Es gehört für Millionen Menschen zum Alltag: Der Paketbote klingelt, der eigentliche Empfänger ist nicht zu Hause – und ein Nachbar nimmt die Sendung entgegen. Eine kleine Gefälligkeit, über die normalerweise niemand lange nachdenkt. Doch genau diese Hilfsbereitschaft machen sich Betrüger zunutze.
Die Masche ist besonders tückisch, weil das Opfer zunächst überhaupt nicht bemerkt, dass gerade ein Betrug stattfindet. Der Nachbar glaubt, lediglich ein Paket aufzubewahren. Tatsächlich kann er jedoch zum unfreiwilligen letzten Glied einer gezielt vorbereiteten Betrugskette werden.
Die Täter brauchen keine eigene Wohnung – nur einen hilfsbereiten Nachbarn
Nach der beschriebenen Vorgehensweise bestellen Betrüger Waren im Internet unter einem fremden Namen oder mithilfe einer missbrauchten Identität. Die angegebene Lieferadresse gehört ihnen jedoch nicht.
Teilweise sollen Täter sogar ungenutzte Briefkästen mit einem zusätzlichen Namen versehen. In anderen Fällen verwenden sie den Namen einer Person, die tatsächlich an der betreffenden Adresse wohnt. Damit wirkt die Bestellung für Paketdienst und Nachbarschaft zunächst völlig unauffällig.
Der entscheidende Teil des Plans folgt bei der Zustellung.
Der angebliche Empfänger ist natürlich nicht zu Hause – schließlich wohnt er dort entweder überhaupt nicht oder weiß nichts von der Bestellung. Der Paketbote versucht deshalb möglicherweise, die Sendung bei einem Nachbarn abzugeben.
Und genau darauf spekulieren die Täter.
Nimmt ein hilfsbereiter Nachbar das Paket entgegen, ist der schwierigste Teil des Betrugs geschafft: Die Ware wurde erfolgreich an die gewünschte Adresse geliefert, ohne dass der Täter selbst gegenüber dem Zusteller auftreten musste.
Dann steht plötzlich ein Fremder vor der Tür
Nach der Zustellung muss der Betrüger nur noch an das Paket gelangen.
Laut der im Artikel wiedergegebenen Polizeiwarnung können die Abholer dabei mit unterschiedlichsten Erklärungen auftreten. Eine Person behauptet beispielsweise, sie sei ein Verwandter des Empfängers. Eine andere erklärt, der eigentliche Empfänger befinde sich gerade im Urlaub. Wieder jemand anderes gibt vor, erst vor Kurzem in das Haus eingezogen zu sein.
Für den Nachbarn klingt die Geschichte möglicherweise plausibel. Schließlich steht ein Paket mit dem entsprechenden Namen in seiner Wohnung.
Genau in diesem Moment wird aus einer gewöhnlichen Nachbarschaftshilfe eine riskante Situation: Wird die Sendung dem falschen Menschen übergeben, ist die Ware verschwunden.
Der Täter kann anschließend mit dem Paket das Haus verlassen, während sowohl der tatsächliche Namensinhaber als auch der Nachbar möglicherweise erst viel später erfahren, was passiert ist.
Identitätsmissbrauch kann erst mit der Inkassoforderung auffallen
Besonders problematisch wird die Masche, wenn Waren auf Rechnung bestellt werden. Dann kann die Ware längst verschwunden sein, bevor die unbezahlte Rechnung überhaupt auffällt.
Der TECHBOOK-Bericht schildert einen entsprechenden Fall. Ein Betroffener bemerkte demnach zunächst nichts von dem Betrug. Erst als ein Schreiben eines Inkassounternehmens in seinem Briefkasten lag, wurde deutlich, dass offenbar eine Bestellung auf seinen Namen erfolgt war.
Die Lieferung soll bei einem Nachbarn abgeholt worden sein – allerdings nicht durch den tatsächlichen Namensinhaber. Weil die Rechnung anschließend unbezahlt blieb, wurde schließlich ein Inkassounternehmen eingeschaltet. Der Betroffene erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei.
Das zeigt eine der gefährlichsten Eigenschaften dieser Betrugsform: Zwischen Tat und Entdeckung können verschiedene voneinander unabhängige Personen stehen.
Der Händler sieht eine Bestellung. Der Paketdienst sieht eine erfolgreiche Zustellung. Der Nachbar sieht eine gewöhnliche Sendung. Und die Person, deren Identität missbraucht wurde, weiß möglicherweise von nichts.
Sechs Paar Markenschuhe für rund 500 Euro
Ein weiterer im Artikel geschilderter Fall zeigt, wie konkret die Masche aussehen kann.
Ein Berliner erhielt demnach sechs hochwertige Markenschuhe von Boss im Gesamtwert von rund 500 Euro – obwohl er die Ware überhaupt nicht bestellt hatte.
Da er bei der Lieferung nicht zu Hause war, nahm eine Nachbarin das Paket entgegen.
Diesmal ging der Plan der Täter allerdings nicht auf. Der Betroffene leerte rechtzeitig seinen Briefkasten und fand die Zustellbenachrichtigung, bevor mutmaßliche Betrüger sie an sich bringen konnten. Anschließend holte er die Sendung selbst bei seiner Nachbarin ab.
Bei einer Nachfrage beim Händler stellte sich laut Bericht außerdem heraus, dass sogar eine E-Mail-Adresse unter seinem Namen eingerichtet worden war.
Die Ware wurde zurückgeschickt und ein größerer Schaden konnte verhindert werden.
Der Fall verdeutlicht, dass sich der Identitätsmissbrauch nicht auf einen Namen am Paket beschränken muss. Die Täter können versuchen, eine möglichst glaubwürdige digitale Identität rund um die Bestellung aufzubauen.
Warum auch der Nachbar Probleme bekommen kann
Für die Person, die das Paket aus reiner Hilfsbereitschaft angenommen hat, kann die Angelegenheit ebenfalls unangenehm werden.
Die Paketannahme wird regelmäßig dokumentiert. Damit lässt sich nachvollziehen, bei wem die Sendung abgegeben wurde. Verschwindet die Ware anschließend, kann der annehmende Nachbar deshalb zumindest mit Fragen konfrontiert werden.
Der TECHBOOK-Bericht weist darauf hin, dass unter Umständen auch zivilrechtliche Ansprüche eine Rolle spielen können. Ob tatsächlich eine Haftung besteht, hängt allerdings vom konkreten Einzelfall ab. Die bloße Tatsache, ein Paket für einen Nachbarn angenommen zu haben, bedeutet daher nicht automatisch, dass man für jeden späteren Schaden zahlen muss.
Trotzdem kann bereits die notwendige Aufklärung erheblichen Ärger verursachen.
Warnzeichen, bei denen man misstrauisch werden sollte
Besondere Aufmerksamkeit ist angebracht, wenn mehrere ungewöhnliche Umstände zusammenkommen:
- Das Paket ist für einen Namen bestimmt, den niemand im Haus kennt.
- An einem bislang ungenutzten Briefkasten taucht plötzlich ein neuer Name auf.
- Die vermeintliche Empfängerwohnung steht eigentlich leer.
- Kurz nach der Zustellung erscheint eine unbekannte Person und verlangt das Paket.
- Der Abholer behauptet, nur ein Freund oder Verwandter des Empfängers zu sein.
- Die Person macht widersprüchliche Angaben dazu, wo sie beziehungsweise der Empfänger wohnt.
- Jemand versucht, Druck aufzubauen und verlangt eine besonders schnelle Herausgabe.
In solchen Situationen sollte die vermeintliche Höflichkeit gegenüber einem Fremden nicht wichtiger sein als eine eindeutige Klärung.
Polizei: Helfen ja – aber nicht den Betrügern
Die Warnung sollte allerdings nicht missverstanden werden. Es geht nicht darum, grundsätzlich keine Pakete mehr für Nachbarn anzunehmen.
Wer seine Nachbarn kennt und beispielsweise seit Jahren regelmäßig gegenseitig Sendungen entgegennimmt, befindet sich in einer völlig anderen Situation.
Problematisch sind vor allem unbekannte Empfänger und unbekannte Abholer.
Der beste Schutz ist deshalb überraschend einfach: wissen, für wen man ein Paket annimmt – und wissen, wem man es anschließend gibt.
Bei auffälligen zusätzlichen Namen an Briefkästen, verdächtigen Personen oder anderen ungewöhnlichen Vorgängen empfiehlt die Polizei laut Bericht, die Polizei beziehungsweise die Hausverwaltung zu informieren.
Eine Betrugsmasche, die von Vertrauen lebt
Das Raffinierte an diesem Vorgehen ist, dass die Täter nicht versuchen, das Misstrauen ihrer Opfer zu überwinden. Sie nutzen vielmehr eine Situation, in der normalerweise überhaupt kein Misstrauen besteht.
Der Paketbote möchte seine Sendung zustellen. Der Nachbar möchte helfen. Der Händler geht von einer gewöhnlichen Bestellung aus. Und die Person, deren Name missbraucht wurde, weiß womöglich noch gar nichts davon.
Die entscheidende Sicherheitsregel lautet daher: Ein unbekannter Name auf einem Paket sollte nicht automatisch wie ein bekannter Nachbar behandelt werden.
Nachbarschaftshilfe bleibt sinnvoll. Aber wenn eine unbekannte Person plötzlich vor der Tür steht und ein Paket verlangt, ist Vorsicht wichtiger als Höflichkeit.