Auf Mallorca haben erneut zahlreiche Einwohner gegen die Folgen des Massentourismus protestiert. Rund 1.000 Menschen beteiligten sich nach Polizeiangaben an einer ungewöhnlichen Protestaktion in der Inselhauptstadt Palma. Mit Stühlen bildeten die Demonstranten eine lange Sitzkette, die sich von der zentral gelegenen Plaza de España bis in Richtung des Regierungssitzes am Meer erstreckte.
Auf selbst gemalten Transparenten standen Botschaften wie „Your paradise, our hell“ – „Euer Paradies, unsere Hölle“ – und „Tourist go home“.
Die drastischen Parolen vermitteln zunächst den Eindruck, als richte sich der Protest grundsätzlich gegen Urlauber. Tatsächlich ist der Konflikt komplizierter.
Im Mittelpunkt der Protestbewegung stehen vor allem die sozialen und wirtschaftlichen Folgen eines Tourismusmodells, das Mallorca enorme Einnahmen beschert, gleichzeitig aber nach Ansicht vieler Bewohner zunehmend an seine Grenzen stößt.
Besonders der Wohnungsmarkt ist zu einem politischen Brennpunkt geworden.
Mallorca gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Urlaubszielen Europas. Millionen Menschen reisen jedes Jahr auf die Baleareninsel. Hotels, Restaurants, Mietwagenfirmen, Fluggesellschaften, Reiseveranstalter und zahlreiche weitere Unternehmen profitieren davon.
Für viele Einwohner bedeutet dieser Erfolg allerdings einen zunehmenden Konkurrenzkampf um begrenzten Wohnraum.
Wohnungen und Häuser können für Eigentümer lukrativer sein, wenn sie an zahlungskräftige Urlauber oder ausländische Käufer vermietet beziehungsweise verkauft werden. Gleichzeitig konkurrieren Einheimische, Saisonarbeiter und Beschäftigte der Tourismusbranche um reguläre Mietwohnungen.
Die Folge ist ein paradoxes Problem: Eine Branche schafft Arbeitsplätze, während Beschäftigte teilweise Schwierigkeiten haben, in der Nähe dieser Arbeitsplätze bezahlbaren Wohnraum zu finden.
Genau diese Entwicklung steht hinter einem großen Teil des Protests.
Hinzu kommt die Belastung der Infrastruktur.
In der Hochsaison vervielfacht sich die Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig auf Mallorca aufhalten. Straßen, Parkplätze, Strände, öffentliche Verkehrsmittel und beliebte Ausflugsziele geraten an ihre Kapazitätsgrenzen.
Besonders sichtbar wird das in Palma und an bekannten Küstenorten.
Doch auch kleinere Orte und Buchten erleben einen starken Besucherandrang. Was für Urlauber einige Tage lang mediterranes Lebensgefühl bedeutet, ist für Einwohner über Monate hinweg Alltag.
Daraus entsteht zunehmend ein Verteilungskonflikt.
Wer profitiert vom Tourismus?
Wer trägt seine Kosten?
Und wie viele Besucher kann eine Insel dauerhaft aufnehmen, ohne dass sich die Lebensqualität der Bevölkerung erheblich verschlechtert?
Die jüngste Demonstration ist nicht die erste ihrer Art.
Bereits Ende Juli waren rund 25.000 Menschen auf Mallorca gegen die Auswirkungen des Massentourismus auf die Straße gegangen. Die erneute Aktion mit etwa 1.000 Teilnehmern ist zahlenmäßig wesentlich kleiner, zeigt aber, dass der Protest nicht verschwunden ist.
Die Bewegung versucht dabei zunehmend, Aufmerksamkeit durch symbolische Aktionen zu erzeugen.
Die lange Sitzkette durch Palma ist ein Beispiel dafür.
Statt lediglich durch die Innenstadt zu marschieren, machten die Teilnehmer sichtbar, wie viel öffentlichen Raum Menschen beanspruchen – eine Anspielung auf eine der zentralen Beschwerden vieler Einwohner.
Denn auf einer Insel ist Raum eine besonders knappe Ressource.
Mallorca lässt sich nicht beliebig erweitern.
Wohnraum, Straßen, Wasser, Strände und Naturräume sind begrenzt. Gleichzeitig steigt die touristische Nachfrage in Spitzenzeiten massiv an.
Das macht Mallorca zu einem besonders anschaulichen Beispiel für das Phänomen des „Overtourism“.
Damit ist eine Situation gemeint, in der die Zahl der Besucher an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten so groß wird, dass erhebliche Belastungen für Bevölkerung, Umwelt oder Infrastruktur entstehen.
Das Problem besteht dabei nicht zwangsläufig darin, dass insgesamt zu viele Menschen eine Region besuchen.
Entscheidend ist häufig, dass sich sehr viele Besucher gleichzeitig auf wenige Orte konzentrieren.
Auf Mallorca betrifft das insbesondere die Sommermonate.
Genau deshalb richtet sich ein Teil der Kritik gegen das bisherige Wachstumsmodell.
Über Jahrzehnte galt eine steigende Zahl von Urlaubern als wirtschaftlicher Erfolg. Mehr Gäste bedeuteten mehr Übernachtungen, mehr Restaurantbesuche, mehr Mietwagen und höhere Einnahmen.
Doch diese einfache Gleichung wird zunehmend infrage gestellt.
Denn zusätzliche Besucher verursachen ebenfalls Kosten.
Straßen müssen ausgebaut und unterhalten werden. Müll muss entsorgt werden. Wasser und Energie werden benötigt. Polizei, Rettungsdienste und öffentliche Verkehrsmittel müssen Spitzenbelastungen bewältigen.
Hinzu kommen Umweltprobleme.
Mallorca verfügt nur über begrenzte natürliche Ressourcen. Gerade Wasser kann während trockener Sommer zu einem sensiblen Thema werden. Gleichzeitig steigt der Verbrauch erheblich, wenn Millionen zusätzliche Menschen auf der Insel leben.
Auch Verkehr und Flächenverbrauch spielen eine Rolle.
Besonders kontrovers wird die Debatte allerdings beim Thema Wohnen.
Denn dort treffen Tourismus und Alltag unmittelbar aufeinander.
Wenn eine Wohnung als Ferienunterkunft wesentlich höhere Einnahmen erzielt als bei einer langfristigen Vermietung an eine Familie, entsteht für Eigentümer ein wirtschaftlicher Anreiz, Wohnraum dem regulären Mietmarkt zu entziehen.
Wie groß dieser Effekt tatsächlich ist, unterscheidet sich von Gemeinde zu Gemeinde.
Tourismus ist zudem nicht die einzige Ursache hoher Immobilienpreise.
Mallorca ist auch für wohlhabende Käufer aus anderen europäischen Ländern attraktiv. Hinzu kommen allgemeine Preissteigerungen, Baukosten, begrenztes Bauland und die hohe Nachfrage nach Immobilien.
Deshalb wäre es zu einfach, sämtliche Probleme des Wohnungsmarktes allein Touristen zuzuschreiben.
Genau diese Differenzierung geht bei Parolen wie „Tourist go home“ schnell verloren.
Die wirtschaftliche Realität der Insel spricht ohnehin gegen eine einfache Lösung.
Mallorca könnte den Tourismus nicht von heute auf morgen drastisch reduzieren, ohne erhebliche wirtschaftliche Folgen zu riskieren.
Hotels, Gastronomie, Handel, Verkehr, Freizeitwirtschaft und zahlreiche Dienstleistungsunternehmen hängen direkt oder indirekt von Urlaubern ab.
Viele der Menschen, die unter hohen Mieten und überfüllter Infrastruktur leiden, verdienen gleichzeitig ihren Lebensunterhalt in Branchen, die von genau diesen Besuchern abhängig sind.
Das ist das zentrale Dilemma.
Mallorca leidet nicht einfach am Tourismus.
Die Insel lebt in erheblichem Maße von ihm und leidet gleichzeitig unter bestimmten Folgen seines Erfolgs.
Deshalb dürfte die politische Lösung kaum darin bestehen, Touristen grundsätzlich fernzuhalten.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie der Tourismus gesteuert wird.
Eine Möglichkeit besteht darin, das Wachstum touristischer Übernachtungskapazitäten zu begrenzen.
Eine andere ist die stärkere Regulierung von Ferienwohnungen.
Auch höhere Abgaben für Besucher werden diskutiert beziehungsweise bereits eingesetzt, um einen Teil der touristischen Einnahmen zur Finanzierung von Infrastruktur und Umweltmaßnahmen zu verwenden.
Weitere Maßnahmen könnten darauf abzielen, Besucher stärker über das Jahr zu verteilen.
Wenn Mallorca nicht fast ausschließlich während weniger Sommermonate extrem ausgelastet wäre, könnten Infrastruktur und Natur möglicherweise besser mit den Besucherzahlen umgehen.
Auch eine stärkere räumliche Verteilung könnte helfen.
Doch jede dieser Maßnahmen hat Nebenwirkungen.
Strengere Regeln für Ferienvermietungen greifen in Eigentumsrechte und Geschäftsmodelle ein.
Höhere Touristenabgaben verteuern Reisen.
Eine Begrenzung der Besucherzahlen könnte Unternehmen und Beschäftigte treffen.
Und eine Verlängerung der Saison könnte wiederum dazu führen, dass Einwohner kaum noch ruhigere Monate erleben.
Deshalb ist die politische Auseinandersetzung so schwierig.
Hinzu kommt ein gesellschaftliches Problem.
Parolen wie „Tourist go home“ erzeugen international Aufmerksamkeit, können aber den Eindruck vermitteln, einzelne Urlauber seien persönlich für die Probleme der Insel verantwortlich.
Das greift zu kurz.
Ein Tourist, der ein legal angebotenes Hotelzimmer bucht, trägt nicht die Verantwortung für die Wohnungsbaupolitik Mallorcas.
Ebenso wenig kann von Einwohnern erwartet werden, unbegrenzt steigende Belastungen hinzunehmen, nur weil der Tourismus Arbeitsplätze schafft.
Die eigentliche Verantwortung liegt deshalb stärker bei Politik und Wirtschaft.
Sie müssen Regeln festlegen, wie viele touristische Kapazitäten geschaffen werden, welche Wohnungen als Ferienunterkünfte genutzt werden dürfen, wie Infrastruktur finanziert wird und wie stark besonders belastete Regionen geschützt werden.
Genau deshalb sollte die aktuelle Protestbewegung nicht ausschließlich anhand ihrer schärfsten Transparente beurteilt werden.
Hinter dem Slogan „Euer Paradies, unsere Hölle“ steht ein realer Interessenkonflikt.
Für Urlauber besteht Mallorca aus Stränden, Hotels, Restaurants, Buchten und wenigen Wochen Erholung.
Für die Einwohner ist dieselbe Insel Wohnort, Arbeitsplatz und Lebensraum.
Diese beiden Perspektiven müssen miteinander vereinbart werden.
Dass dies zunehmend schwieriger wird, zeigen die wiederkehrenden Demonstrationen.
25.000 Menschen bei einer großen Kundgebung Ende Juli und nun erneut rund 1.000 Teilnehmer bei einer symbolischen Sitzaktion sind noch kein Beweis dafür, dass eine Mehrheit der Bevölkerung Touristen ablehnt.
Sie sind aber ein deutliches Signal dafür, dass ein Teil der Bevölkerung das bisherige Tourismusmodell nicht mehr widerspruchslos akzeptiert.
Die entscheidende Frage für Mallorca lautet deshalb nicht: Tourismus – ja oder nein?
Sie lautet vielmehr: Wie viel Tourismus verträgt die Insel, wie sollen die wirtschaftlichen Gewinne verteilt werden und wie lassen sich gleichzeitig bezahlbares Wohnen, funktionierende Infrastruktur und der Schutz der Landschaft gewährleisten?
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.
Ein radikaler Rückgang des Tourismus könnte Arbeitsplätze und Wohlstand gefährden.
Ungebremstes Wachstum könnte dagegen die Probleme verschärfen, gegen die inzwischen immer mehr Einwohner protestieren.
Mallorca steht damit vor einer Aufgabe, die inzwischen viele europäische Reiseziele kennen.
Touristischer Erfolg allein reicht nicht mehr als Maßstab.
Entscheidend wird zunehmend, ob ein Reiseziel auch für diejenigen lebenswert bleibt, die dort nicht zwei Wochen Urlaub machen – sondern zwölf Monate im Jahr zu Hause sind.