Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, könnte zu einem wichtigen Baustein im Kampf gegen gefährliche Infektionskrankheiten werden: Google plant, in den kommenden zwei Jahren insgesamt 64 Millionen männliche Mücken in Kalifornien und Florida freizusetzen. Ziel ist es, die Population einer Mückenart drastisch zu reduzieren, die als Überträger des West-Nil-Virus und anderer Krankheiten gilt.
Der ungewöhnliche Plan wird derzeit von der US-Umweltschutzbehörde EPA geprüft. Bürger konnten bis Anfang Juni Stellung zu dem Vorhaben nehmen.
Warum Google Millionen Mücken freisetzen will
Hinter dem Projekt steht die Alphabet-Tochter Verily, die bereits seit mehreren Jahren an innovativen Methoden zur Bekämpfung von Krankheitsüberträgern arbeitet. Im Fokus steht die Mückenart Culex quinquefasciatus, auch als südliche Hausmücke bekannt.
Diese Mückenart kann Krankheiten wie das West-Nil-Virus und die St.-Louis-Enzephalitis übertragen. Allein das West-Nil-Virus führt in den USA jedes Jahr zu zahlreichen schweren Erkrankungen und Krankenhausaufenthalten.
Anstatt die Insekten mit Pestiziden zu bekämpfen, setzt Verily auf einen biologischen Ansatz.
Die besondere Rolle des Bakteriums Wolbachia
Die freizusetzenden Mücken wurden in Laboren gezüchtet und mit dem natürlich vorkommenden Bakterium Wolbachia behandelt. Dieses Bakterium kommt bereits in vielen Insektenarten weltweit vor und gilt nach Angaben der Gesundheitsbehörden als ungefährlich für Menschen und Tiere.
Die Besonderheit: Paaren sich die behandelten männlichen Mücken mit weiblichen Mücken ohne Wolbachia-Bakterien, entwickeln sich die Eier nicht weiter. Die Folge: Es schlüpft kein Nachwuchs.
Da ausschließlich männliche Mücken freigesetzt werden, besteht zudem kein Risiko, dass die Tiere Menschen stechen. Nur weibliche Mücken benötigen Blut zur Fortpflanzung.
Keine Gentechnik im Einsatz
Anders als bei einigen anderen Methoden zur Schädlingsbekämpfung handelt es sich nicht um gentechnisch veränderte Organismen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC betont, dass Wolbachia ein natürlicher Bestandteil vieler Insektenpopulationen ist.
Dadurch gilt das Verfahren als umweltfreundlichere Alternative zu chemischen Bekämpfungsmitteln.
Bereits erfolgreiche Tests
Die Methode wurde bereits gegen die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) eingesetzt, die Krankheiten wie Dengue-Fieber, Zika oder Chikungunya übertragen kann.
Nach Angaben der Gesundheitsbehörden konnten in Regionen von Kalifornien, Texas, Australien, Singapur, Thailand und Mexiko deutliche Erfolge erzielt werden. Allerdings zeigt die Erfahrung auch eine Schwäche des Verfahrens: Sobald die Freisetzung der männlichen Mücken endet, erholt sich die Population langfristig wieder.
Millionenfache Freisetzung geplant
Laut den Plänen sollen in jedem der beiden Bundesstaaten Florida und Kalifornien zunächst jeweils 16 Millionen männliche Mücken pro Jahr freigesetzt werden. Im zweiten Jahr soll die gleiche Anzahl erneut ausgebracht werden.
Insgesamt wären damit 64 Millionen Mücken Teil des Projekts.
Wo genau die Tiere freigesetzt werden sollen, wurde bislang nicht bekanntgegeben.
Hoffnung auf neue Waffe gegen Krankheiten
Experten sehen in biologischen Methoden wie Wolbachia großes Potenzial, um die Ausbreitung gefährlicher Infektionskrankheiten einzudämmen. Gerade in Zeiten steigender Temperaturen und sich ausbreitender Mückenpopulationen suchen Wissenschaftler weltweit nach nachhaltigen Alternativen zu chemischen Insektiziden.
Ob das Großprojekt von Verily tatsächlich genehmigt wird, entscheidet nun die US-Umweltschutzbehörde. Sollte die Freigabe erfolgen, könnte eines der bislang größten Wolbachia-Programme der Welt starten – und zeigen, ob sich Millionen Mücken tatsächlich mit noch mehr Mücken bekämpfen lassen.