Eigentlich sollen Kinderwagen Neugeborene sicher und geschützt durch die ersten Lebensmonate begleiten. Doch ausgerechnet dort, wo Babys täglich viele Stunden verbringen, hat die Stiftung Warentest bedenkliche Chemikalien entdeckt. In ihrem aktuellen Kinderwagen-Test fanden die Prüfer in mehreren Modellen gesundheitlich und ökologisch problematische Weichmacher sowie sogenannte PFAS – auch als „Ewigkeitschemikalien“ bekannt. Vier der zwölf getesteten Kinderwagen erhielten deshalb die Gesamtnote „mangelhaft“. Verbraucherschützer fordern die Hersteller auf, problematische Stoffe endlich konsequent aus ihren Produkten zu verbannen.
Für viele werdende Eltern gehört der Kauf eines Kinderwagens zu den wichtigsten Anschaffungen vor der Geburt. Sicherheit, Komfort und Verarbeitung stehen dabei meist im Vordergrund. Was jedoch kaum jemand erkennen kann, ist die chemische Belastung der verwendeten Materialien.
Genau diese untersuchte die Stiftung Warentest in ihrem aktuellen Vergleich von neun Kombikinderwagen und drei Modellen für Geschwister oder Zwillinge.
Vier Kinderwagen fallen wegen Schadstoffen durch
Das Ergebnis sorgt für erhebliche Kritik.
Vier Modelle erhielten die schlechteste Bewertung „mangelhaft“, weil die Prüfer problematische Chemikalien nachwiesen. Betroffen sind:
- Hartan Ivy Outdoor
- Kinderkraft Nea 2 2in1
- BabyOne Little One Kodiak
- Baby Jogger City Mini GT2 Double
In den betroffenen Modellen wurden unter anderem der Weichmacher DEHP sowie Stoffe aus der Gruppe der PFAS gefunden.
Warum Weichmacher problematisch sind
DEHP gehört zur Gruppe der sogenannten Phthalate.
Diese Stoffe machen Kunststoffe flexibel und weich. Zahlreiche Phthalate stehen jedoch seit Jahren im Verdacht, hormonähnlich zu wirken und die Fortpflanzung sowie die Entwicklung von Kindern negativ zu beeinflussen.
Aus diesem Grund unterliegen viele dieser Weichmacher bereits strengen gesetzlichen Beschränkungen oder sind für zahlreiche Anwendungen verboten.
Dass sie dennoch in aktuellen Kinderwagen nachgewiesen wurden, überraschte selbst die Experten der Stiftung Warentest.
PFAS – die „Ewigkeitschemikalien“
Neben den Weichmachern fanden die Prüfer auch sogenannte PFAS.
Dabei handelt es sich um eine große Gruppe industriell hergestellter Chemikalien, die wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften seit Jahrzehnten eingesetzt werden.
Das Problem: PFAS bauen sich in der Umwelt kaum ab. Deshalb werden sie häufig als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet.
Mittlerweile konnten Wissenschaftler zahlreiche PFAS in Böden, Gewässern, Lebensmitteln und sogar im menschlichen Blut nachweisen. Einige Vertreter dieser Stoffgruppe stehen im Verdacht, Leber, Schilddrüse und Immunsystem zu schädigen oder das Krebsrisiko zu erhöhen.
Babys besonders empfindlich
Nach Einschätzung der Stiftung Warentest ist die Belastung gerade bei Kinderwagen besonders problematisch.
Babys verbringen in den ersten Lebensmonaten oft mehrere Stunden täglich in der Liegewanne. Dabei kommen sie ständig mit Stoffbezügen, Gurten und Polstern in Berührung.
Viele Säuglinge lutschen zudem an Gurten oder greifen mit den Händen nach den Materialien, bevor sie anschließend Finger oder Spielzeug in den Mund nehmen. Dadurch kann der Kontakt mit möglicherweise belasteten Stoffen zusätzlich erhöht werden.
Für Eltern sind solche Schadstoffe beim Kauf allerdings praktisch nicht erkennbar.
Konkurrenz zeigt: Es geht auch ohne Schadstoffe
Die Tester betonen ausdrücklich, dass problematische Chemikalien keineswegs unvermeidbar sind.
Mehrere Hersteller konnten nachweisen, dass sich Kinderwagen auch ohne bedenkliche Weichmacher oder PFAS produzieren lassen. Einige der getesteten Modelle blieben vollständig frei von den beanstandeten Schadstoffen – darunter sogar vergleichsweise günstige Produkte.
Nach Ansicht der Stiftung Warentest gibt es deshalb keinen Grund, weiterhin belastete Materialien einzusetzen.
Nicht nur Schadstoffe sorgen für Kritik
Neben der chemischen Belastung untersuchten die Experten auch Alltagstauglichkeit und Ergonomie.
Dabei fiel auf, dass einige Liegewannen ungewöhnlich klein ausfallen.
Für viele Babys werden sie bereits nach wenigen Monaten zu kurz oder zu schmal. Gleichzeitig sind die Kinder zu diesem Zeitpunkt häufig noch nicht groß genug, um sicher im Sportsitz transportiert zu werden.
Nach Einschätzung der Tester entsteht dadurch eine Übergangsphase, in der der Kinderwagen nur eingeschränkt genutzt werden kann.
Stabilität überzeugt die Prüfer
Trotz der Kritik konnten die getesteten Modelle in einem wichtigen Punkt überzeugen.
Alle Kinderwagen erwiesen sich im Sicherheitstest als ausgesprochen robust. Schwere Sicherheitsmängel oder instabile Konstruktionen stellten die Prüfer nicht fest.
Auch bei Bremsen, Rahmen und Belastbarkeit schnitten die meisten Modelle ordentlich ab.
Beim Kauf sollten Eltern dennoch darauf achten, dass sich die Schieberhöhe ausreichend an die eigene Körpergröße anpassen lässt. Eine ergonomische Griffhöhe erleichtert den Alltag erheblich und schont Rücken und Schultern.
Verbraucher sollten genau hinschauen
Die Untersuchung zeigt erneut, dass hochwertige Verarbeitung allein keine Garantie für schadstofffreie Materialien ist. Selbst hochpreisige Kinderwagen können problematische Chemikalien enthalten.
Für Verbraucher bedeutet das: Unabhängige Produkttests gewinnen zunehmend an Bedeutung. Da sich Schadstoffe weder sehen noch riechen lassen, bieten Untersuchungen durch unabhängige Prüfinstitute häufig die einzige Möglichkeit, belastete Produkte zu erkennen.
Hersteller stehen unter Druck
Mit ihrem aktuellen Test erhöht die Stiftung Warentest den Druck auf die Hersteller deutlich. Nach Ansicht der Verbraucherschützer ist es nicht nachvollziehbar, dass auch im Jahr 2026 noch bedenkliche Weichmacher und PFAS in Produkten für Säuglinge gefunden werden.
Die Untersuchung macht gleichzeitig deutlich, dass sichere und schadstoffarme Kinderwagen längst technisch möglich sind. Nun liegt es an den Herstellern, konsequent auf unbedenkliche Materialien umzusteigen und das Vertrauen junger Familien zurückzugewinnen. Denn gerade Produkte für die jüngsten Verbraucher sollten höchsten Sicherheits- und Gesundheitsstandards entsprechen.