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VW vor entscheidenden Tagen: Hannover bangt um Werk – Aufsichtsrat ringt um Alternativen zur Schließung

reglohsg (CC0), Pixabay

Bei Volkswagen endet an diesem Montag in Hannover eine ungewöhnliche Serie von neun außerordentlichen Betriebsversammlungen. Im Mittelpunkt steht ausgerechnet ein Werk, dessen langfristige Zukunft derzeit offen ist: Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover gehört neben Emden, Zwickau und dem Audi-Standort Neckarsulm zu jenen Fabriken, für die der Konzern bislang keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre sieht.

Eine Schließung des Werks Hannover ist allerdings nicht beschlossen.

Konzernchef Oliver Blume hat bei der Betriebsversammlung in Wolfsburg ausdrücklich betont, Werksschließungen seien die „letzte und teuerste Lösung“. Volkswagen wolle innerhalb der kommenden sechs bis zwölf Monate Perspektiven für die betroffenen Standorte entwickeln.

Trotzdem ist die Nervosität bei den Beschäftigten groß.

Denn Volkswagen steht vor einem wesentlich tiefgreifenderen Umbau als bei früheren Sparprogrammen. Der Vorstand hält weitere Einsparungen für dringend notwendig und argumentiert, die Kostenstrukturen des Konzerns seien international nicht wettbewerbsfähig genug.

Bei der Betriebsversammlung in Hannover wird Finanzvorstand Arno Antlitz erwartet. Er muss den Beschäftigten erklären, warum der Konzern trotz bereits laufender Sparmaßnahmen weitere Einschnitte für unvermeidbar hält.

Hannover ist dabei ein besonders sensibler Standort.

Das Werk ist das Stammwerk von Volkswagen Nutzfahrzeuge und gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Industriestandorten der niedersächsischen Landeshauptstadt. Tausende direkte Arbeitsplätze hängen daran, zusätzlich zahlreiche Stellen bei Zulieferern, Logistikunternehmen und Dienstleistern.

Entsprechend groß wäre die wirtschaftliche Bedeutung, sollte der Standort langfristig tatsächlich zur Disposition stehen.

Genau deshalb ist die derzeitige Diskussion sorgfältig zu unterscheiden.

Der Vorstand sagt nicht, dass Hannover geschlossen wird.

Er sagt, dass für das Werk nach Auslaufen der heute vorgesehenen Fahrzeugprogramme bislang keine ausreichend wettbewerbsfähige Belegung für die frühen 2030er-Jahre vorhanden ist.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Automobilwerke benötigen Jahre im Voraus Planungssicherheit. Neue Modelle müssen entwickelt, Produktionsanlagen umgebaut, Zulieferketten organisiert und Investitionen beschlossen werden.

Wenn für einen Standort nach dem Ende der aktuellen Modellgeneration kein Nachfolgeprodukt vorgesehen ist, entsteht langfristig ein Auslastungsproblem.

Genau dieses Problem betrifft derzeit Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm.

Blume versucht gleichzeitig, die Diskussion über mögliche Schließungen zu relativieren.

Bei der Wolfsburger Betriebsversammlung erklärte er, das Ziel sei ausdrücklich, Perspektiven für alle Standorte zu schaffen. Werksschließungen seien nur die äußerste Möglichkeit.

Der Vorstand stellt allerdings ebenso klar, dass die bisherigen Einsparungen nicht ausreichen.

Blume fordert eine konsequente Verschlankung der Konzernstrukturen. Zunächst gehe es vor allem um Kosten außerhalb der direkten Fahrzeugproduktion – etwa im Management, in zentralen Funktionen, Entwicklung und Vertrieb.

Auch die häufig genannte Zahl von bis zu 50.000 zusätzlichen Stellenstreichungen muss dabei differenziert betrachtet werden.

Blume bezeichnete diese Zahl ausdrücklich nicht als festes Abbauziel. Sie sei eine theoretische Rechengröße, die aus den im Vergleich zu Wettbewerbern höheren Kosten abgeleitet werde.

Das bedeutet nicht, dass Volkswagen beschlossen hat, exakt 50.000 weitere Arbeitsplätze abzubauen.

Es bedeutet allerdings ebenso wenig Entwarnung.

Der Konzernvorstand sieht erheblichen zusätzlichen Kostensenkungsbedarf.

Volkswagen befindet sich dabei in einem schwierigen strategischen Spannungsfeld.

Der Konzern muss seine Kosten senken und gleichzeitig Milliarden in neue Technologien investieren.

Elektromobilität, Software, Batterietechnik und neue Fahrzeugplattformen verschlingen enorme Summen. Gleichzeitig haben sich die Wettbewerbsbedingungen auf dem wichtigen chinesischen Markt drastisch verändert.

Chinesische Hersteller sind insbesondere bei Elektroautos stärker geworden und setzen europäische Hersteller technologisch und preislich unter Druck.

Hinzu kommen Handelskonflikte und Zölle.

Volkswagen muss deshalb gleichzeitig investieren, Preise wettbewerbsfähig halten und die Kosten seiner europäischen Produktionsstruktur reduzieren.

Aus Sicht des Vorstands führt an weiteren Strukturveränderungen deshalb kein Weg vorbei.

Die Arbeitnehmervertreter sehen das anders.

Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo lehnt Werksschließungen ebenso wie betriebsbedingte Kündigungen ab.

Sie argumentiert, Volkswagen brauche nicht nur ein Kostensenkungsprogramm, sondern eine überzeugende industrielle Strategie für seine deutschen Standorte.

Aus Sicht des Betriebsrats lautet die entscheidende Frage daher nicht allein, wo gespart werden kann.

Sie lautet: Was soll Volkswagen künftig in Deutschland produzieren?

Gerade darin liegt der Kern des Konflikts.

Der Vorstand betrachtet die Standorte unter dem Gesichtspunkt der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Die Arbeitnehmerseite verlangt langfristige Produktzusagen und Beschäftigungsperspektiven.

Beides lässt sich nicht vollständig voneinander trennen.

Ein Werk kann nur langfristig bestehen, wenn dort ausreichend Fahrzeuge oder andere Produkte wirtschaftlich hergestellt werden können.

Gleichzeitig kann man einen Standort nicht allein durch Kostenkürzungen retten, wenn ihm langfristig die Produkte fehlen.

Hannover wird deshalb zum Symbol für die grundlegende strategische Frage bei Volkswagen.

Der Standort benötigt eine Perspektive über die heutige Modellgeneration hinaus.

In der Diskussion befinden sich verschiedene Ansätze.

Die Arbeitnehmerseite fordert neue Produkte beziehungsweise zusätzliche Produktionsaufträge für gefährdete Werke.

Auch alternative industrielle Nutzungen werden geprüft.

Konzernchef Blume hat unter anderem Kooperationen mit anderen Branchen und sogar die mögliche Fertigung chinesischer Modelle in europäischen Werken als denkbare Varianten ins Spiel gebracht.

Welche dieser Ideen tatsächlich wirtschaftlich tragfähig sind, ist bislang offen.

Fest steht jedoch, dass Arbeitnehmerseite und das Land Niedersachsen inzwischen eigene Vorschläge vorgelegt haben.

Nach Informationen von Reuters wurden alternative Sanierungskonzepte vorbereitet, die bei der bevorstehenden Aufsichtsratssitzung diskutiert werden sollen.

Damit existieren innerhalb des Volkswagen-Konzerns inzwischen mehrere konkurrierende Vorstellungen darüber, wie der Umbau aussehen könnte.

Auf der einen Seite steht der Plan des Vorstands mit erheblichen zusätzlichen Kostensenkungen, möglichem Personalabbau und der Prüfung von Werksschließungen.

Auf der anderen Seite stehen Arbeitnehmervertreter und Niedersachsen, die Werksschließungen verhindern wollen und alternative Modelle für die Standorte fordern.

Diese Konstellation macht Volkswagen zu einem besonderen Unternehmen.

Das Land Niedersachsen hält rund 20 Prozent der Stimmrechte und verfügt durch das Volkswagen-Gesetz über erheblichen Einfluss bei grundlegenden Entscheidungen.

Gleichzeitig ist der Aufsichtsrat paritätisch mit Vertretern der Anteilseigner und Arbeitnehmer besetzt.

Der Vorstand kann einen tiefgreifenden Umbau deshalb nicht einfach ohne Rücksicht auf Betriebsrat, Gewerkschaften und Niedersachsen durchsetzen.

Genau deshalb scheiterte Blume bereits im Juli daran, für sein ursprüngliches Sanierungskonzept ausreichend Unterstützung im Aufsichtsrat zu erhalten.

Nun folgt der nächste Versuch.

Am Donnerstag, dem 3. September, soll zunächst das Präsidium des Aufsichtsrats beraten.

Dort sitzen wichtige Vertreter der Eigentümerseite, des Landes Niedersachsen und der Arbeitnehmer.

Am Freitag, dem 4. September, kommt dann der gesamte Aufsichtsrat zusammen.

Diese Sitzung könnte zu einem der wichtigsten Termine für Volkswagen im Jahr 2026 werden.

Dabei sollte allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass dort zwangsläufig einzelne Werksschließungen beschlossen werden.

Die Gespräche dürften vielmehr darüber entscheiden, welchen grundsätzlichen Sanierungskurs Volkswagen einschlägt und ob sich zwischen den unterschiedlichen Lagern ein Kompromiss finden lässt.

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies drängt ausdrücklich auf eine Einigung.

Er hat wiederholt erklärt, dass Werksschließungen verhindert werden sollten.

Für Niedersachsen ist die Angelegenheit nicht nur eine Frage der Aktionärspolitik.

Volkswagen ist einer der wichtigsten Arbeitgeber des Landes.

Wolfsburg, Hannover, Emden, Braunschweig und Salzgitter sind wirtschaftlich eng mit dem Konzern verbunden.

Die Bedeutung reicht dabei weit über die unmittelbar Beschäftigten hinaus.

Rund um die Werke existieren Zulieferer, Handwerksbetriebe, Logistikunternehmen und zahlreiche Dienstleister.

Eine Schließung oder massive Verkleinerung eines Standorts hätte deshalb erhebliche regionale Folgen.

Gerade Hannover besitzt zusätzlich eine besondere symbolische Bedeutung.

Die Stadt ist seit Jahrzehnten eng mit Volkswagen Nutzfahrzeuge verbunden.

Deshalb dürfte Finanzvorstand Antlitz bei der heutigen Betriebsversammlung auf eine besonders kritische Belegschaft treffen.

Die Beschäftigten wollen wissen, wie konkret die Gefahr für den Standort tatsächlich ist.

Der Vorstand dürfte dagegen erneut darauf verweisen, dass noch keine Entscheidung gefallen ist und verschiedene Zukunftsoptionen geprüft werden.

Doch genau diese Unsicherheit ist inzwischen selbst zu einem Problem geworden.

Für Arbeitnehmer ist die Aussage, ein Werk habe ab den 2030er-Jahren bislang keine gesicherte Perspektive, kaum beruhigend.

Auch wenn eine Schließung nur eine mögliche Option ist, müssen Beschäftigte mit langfristigen finanziellen Verpflichtungen, Familien und jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit damit rechnen, dass sich ihr Arbeitsplatz fundamental verändern könnte.

Entsprechend angespannt war bereits die Stimmung bei den vorausgegangenen Betriebsversammlungen.

In Wolfsburg verfolgten nach Angaben des Betriebsrats mehr als 10.000 Beschäftigte die Versammlung. Blume bekam deutlichen Unmut zu spüren.

Betriebsratschefin Cavallo erklärte anschließend, das Vertrauen in den Konzernvorstand sei beschädigt.

Damit ist aus der Kostenfrage inzwischen auch eine Vertrauensfrage geworden.

Die Arbeitnehmer werfen dem Management vor, zu lange keine klare Zukunftsstrategie für die Standorte präsentiert zu haben.

Der Vorstand wiederum sieht sich unter Druck, schnell tiefgreifende Maßnahmen durchzusetzen, bevor sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert.

Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob Volkswagen sparen muss.

Darüber besteht im Grundsatz kaum Streit.

Entscheidend ist, wie gespart wird.

Werden vor allem Verwaltungsstrukturen verkleinert?

Werden weitere Stellen über Altersteilzeit und freiwillige Programme abgebaut?

Müssen Werke Produktionsvolumen abgeben?

Können gefährdete Fabriken mit neuen Modellen ausgelastet werden?

Oder kommt es tatsächlich zu Standortschließungen?

Genau diese Fragen werden nun in den höchsten Gremien des Konzerns verhandelt.

Für Hannover beginnt mit dem Ende der Betriebsversammlungsreihe deshalb die möglicherweise entscheidendere Phase.

Die öffentliche Diskussion in den Werkshallen endet.

Jetzt müssen Vorstand, Arbeitnehmervertreter, Anteilseigner und das Land Niedersachsen versuchen, einen gemeinsamen Sanierungskurs zu finden.

Die Ausgangslage ist schwierig.

Volkswagen muss Kosten reduzieren, ohne seine industrielle Basis zu stark zu beschädigen.

Der Konzern muss Beschäftigung sichern, ohne wirtschaftlich nicht tragfähige Strukturen dauerhaft zu finanzieren.

Und er muss neue Fahrzeuge und Technologien entwickeln, während gleichzeitig Milliarden eingespart werden sollen.

Das Werk Hannover steht exemplarisch für diesen Zielkonflikt.

Eine Schließung ist nicht beschlossen.

Eine langfristige Perspektive ist aber ebenso wenig gesichert.

Genau deshalb dürften die kommenden Tage für die Beschäftigten entscheidend sein.

Wenn Arbeitnehmerseite und Niedersachsen mit ihren Alternativvorschlägen überzeugen können, könnte Volkswagen einen Weg finden, Werke zu erhalten und gleichzeitig Kosten zu reduzieren.

Scheitert eine solche Einigung, dürfte die Diskussion über Werksschließungen deutlich an Schärfe gewinnen.

Für Hannover geht es deshalb an diesem Montag nicht unmittelbar um das Ende des Werks.

Aber sehr wohl um die Frage, ob Volkswagen einen wirtschaftlich tragfähigen Weg findet, damit dort auch in den 2030er-Jahren noch Fahrzeuge gebaut werden.

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