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Russische Atomtechnik in Deutschland? Warum das Projekt in Lingen so umstritten ist

Peggy_Marco (CC0), Pixabay

In der niedersächsischen Stadt Lingen sorgt ein Atomprojekt seit Monaten für heftige Diskussionen. Dort möchte das französische Unternehmen Framatome künftig Brennelemente für Atomkraftwerke russischer Bauart herstellen. Das Besondere daran: Für den Aufbau der Produktion arbeitet Framatome mit dem russischen Staatskonzern Rosatom beziehungsweise dessen Tochterunternehmen TVEL zusammen. Kritiker sehen darin ein erhebliches Sicherheits- und Politikum – gerade vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Worum geht es überhaupt?

In einem Atomkraftwerk werden sogenannte Brennelemente benötigt. Sie enthalten den Kernbrennstoff und liefern die Energie für den Reaktor. Allerdings sind nicht alle Brennelemente gleich. Viele ältere Atomkraftwerke in Osteuropa und Finnland wurden noch nach sowjetischer Bauart errichtet. Sie benötigen sechseckige Brennelemente, die sich deutlich von den in Westeuropa üblichen unterscheiden.

Bisher wurden diese speziellen Brennelemente überwiegend in Russland hergestellt. Framatome möchte diesen Markt künftig von Lingen aus beliefern.

Warum arbeitet Framatome mit Russland zusammen?

Das Problem ist, dass Framatome bislang kaum Erfahrung mit der Herstellung dieser speziellen Brennelemente besitzt. Deshalb greift das Unternehmen auf das Know-how von TVEL zurück. Der russische Konzern liefert Maschinen, Software und technisches Fachwissen für die neue Produktion.

Nach Angaben des Unternehmens wurden Mitarbeiter bereits außerhalb des eigentlichen Werks geschult. Künftig könnte es jedoch notwendig werden, dass russische Spezialisten auch innerhalb der Brennelementefabrik tätig werden.

Warum gibt es Kritik?

Viele Kritiker halten diese Zusammenarbeit für problematisch.

Zum einen gehört Rosatom dem russischen Staat. Kritiker befürchten deshalb, dass Russland über die Kooperation Einfluss auf einen sensiblen Bereich der europäischen Energieversorgung gewinnen könnte.

Zum anderen handelt es sich bei der Brennelementefabrik um einen Hochsicherheitsbereich. Dort gelten besonders strenge Sicherheitsvorschriften. Einige Experten warnen deshalb vor möglichen Risiken wie Spionage oder Sabotage, falls russische Fachkräfte Zugang zu der Anlage erhalten.

Warum konnte Niedersachsen das Projekt nicht einfach verbieten?

Viele Menschen fragen sich, warum das niedersächsische Umweltministerium die Zusammenarbeit nicht einfach untersagt hat.

Der Grund liegt im Atomrecht.

Das Ministerium durfte den Antrag nur danach prüfen, ob alle gesetzlichen Sicherheits- und Strahlenschutzvorschriften eingehalten werden. Politische Fragen oder die Bewertung der Beziehungen zu Russland spielen bei diesem Genehmigungsverfahren grundsätzlich keine Rolle.

Ein Verbot aus Gründen der nationalen Sicherheit könnte grundsätzlich nur die Bundesregierung veranlassen.

Welche Sicherheitsauflagen gelten?

Damit mögliche Risiken möglichst gering bleiben, wurden zahlreiche Auflagen festgelegt.

Dazu gehören unter anderem:

  • russische Maschinen und Software müssen unabhängig überprüft werden,
  • die neuen Anlagen dürfen nicht mit anderen Computersystemen der Fabrik verbunden werden,
  • angelieferte Brennelemente müssen auf mögliche Manipulationen kontrolliert werden,
  • Verstöße gegen die Auflagen können zum Entzug der Genehmigung führen.

Grundsätzlich sollen Mitarbeiter von TVEL das Werksgelände nicht betreten. Allerdings sieht die Genehmigung eine Ausnahme vor: Wenn Framatome ein besonderes Sicherheitskonzept vorlegt und die betreffenden Personen überprüft werden, kann das Umweltministerium ihnen unter strengen Bedingungen den Zutritt erlauben. Sie müssten dabei ständig von geschulten Mitarbeitern begleitet werden.

Warum ist das Projekt auch politisch brisant?

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat die Europäische Union zahlreiche Sanktionen gegen Russland verhängt. Die russische Atomindustrie gehört bislang jedoch nicht zu den umfassend sanktionierten Bereichen.

Dadurch bleibt eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Rosatom in vielen Fällen rechtlich möglich.

Kritiker sehen darin einen Widerspruch: Während in anderen Bereichen die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland stark eingeschränkt wurden, bestehen im Atomsektor weiterhin Kooperationen.

Warum ist die Fabrik in Lingen für Framatome wichtig?

Früher lieferte die Brennelementefabrik vor allem an deutsche Atomkraftwerke. Mit dem deutschen Atomausstieg gingen diese Kunden verloren.

Framatome sucht deshalb neue Absatzmärkte im Ausland. Die Herstellung von Brennelementen für osteuropäische Reaktoren könnte der Fabrik neue Aufträge sichern und ihre Auslastung deutlich verbessern.

Das Fazit

Die geplante Zusammenarbeit zwischen Framatome und Rosatom zeigt, wie kompliziert wirtschaftliche, politische und sicherheitstechnische Interessen miteinander verbunden sein können.

Befürworter betonen, dass Europa dadurch unabhängiger von direkten Brennstofflieferungen aus Russland werden könnte. Kritiker halten dagegen, dass Russland trotz des Krieges weiterhin an einem wichtigen Teil der europäischen Atomversorgung beteiligt bleibt und sogar technisches Wissen sowie Dienstleistungen einbringen könnte.

Fest steht: Das Projekt in Lingen ist weit mehr als ein gewöhnliches Industrievorhaben. Es berührt Fragen der Energieversorgung, der nationalen Sicherheit und der europäischen Russlandpolitik – und wird deshalb auch künftig kontrovers diskutiert werden.

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