Christopher Nolan hat offenbar geschafft, was nur wenigen Regisseuren gelingt: Sein neuer Film sorgt für Streit, obwohl viele Kritiker ihn noch gar nicht gesehen haben.
Willkommen bei „The Odyssey“, dem vermutlich ersten Kinofilm, der bereits vor dem Start den Kulturkampf gewonnen – oder verloren – hat. Je nachdem, wen man fragt.
Dabei klingt die Vorlage eigentlich harmlos. Ein Grieche irrt zehn Jahre übers Meer, begegnet Zyklopen, Sirenen, Hexen und Göttern. Also praktisch ein durchschnittlicher Familienurlaub.
Doch im Jahr 2026 reicht das offenbar nicht mehr.
Helen von Troja – jetzt mit politischer Debatte
Kaum wurde bekannt, dass Lupita Nyong’o die Helena von Troja spielt, brach im Internet die nächste Grundsatzdiskussion aus.
Die einen fragten:
„Aber Homer schrieb doch von der weißarmigen Helena!“
Die anderen fragten zurück:
„Ist euch gerade ernsthaft aufgefallen, dass ihr bei einem Film mit Zyklopen plötzlich historische Genauigkeit fordert?“
Dass die Geschichte ohnehin von Göttern, Seeungeheuern und magischen Inseln handelt, störte erstaunlich wenige.
Amerikanische Akzente? Skandal!
Mindestens ebenso dramatisch entwickelte sich die Diskussion über die Sprache.
Tom Holland spricht seinen Telemachos mit amerikanischem Akzent.
Das empörte viele Fans.
Offenbar herrscht die Überzeugung, dass die alten Griechen selbstverständlich Oxford-Englisch mit Shakespeare-Diktion gesprochen haben.
Altgriechisch?
Völlig überbewertet.
Batman in Griechenland?
Andere Zuschauer entdeckten in den Rüstungen Ähnlichkeiten zu Batman.
Das Schiff erinnere an ein Wikingerschiff.
Und überhaupt sehe alles irgendwie nicht so aus, wie man sich das antike Griechenland vorgestellt habe.
Bemerkenswert.
Denn niemand von uns war jemals bei Odysseus zu Besuch.
Willkommen im Internet
Eigentlich erzählt die Debatte mehr über unsere Zeit als über Nolans Film.
Heute reicht ein Trailer von zwei Minuten, um wochenlange Diskussionen auszulösen.
Früher wartete man zumindest noch bis zur Premiere.
Heute genügt ein Screenshot.
Oder ein Helm.
Oder ein Akzent.
Nolan dürfte sich entspannt zurücklehnen
Für Christopher Nolan ist der ganze Wirbel wahrscheinlich die beste Werbung überhaupt.
Denn eines zeigt Hollywood seit Jahren zuverlässig:
Je mehr Menschen im Internet erklären, warum sie einen Film niemals anschauen werden…
…desto länger stehen sie später am Premierenwochenende an der Kinokasse.
Am Ende könnte Homers berühmteste Erkenntnis erneut bestätigt werden:
Der Weg ist das Ziel.
Im Fall von „The Odyssey“ gilt allerdings:
Der Shitstorm beginnt deutlich vor der Reise.