Dark Mode Light Mode

Berlin plant das Ende der Fahrscheinautomaten: Kommt jetzt der vollständig digitale Ticketkauf?

dkatana (CC0), Pixabay

Wer in Berlin künftig spontan ein Ticket für Bus oder Bahn kaufen möchte, könnte schon in wenigen Jahren vor einer völlig neuen Situation stehen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) planen eine grundlegende Neuausrichtung ihres Vertriebssystems. Klassische Fahrscheinautomaten sollen langfristig verschwinden und durch digitale Validatoren ersetzt werden. Papierfahrkarten und Bargeld könnten damit weitgehend aus dem Berliner Nahverkehr verschwinden. Während die BVG den Schritt als notwendigen Modernisierungsschub bezeichnet, warnen Fahrgastvertreter bereits vor einer Benachteiligung bestimmter Nutzergruppen.

Seit Jahrzehnten gehören die gelben Fahrkartenautomaten zum vertrauten Bild an Berliner Bahnhöfen und Haltestellen. Für viele Fahrgäste sind sie die erste Anlaufstelle, wenn kurzfristig ein Einzelfahrschein oder eine Tageskarte benötigt wird. Doch das Nutzungsverhalten hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert.

Immer mehr Menschen kaufen ihre Fahrscheine über Smartphone-Apps oder reisen mit digitalen Abonnements wie dem Deutschlandticket. Dadurch sinkt die Bedeutung klassischer Papierfahrscheine kontinuierlich. Nach Einschätzung der BVG ist die bestehende Automaten-Infrastruktur deshalb wirtschaftlich kaum noch zeitgemäß.

Digitale Validatoren sollen die Automaten ersetzen

Die geplante Umstellung geht jedoch weit über den Austausch alter Geräte hinaus. Nach Angaben von BVG-Vertriebschef Michael Beer soll ein vollständig neues Vertriebssystem entstehen.

Im Mittelpunkt stehen sogenannte Validatoren – kompakte Geräte, die nicht nur Tickets verkaufen, sondern zugleich deren digitale Gültigkeit verwalten. Fahrgäste halten beispielsweise ihre kontaktlose Bankkarte an das Lesegerät. Anschließend wird die Fahrberechtigung nicht mehr auf Papier ausgedruckt, sondern digital in einer Cloud gespeichert.

Bei einer Fahrkartenkontrolle genügt später dieselbe Bankkarte oder das verknüpfte Kundenkonto, um nachzuweisen, dass ein gültiges Ticket erworben wurde. Das System basiert auf sogenanntem Account-based beziehungsweise ID-based Ticketing, das bereits in mehreren internationalen Metropolen eingesetzt wird.

Papierfahrschein könnte zur Ausnahme werden

Mit der neuen Technik würde sich der Ticketkauf grundlegend verändern.

Anstelle eines gedruckten Fahrscheins dient künftig die verwendete Bankkarte oder ein persönliches Kundenkonto als Nachweis der Fahrberechtigung. Papierausdrucke wären in vielen Fällen nicht mehr notwendig. Auch klassische Fahrkartenautomaten mit großem Display, Drucker und Bargeldannahme könnten dadurch vollständig entfallen.

Für viele Fahrgäste würde der Ticketkauf deutlich einfacher werden. Wer spontan in Bus oder Bahn einsteigen möchte, müsste künftig lediglich seine kontaktlose Giro- oder Kreditkarte an den Validator halten. Ein separates Ticket wäre nicht mehr erforderlich.

BVG verspricht schnelleren und bequemeren Ticketkauf

Aus Sicht der Verkehrsbetriebe bietet das neue System mehrere Vorteile.

Die Bedienung soll einfacher werden, Warteschlangen an Automaten könnten entfallen und insbesondere Touristinnen und Touristen müssten sich nicht mehr mit komplizierten Tarifmenüs beschäftigen. Gleichzeitig verspricht sich die BVG geringere Wartungs- und Betriebskosten, da die aufwendige Technik der bisherigen Automaten künftig nicht mehr erforderlich wäre.

Welche Ticketarten künftig direkt an den Validatoren erhältlich sein werden und welche weiteren Zahlungsmethoden – etwa Smartphone-Wallets oder digitale Kundenkarten – unterstützt werden, wurde bislang allerdings noch nicht bekannt gegeben.

Zahlen zeigen deutlichen Wandel beim Ticketkauf

Der geplante Umbau basiert auf einem klaren Trend.

Nach Angaben der BVG werden Fahrscheine inzwischen überwiegend digital oder über Abonnements verkauft. Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel im Straßenbahnverkehr.

Dort wurden im ersten Halbjahr 2026 durchschnittlich nur noch rund sechs Einzelfahrscheine pro Fahrzeug und Tag an den vorhandenen Automaten verkauft. Angesichts dieser Entwicklung erscheint der Betrieb der bisherigen Verkaufsgeräte aus Sicht des Unternehmens zunehmend unwirtschaftlich.

Ein erster Schritt ist bereits sichtbar: Die neuen Straßenbahnen vom Typ Urbanliner, die derzeit in Berlin eingeführt werden, verfügen bereits über keine klassischen Fahrkartenautomaten mehr.

Kritik an möglichem Aus für Bargeld und Papier

Die Modernisierung stößt allerdings nicht überall auf Zustimmung.

Der Berliner Fahrgastverband IGEB warnt davor, dass Menschen ohne Bankkarte, Smartphone oder digitales Kundenkonto benachteiligt werden könnten. Gerade ältere Menschen, sozial schwächere Fahrgäste oder Touristen aus dem Ausland seien teilweise weiterhin auf klassische Verkaufswege angewiesen.

Auch die vollständige Abschaffung von Bargeld beim Ticketkauf wird kritisch gesehen. Nach Ansicht des Fahrgastverbands dürfe der öffentliche Nahverkehr niemanden ausschließen, nur weil digitale Zahlungsmittel nicht genutzt werden können oder sollen.

Zudem fordert die Interessenvertretung, den Fahrkartenverkauf nicht ausschließlich privaten Verkaufsstellen oder Kiosken zu überlassen. Der öffentliche Nahverkehr müsse auch künftig einen unkomplizierten Zugang für alle Bevölkerungsgruppen gewährleisten.

Automatische Bestpreis-Abrechnung gefordert

Neben der Frage der Barrierefreiheit steht auch die Tarifgestaltung im Mittelpunkt der Diskussion.

Der Fahrgastverband fordert, dass das neue digitale System automatisch den günstigsten verfügbaren Tarif berechnet. Wer beispielsweise mehrere Fahrten an einem Tag unternimmt, sollte nicht mehrere Einzelfahrscheine bezahlen müssen, wenn eine Tageskarte günstiger wäre.

Solche sogenannten Bestpreis-Systeme werden bereits in verschiedenen europäischen Städten eingesetzt und gelten als einer der größten Vorteile digitaler Ticketplattformen.

Abschied von einer Berliner Institution

Ein konkreter Termin für die vollständige Umstellung steht bislang noch nicht fest. Bereits zuvor hatte Berlins Verkehrssenatorin Ute Bonde jedoch erklärt, dass es in einigen Jahren keine klassischen Fahrscheinautomaten mehr geben werde.

Sollten die Pläne umgesetzt werden, würde damit eine Technik verschwinden, die den Berliner Nahverkehr über mehr als drei Jahrzehnte geprägt hat. Gleichzeitig beginnt für die BVG der Einstieg in eine neue Generation des Ticketvertriebs, bei der Papierfahrscheine, Münzeinwurf und Bargeld zunehmend durch digitale Identitäten und kontaktloses Bezahlen ersetzt werden.

Die kommenden Jahre dürften zeigen, ob der digitale Ticketkauf tatsächlich den versprochenen Komfort bringt oder ob die Verkehrsbetriebe zusätzliche Lösungen entwickeln müssen, damit auch Fahrgäste ohne Smartphone oder Bankkarte weiterhin problemlos Bus und Bahn nutzen können.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

H & W Financial Service UG: Insolvenzantrag mangels Masse abgewiesen

Next Post

iShares eb.rexx® Government Germany 10.5+yr UCITS ETF: Langlaufende Bundesanleihen bleiben unter Druck – defensiver ETF mit hoher Zinssensitivität und niedrigen Kosten