferketten treffen. Besonders in der stark verflochtenen Automobilindustrie können Schwierigkeiten eines größeren Zulieferers schnell bei anderen Unternehmen ankommen.

Dass ausgerechnet die Automobilbranche im ersten Halbjahr 2026 die meisten deutschen Großinsolvenzen verzeichnet, ist deshalb ein ernstes Warnsignal. Es beweist für sich genommen keine flächendeckende Krise der gesamten Branche. Die Zahlen zeigen aber, dass der Anpassungsdruck inzwischen auch Unternehmen einer Größenordnung erreicht, deren Ausfall weit über die eigene Bilanz hinaus Folgen haben kann.

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