Kaum hat sich die Fußball-Welt an die erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragene Weltmeisterschaft gewöhnt, bringt FIFA-Präsident Gianni Infantino bereits die nächste Erweiterung ins Spiel. Eine WM mit 64 Nationalteams würde das größte Sportereignis der Welt grundlegend verändern – mit Chancen für kleinere Nationen, aber auch erheblichen Risiken für Qualität, Organisation und Wirtschaftlichkeit.
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist noch nicht einmal beendet, doch FIFA-Präsident Gianni Infantino richtet den Blick bereits auf die Zukunft. In einem Interview erklärte der Schweizer Funktionär, eine erneute Aufstockung des Teilnehmerfeldes auf 64 Mannschaften werde nach dem Turnier in den FIFA-Gremien diskutiert.
Damit würde die Weltmeisterschaft ein bislang kaum vorstellbares Ausmaß erreichen: Statt der aktuell 48 Teams würden künftig 64 Nationen teilnehmen, die Zahl der Spiele würde von derzeit 104 auf 128 Partien steigen.
Mehr Teilhabe als zentrales Argument
Für die FIFA steht seit Jahren die weltweite Öffnung des Turniers im Mittelpunkt. Schon die Erweiterung von 32 auf 48 Mannschaften sollte insbesondere kleineren Fußballnationen den Weg auf die größte Bühne des Sports ermöglichen.
Eine 64er-WM würde diesen Gedanken konsequent fortführen.
Vor allem Afrika, Asien und Ozeanien könnten deutlich mehr Startplätze erhalten. Während Europa kaum zusätzliche Plätze bekäme, würden insbesondere aufstrebende Fußballregionen profitieren.
Infantino argumentiert seit Jahren, dass nur regelmäßige WM-Teilnahmen die Entwicklung kleinerer Fußballverbände nachhaltig fördern können. Nationale Verbände investieren eher in Nachwuchs, Infrastruktur und Trainer, wenn eine realistische Chance auf eine Weltmeisterschaft besteht.
Die aktuelle WM liefert Argumente
Tatsächlich verlief die erste WM mit 48 Teilnehmern sportlich erfolgreicher als viele Kritiker erwartet hatten.
Zwar gab es deutliche Leistungsunterschiede – etwa beim klaren deutschen Sieg gegen Curaçao –, gleichzeitig sorgten Außenseiter wie Kap Verde oder mehrere afrikanische Mannschaften für Überraschungen und zeigten, dass die Qualitätsunterschiede im Weltfußball kleiner werden.
Afrika stellte gleich neun Mannschaften für die K.-o.-Phase und bestätigte damit den sportlichen Aufschwung des Kontinents.
Für die FIFA ist dies ein wichtiges Signal, dass eine größere Teilnehmerzahl nicht zwangsläufig zu einer Verwässerung des Wettbewerbs führen muss.
Weniger Rechenspiele in der Gruppenphase
Auch organisatorisch sehen Befürworter Vorteile.
Die aktuelle Turnierstruktur mit zwölf Gruppen und den acht besten Gruppendritten sorgte immer wieder für komplizierte Rechenmodelle und taktische Konstellationen am letzten Gruppenspieltag.
Eine neue Turnierstruktur mit 64 Mannschaften könnte solche Unsicherheiten beseitigen und einen klareren Wettbewerb ermöglichen.
Außerdem würden Mannschaften ihre Gegner früher kennen und könnten sich gezielter vorbereiten.
Milliardenpotenzial für FIFA und Vermarkter
Aus wirtschaftlicher Sicht wäre eine größere WM vor allem für die FIFA ein lukratives Geschäft.
24 zusätzliche Spiele bedeuten:
- mehr Fernsehrechte,
- höhere Werbeeinnahmen,
- zusätzliche Sponsorenverträge,
- steigende Ticketumsätze,
- größere Reichweiten auf digitalen Plattformen.
Schon heute erzielt die FIFA den Großteil ihrer Einnahmen mit Weltmeisterschaften. Eine nochmals größere WM würde dieses Geschäftsmodell weiter ausbauen.
Auch Austragungsländer könnten von zusätzlichen Touristen und höheren Umsätzen im Hotel-, Gastronomie- und Veranstaltungssektor profitieren.
Doch die Schattenseiten wachsen mit
Genauso deutlich fallen allerdings die Gegenargumente aus.
Eine WM mit 128 Spielen würde den Spielplan massiv aufblähen.
Entweder müsste das Turnier auf sechs Wochen oder länger ausgedehnt werden – was Vereine und nationale Ligen kaum akzeptieren dürften – oder es müssten täglich bis zu sechs Spiele parallel stattfinden.
Bereits die aktuelle WM stellt Fans, Medien und Fernsehsender vor enorme Herausforderungen, weil mehrere Partien gleichzeitig laufen.
Noch mehr Begegnungen könnten dazu führen, dass einzelne Spiele deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Qualifikation verliert an Bedeutung
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die WM-Qualifikation.
Je mehr Nationen automatisch einen Startplatz erhalten, desto geringer wird die sportliche Hürde für die Teilnahme.
Trainer und Verbände warnen bereits davor, dass Qualifikationsspiele erheblich an Spannung verlieren könnten.
Wenn sich nahezu jede größere Fußballnation qualifiziert, sinkt der sportliche Wert der Ausscheidungsrunden erheblich.
Gastgeber stehen vor riesigen Aufgaben
Noch größer wären die organisatorischen Herausforderungen.
Für 128 WM-Spiele wären deutlich mehr Stadien erforderlich als heute.
Bereits die Weltmeisterschaft 2026 wird von drei Gastgebern – USA, Kanada und Mexiko – gemeinsam ausgerichtet.
Eine zukünftige 64er-WM dürfte für einzelne Länder praktisch nicht mehr stemmbar sein.
Große internationale Bewerbungen mehrerer Staaten würden zur Regel werden.
Neben Stadien müssten auch Verkehrsinfrastruktur, Hotels, Sicherheitskonzepte und Trainingsanlagen erheblich ausgebaut werden.
Kritik an Infantinos Expansionskurs
Die Diskussion zeigt erneut die grundsätzliche Entwicklung der FIFA unter Gianni Infantino.
Seit seinem Amtsantritt verfolgt der Weltverband konsequent das Ziel, Wettbewerbe auszubauen und neue Märkte zu erschließen.
Neben der Klub-WM wurde bereits die Frauen-WM erweitert, nun könnte auch die Männer-WM erneut wachsen.
Kritiker werfen der FIFA vor, wirtschaftliche Interessen zunehmend über sportliche Qualität zu stellen.
Befürworter sehen dagegen eine notwendige Modernisierung des Weltfußballs und eine gerechtere Verteilung der Chancen zwischen traditionellen Fußballmächten und aufstrebenden Nationen.
Fazit
Die Debatte über eine 64er-Weltmeisterschaft dürfte den internationalen Fußball in den kommenden Jahren intensiv beschäftigen.
Einerseits eröffnet eine weitere Expansion vielen Ländern erstmals realistische Chancen auf eine WM-Teilnahme und stärkt die globale Entwicklung des Sports. Andererseits wachsen mit jedem zusätzlichen Teilnehmer auch die organisatorischen, sportlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen.
Ob die FIFA tatsächlich den nächsten Schritt wagt, wird maßgeblich davon abhängen, wie die erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragene WM 2026 am Ende bewertet wird. Fest steht bereits jetzt: Die Diskussion um Größe, Qualität und Zukunft der Fußball-Weltmeisterschaft hat gerade erst begonnen.