Fast drei Jahrzehnte nach dem Tod von Tupac Shakur beginnt in Las Vegas der Prozess gegen den Mann, den die Staatsanwaltschaft als mutmaßlichen Drahtzieher des Mordes betrachtet. Der heute 63-jährige Duane „Keffe D“ Davis soll den tödlichen Angriff auf den Rapper im September 1996 organisiert und die Tatwaffe beschafft haben. Selbst geschossen haben soll er nach Darstellung der Anklage nicht.
Tupac Shakur war am 7. September 1996 nach dem Besuch eines Boxkampfes von Mike Tyson in Las Vegas unterwegs. Der damals 25-Jährige saß auf dem Beifahrersitz eines schwarzen BMW, gefahren von Death-Row-Records-Chef Marion „Suge“ Knight. An einer roten Ampel näherte sich ein weißer Cadillac. Aus dem Fahrzeug wurden mehrere Schüsse auf den BMW abgegeben.
Shakur wurde schwer getroffen und starb sechs Tage später im Krankenhaus. Knight überlebte den Angriff mit leichteren Verletzungen.
Staatsanwaltschaft sieht Davis als Organisator
Im Mittelpunkt des nun beginnenden Verfahrens steht nicht die Frage, ob Davis selbst geschossen hat. Die Staatsanwaltschaft will vielmehr beweisen, dass er den Angriff organisiert, den Mord angeordnet und die verwendete Waffe beschafft habe.
Davis wird wegen Mordes unter Einsatz einer tödlichen Waffe angeklagt. Der Vorwurf steht zudem im Zusammenhang mit der Unterstützung einer kriminellen Gang.
Die mutmaßliche Tatwaffe, eine Glock im Kaliber .40, wurde nie gefunden. Nach Darstellung der Ermittler saß Davis jedoch in dem Fahrzeug, aus dem die tödlichen Schüsse abgegeben wurden.
Schlägerei wenige Stunden vor dem Mord
Ein zentraler Bestandteil der Anklage ist eine Auseinandersetzung, die sich wenige Stunden vor den Schüssen ereignet hatte.
Tupac Shakur und mehrere Begleiter waren in einem Hotel in Las Vegas mit Orlando „Baby Lane“ Anderson aneinandergeraten. Anderson gehörte zum Umfeld der South Side Compton Crips und wurde bei der Auseinandersetzung geschlagen.
Duane Davis ist der Onkel von Anderson. Die Ermittler gehen davon aus, dass der spätere Angriff auf Tupac eine Vergeltungsaktion für diese Schlägerei gewesen sein könnte.
Anderson selbst wurde 1998 bei einem anderen Vorfall erschossen.
Jahrelang blieb der Fall ungeklärt
Der Mord an Tupac Shakur entwickelte sich zu einem der bekanntesten ungeklärten Kriminalfälle der Musikgeschichte.
Über Jahrzehnte kursierten zahlreiche Spekulationen über mögliche Hintermänner und Täter. Immer wieder wurde der Fall auch mit der damaligen Rivalität zwischen der Hip-Hop-Szene der amerikanischen Ost- und Westküste in Verbindung gebracht.
Tupac war bei Death Row Records unter Vertrag und galt als einer der bedeutendsten Vertreter des West-Coast-Rap. Sein früherer Freund und späterer Rivale Christopher Wallace alias The Notorious B.I.G. wurde nur wenige Monate nach Tupacs Tod ebenfalls erschossen.
Auch dieser Mord sorgte über Jahre für Spekulationen über mögliche Zusammenhänge zwischen Gang-Konflikten, Musikindustrie und der Rivalität zwischen East und West Coast.
Eigene Aussagen bringen Davis ins Visier
Dass es nun überhaupt zu einem Prozess kommt, hängt maßgeblich mit öffentlichen Aussagen von Davis zusammen.
Jahrelang äußerte er sich in Interviews über die Tatnacht. Zudem veröffentlichte er 2019 eine Autobiografie, in der er ausführlich über seine Rolle im Umfeld des Mordes berichtete.
Diese Aussagen wurden später zu einem wichtigen Bestandteil der Ermittlungen.
Im September 2023 wurde Davis schließlich festgenommen. Seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft.
Verteidigung spricht von erfundenen Geschichten
Davis bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.
Seine Verteidigung argumentiert unter anderem, dass frühere Aussagen des Angeklagten nicht zuverlässig seien. Davis selbst erklärte zuletzt, er habe verschiedene Geschichten über den Fall erfunden beziehungsweise sei dafür bezahlt worden, bestimmte Aussagen zu machen.
Im Prozess dürfte deshalb eine entscheidende Frage sein, welchen Beweiswert seine früheren Interviews und Veröffentlichungen tatsächlich besitzen.
Die Staatsanwaltschaft muss nachweisen, dass Davis nicht nur über den Mord gesprochen hat, sondern tatsächlich an dessen Planung und Durchführung beteiligt war.
Wer schoss, könnte weiter ungeklärt bleiben
Selbst wenn Davis verurteilt werden sollte, könnte eine der bekanntesten Fragen des Falls offenbleiben: Wer feuerte die tödlichen Schüsse auf Tupac Shakur ab?
Das Verfahren konzentriert sich offenbar vor allem auf die angebliche Rolle von Davis als Organisator und Waffenbeschaffer.
Damit könnte der Prozess erstmals eine strafrechtliche Verantwortung für den Mord feststellen, ohne abschließend zu klären, wer die Waffe tatsächlich abgefeuert hat.
Lebenslange Haft möglich
Bei einer Verurteilung droht Davis eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Der Prozess soll voraussichtlich mehrere Wochen dauern. Dabei dürften sowohl frühere Aussagen des Angeklagten als auch Zeugenaussagen und alte Ermittlungsunterlagen eine zentrale Rolle spielen.
Fast 30 Jahre nach der Tat könnte damit zumindest ein Teil der Ereignisse jener Nacht juristisch aufgearbeitet werden.
Ein Mord, der die Musikgeschichte veränderte
Tupac Shakur war zum Zeitpunkt seines Todes gerade einmal 25 Jahre alt und dennoch bereits einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Rapper seiner Generation.
Songs wie „California Love“ machten ihn weltweit bekannt. Gleichzeitig thematisierte er in seinen Texten soziale Ungleichheit, Rassismus, Polizeigewalt und das Leben junger Schwarzer in amerikanischen Großstädten.
Sein Tod machte ihn endgültig zu einer Ikone der Hip-Hop-Kultur.
Der nun beginnende Prozess ist deshalb weit mehr als ein gewöhnliches Strafverfahren. Er könnte nach drei Jahrzehnten erstmals eine juristische Antwort auf die Frage liefern, wer für einen der berühmtesten Morde der Musikgeschichte verantwortlich war.
Ob damit allerdings sämtliche Rätsel rund um den Tod Tupac Shakurs gelöst werden, bleibt offen.