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Palliativmediziner über das Lebensende: „Kein Mensch muss loslassen“

AdelinaZw (CC0), Pixabay

Der Tod gehört zum Leben und dennoch fällt es vielen Menschen schwer, über das eigene Lebensende zu sprechen. Angst vor Schmerzen, Kontrollverlust oder dem Ungewissen prägt die Gedanken vieler Betroffener. Der renommierte Palliativmediziner Gian Domenico Borasio möchte dazu beitragen, diese Ängste abzubauen. Sein zentrales Anliegen: Ein guter Tod ist nicht für alle Menschen gleich – und niemand muss einem bestimmten Ideal entsprechen.

Nach Borasios Erfahrung entsteht ein würdevolles Sterben vor allem dann, wenn schwerkranke Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre letzten Lebenswochen oder -tage selbstbestimmt zu gestalten. Aufgabe der Palliativmedizin sei es deshalb in erster Linie, Schmerzen und belastende Symptome so weit wie möglich zu lindern. Erst wenn körperliche Beschwerden unter Kontrolle seien, könnten sich viele Menschen wieder mit ihren persönlichen Wünschen, ihren Angehörigen oder offenen Fragen beschäftigen.

Besonders kritisch sieht der Mediziner die häufig verwendete Aufforderung, Sterbende müssten „loslassen“. Dieser Gedanke könne zusätzlichen Druck erzeugen. Nicht jeder Mensch empfinde Frieden oder Gelassenheit am Lebensende. Ebenso könnten Wut, Angst, Trauer oder Verzweiflung Teil des Sterbeprozesses sein. Nach Borasios Auffassung gibt es deshalb keinen allgemeingültigen „guten Tod“. Entscheidend sei vielmehr, dass das Sterben zur Persönlichkeit und zum gelebten Leben eines Menschen passe.

Der Arzt betont außerdem, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit das Leben verändern könne. Viele Menschen würden erst angesichts des nahenden Todes erkennen, welche Bedeutung Familie, Freundschaft, Mitgefühl und zwischenmenschliche Beziehungen tatsächlich haben. Erfahrungen aus der Palliativmedizin zeigten, dass materielle Dinge häufig in den Hintergrund treten, während der Wunsch wächst, Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen und unerledigte Angelegenheiten zu klären.

Auch die Medizinethikerin Alena Buyx empfiehlt, sich frühzeitig mit der eigenen Vorsorge zu beschäftigen. Dazu gehören eine Vorsorgevollmacht, eine Patientenverfügung und eine vorausschauende Versorgungsplanung. Wer seine Wünsche rechtzeitig dokumentiere und mit Angehörigen bespreche, erleichtere im Ernstfall schwierige Entscheidungen erheblich und stärke zugleich die eigene Selbstbestimmung.

Nach Einschätzung der Experten werden schwerkranke Menschen zudem häufig länger medizinisch behandelt, als sie es selbst wünschen würden. Nicht jede Therapie führe in der letzten Lebensphase zu einer besseren Lebensqualität. In manchen Fällen könne der Verzicht auf belastende und medizinisch nicht mehr sinnvolle Behandlungen sogar dazu beitragen, Schmerzen zu verringern und die verbleibende Lebenszeit ruhiger und würdevoller zu gestalten.

Sterben werde niemals leicht sein, darin sind sich die Fachleute einig. Offen über Wünsche, Ängste und Vorstellungen zu sprechen, könne jedoch helfen, Unsicherheiten abzubauen. Wer sich frühzeitig mit dem Lebensende auseinandersetzt, schafft nicht nur Klarheit für sich selbst und seine Angehörigen, sondern gewinnt oft auch einen neuen Blick auf das Leben – und darauf, was am Ende wirklich zählt.

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