Die Digitalisierung hat den Finanzsektor effizienter, schneller und komfortabler gemacht – gleichzeitig aber auch anfälliger für Störungen und Cyberangriffe. Das zeigt die erste umfassende Auswertung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) auf Grundlage der europäischen DORA-Verordnung. Die Analyse der im Jahr 2025 gemeldeten IT- und Cybervorfälle offenbart, wie eng Banken, Versicherungen und andere Finanzunternehmen inzwischen miteinander sowie mit externen IT-Dienstleistern vernetzt sind – und welche systemischen Risiken daraus entstehen.
Erstmals umfassender Überblick über IT-Vorfälle im Finanzsektor
Mit Inkrafttreten des Digital Operational Resilience Act (DORA) sind Finanzunternehmen seit Anfang 2025 verpflichtet, schwerwiegende Vorfälle in ihrer Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) an die zuständigen Aufsichtsbehörden zu melden. Ziel der europäischen Verordnung ist es, die digitale Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems zu stärken und Risiken frühzeitig zu erkennen.
Die nun veröffentlichte Jahresanalyse der Bafin liefert erstmals ein detailliertes Bild darüber, welche IT-Störungen den deutschen Finanzsektor tatsächlich belasten.
Mehr als 1.200 Unternehmen betroffen
Nach Angaben der Bafin waren im vergangenen Jahr rund 1.200 Finanzunternehmen von mindestens einem meldepflichtigen IT-Vorfall betroffen. Insgesamt gingen 733 Meldungen schwerwiegender Vorfälle bei der Aufsicht ein.
Die Zahlen zeigen zugleich, dass größere Ausfälle häufig zahlreiche Unternehmen gleichzeitig treffen. Ursache dafür ist die immer stärkere Abhängigkeit von gemeinsamen IT-Dienstleistern, Cloud-Anbietern oder anderen externen Infrastrukturen.
Dienstleister werden zum systemischen Risiko
Besonders auffällig ist die Rolle externer Dienstleister.
Rund die Hälfte aller gemeldeten Vorfälle entstand nicht innerhalb der betroffenen Finanzunternehmen selbst, sondern hatte ihren Ursprung bei Drittanbietern. Dabei handelt es sich beispielsweise um Rechenzentren, Softwareanbieter, Cloud-Plattformen oder Zahlungsdienstleister.
Die Bafin registrierte rund 60 sogenannte übergreifende Vorfälle, die aufgrund derselben Ursache zahlreiche Institute gleichzeitig trafen. Insgesamt entfielen 315 Meldungen auf solche Ereignisse.
Für die Aufsicht ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass einzelne technische Probleme inzwischen erhebliche Auswirkungen auf große Teile des Finanzsystems entfalten können.
Komplexe IT-Landschaften erhöhen die Anfälligkeit
Neben der Abhängigkeit von externen Dienstleistern sieht die Finanzaufsicht auch die zunehmende technische Komplexität als Risikofaktor.
Viele Vorfälle wurden durch:
- fehlerhafte Software-Updates,
- Konfigurationsprobleme,
- Systemausfälle,
- technische Störungen
oder - Fehler in IT-Prozessen
ausgelöst.
Gerade hochgradig vernetzte IT-Systeme bieten zwar erhebliche Effizienzgewinne, erhöhen gleichzeitig jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Fehler weitreichende Folgen nach sich ziehen.
Kreditinstitute besonders häufig betroffen
Die meisten Vorfälle entfielen auf Banken und Kreditinstitute.
Dies überrascht die Bafin nicht. Banken betreiben besonders viele digitale Dienstleistungen wie Online-Banking, Kartenzahlungen oder Echtzeitüberweisungen. Bereits vergleichsweise kurze Ausfälle können dadurch zahlreiche Kunden und Millionen Transaktionen betreffen und überschreiten schnell die gesetzlichen Meldegrenzen.
Cyberangriffe bleiben eine dauerhafte Bedrohung
Neben technischen Störungen rücken Cyberangriffe zunehmend in den Fokus der Aufsicht.
Rund elf Prozent aller gemeldeten Vorfälle waren erfolgreiche Cyberangriffe.
Die Bafin weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass diese Zahl nur tatsächlich erfolgreiche Angriffe umfasst. Die Anzahl abgewehrter Angriffe dürfte um ein Vielfaches höher liegen.
Bemerkenswert ist zudem, dass rund 40 Prozent dieser Cyberangriffe gar nicht unmittelbar auf Banken oder Versicherungen zielten, sondern auf deren externe Dienstleister.
Dadurch bestätigt sich erneut die zentrale Erkenntnis der Analyse: Die Sicherheit des Finanzsystems hängt längst nicht mehr ausschließlich von den einzelnen Instituten selbst ab.
Künstliche Intelligenz verändert das Phishing
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Bafin den Phishing-Angriffen.
Diese gehören weiterhin zu den häufigsten Einfallstoren für Cyberkriminelle. Neu ist allerdings die Qualität der Angriffe.
Nach Einschätzung der Finanzaufsicht wird Künstliche Intelligenz zunehmend genutzt, um täuschend echte E-Mails, Nachrichten oder Webseiten zu erstellen. Sprachliche Fehler verschwinden nahezu vollständig, individuelle Ansprachen werden präziser und Betrugsversuche dadurch erheblich schwerer erkennbar.
Bereits kleine Unachtsamkeiten einzelner Beschäftigter könnten deshalb ausreichen, um Schadsoftware in Unternehmensnetzwerke einzuschleusen.
Ransomware bleibt eines der größten Risiken
Als besonders gefährlich bewertet die Bafin weiterhin sogenannte Ransomware-Angriffe.
Dabei verschlüsseln Kriminelle Unternehmensdaten und fordern anschließend Lösegeld für deren Freigabe. Häufig werden die Daten zusätzlich kopiert und mit einer Veröffentlichung gedroht.
Solche Angriffe können den Geschäftsbetrieb von Banken, Versicherungen oder Finanzdienstleistern über Tage oder sogar Wochen erheblich beeinträchtigen.
DDoS-Angriffe legen Online-Dienste lahm
Neben Phishing und Ransomware registrierte die Aufsicht regelmäßig Distributed-Denial-of-Service-Angriffe (DDoS).
Hierbei werden Server gezielt mit massenhaften Anfragen überlastet, bis Online-Dienste nicht mehr erreichbar sind. Für Banken können dadurch Online-Banking-Portale, Zahlungsdienste oder andere digitale Angebote zeitweise ausfallen.
DORA verpflichtet Unternehmen zum aktiven Schwachstellenmanagement
Die europäische DORA-Verordnung beschränkt sich nicht auf die Meldepflicht.
Finanzunternehmen müssen künftig ein strukturiertes Schwachstellenmanagement etablieren. Kritische Sicherheitslücken sind nach Bekanntwerden unverzüglich zu analysieren. Sicherheitsupdates müssen getestet und möglichst schnell eingespielt werden. Können Schwachstellen nicht sofort geschlossen werden, müssen Unternehmen alternative Schutzmaßnahmen implementieren, um Risiken zu minimieren.
Geopolitische Spannungen verschärfen die Lage
Die Bafin verweist darüber hinaus auf die internationale Sicherheitslage.
Geopolitische Konflikte und staatlich unterstützte Hackergruppen erhöhen nach Einschätzung der Aufsicht das Risiko koordinierter Cyberangriffe auf kritische Finanzinfrastrukturen erheblich.
Die Digitalisierung des Finanzsystems macht Banken, Versicherungen und Börsen damit zunehmend zu potenziellen Angriffszielen.
Bafin will Aufsicht weiter ausbauen
Für die Finanzaufsicht stellt das neue Meldewesen einen wichtigen Baustein ihrer künftigen Aufsicht dar.
Die systematische Auswertung der Vorfälle soll helfen,
- wiederkehrende Schwachstellen frühzeitig zu erkennen,
- Risiken im Finanzsystem besser einzuschätzen,
- gemeinsame Problemfelder bei Dienstleistern zu identifizieren und
- regulatorische Maßnahmen gezielt weiterzuentwickeln.
Digitalisierung braucht mehr Resilienz
Die erste DORA-Auswertung macht deutlich, dass die größte Herausforderung des modernen Finanzsektors nicht allein in einzelnen Hackerangriffen liegt. Vielmehr entsteht ein neues systemisches Risiko durch die immer engere Vernetzung von Finanzunternehmen mit gemeinsamen IT-Dienstleistern und digitalen Infrastrukturen. Fällt ein zentraler Anbieter aus oder wird Ziel eines Cyberangriffs, können die Auswirkungen zahlreiche Institute gleichzeitig treffen. Für die Bafin ist deshalb klar: Digitale Innovation muss künftig immer auch mit digitaler Widerstandsfähigkeit einhergehen. Nur so lässt sich das Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems langfristig sichern.