Der Übernahmekampf um die Commerzbank geht in eine entscheidende Phase. Die italienische Großbank Unicredit hat bekanntgegeben, nach Abschluss ihres laufenden Übernahmeangebots auf einen Anteil von bis zu 34,35 Prozent an der Commerzbank kommen zu können. Damit würde das Mailänder Institut seine Position als größter Anteilseigner der zweitgrößten deutschen Privatbank weiter ausbauen.
Doch hinter der beeindruckenden Prozentzahl verbirgt sich eine komplexe Realität. Denn nicht alle Anteile, die Unicredit in ihre Berechnungen einbezieht, befinden sich bereits tatsächlich im Eigentum der Bank.
Die magische Marke von 30 Prozent
Für Unicredit-Chef Andrea Orcel ist insbesondere die Schwelle von 30 Prozent von großer Bedeutung. Nach deutschem Übernahmerecht muss ein Investor, der mehr als 30 Prozent der Stimmrechte eines börsennotierten Unternehmens kontrolliert, grundsätzlich ein Pflichtangebot an alle übrigen Aktionäre abgeben.
Um diesen Schritt zu vermeiden, hatte Unicredit bereits frühzeitig ein freiwilliges Übernahmeangebot gestartet. Dadurch kann die Bank ihren Anteil ausbauen, ohne nachträglich ein weiteres Pflichtangebot vorlegen zu müssen. Mit dem nun erreichten Zwischenergebnis sieht sich Unicredit ihrem strategischen Ziel deutlich näher.
Nicht jede Beteiligung bedeutet sofort Kontrolle
Die Frage, wie viel Commerzbank Unicredit tatsächlich besitzt, lässt sich jedoch nicht allein anhand der veröffentlichten Prozentzahlen beantworten.
Ein Teil der Beteiligung besteht aus Aktien, die Unicredit bereits direkt erworben hat. Hinzu kommen Aktien, die von anderen Aktionären im Rahmen des Übernahmeangebots angedient wurden und erst nach Abschluss der Transaktionen auf die Italiener übergehen sollen.
Darüber hinaus spielen verschiedene Finanzinstrumente eine Rolle. Solche Derivate oder Absicherungsgeschäfte beziehen sich zwar auf Commerzbank-Aktien, verleihen aber nicht automatisch die gleichen Rechte wie ein direkter Aktienbesitz. Insbesondere die damit verbundenen Stimmrechte stehen Unicredit nicht zwangsläufig unmittelbar zur Verfügung.
Commerzbank stellt Darstellung infrage
Die Commerzbank selbst weist darauf hin, dass zwischen wirtschaftlichem Interesse und tatsächlichem Aktienbesitz unterschieden werden müsse. Nach Einschätzung des Instituts müssten Unicredit beziehungsweise ihre Vertragspartner noch weitere Aktien erwerben, um sämtliche angekündigten Beteiligungsquoten tatsächlich in direkten Besitz umzuwandeln.
Nach internen Berechnungen könnten hierfür noch mehrere Prozentpunkte der Commerzbank-Aktien fehlen. Die genaue Höhe hängt von der Struktur der jeweiligen Finanzgeschäfte und deren späterer Ausübung ab.
Damit wird deutlich: Unicredit hat ihren Einfluss erheblich ausgebaut, verfügt aber möglicherweise noch nicht über sämtliche Aktien, die in der öffentlichen Diskussion häufig genannt werden.
Widerstand aus Deutschland
Während Unicredit ihren Anteil kontinuierlich erhöht, stößt das Vorgehen in Deutschland weiterhin auf Widerstand. Vorstand und Betriebsrat der Commerzbank lehnen eine Übernahme ab. Auch die Bundesregierung beobachtet die Entwicklung kritisch.
Der Bund hält selbst weiterhin einen Anteil von mehr als zwölf Prozent an der Commerzbank und gehört damit nach wie vor zu den wichtigsten Aktionären. Insbesondere Arbeitnehmervertreter warnen vor möglichen Folgen einer vollständigen Übernahme. Befürchtet werden unter anderem Stellenabbau, Filialschließungen und eine Verlagerung von Entscheidungszentren ins Ausland.
Strategische Bedeutung für Europas Bankenmarkt
Für Andrea Orcel ist die Commerzbank ein wichtiger Baustein seiner europäischen Wachstumsstrategie. Die Konsolidierung des europäischen Bankensektors gilt seit Jahren als Ziel vieler Großbanken. Durch eine stärkere Präsenz in Deutschland könnte Unicredit ihre Marktposition erheblich ausbauen.
Die Commerzbank wiederum verweist auf ihre eigene Strategie und betont ihre Eigenständigkeit. Das Institut hat in den vergangenen Jahren seine Profitabilität verbessert und sieht sich auf einem erfolgreichen Restrukturierungskurs.
Entscheidung noch nicht gefallen
Trotz der aktuellen Entwicklungen ist die Übernahme noch längst nicht entschieden. Zwar hat Unicredit einen wichtigen Zwischenschritt erreicht und ihren Einfluss weiter vergrößert. Ob daraus tatsächlich eine vollständige Kontrolle oder gar eine Fusion entsteht, hängt jedoch von zahlreichen Faktoren ab.
Neben regulatorischen Genehmigungen spielen politische Widerstände, die Haltung weiterer Großaktionäre und die zukünftige Entwicklung des Aktienkurses eine entscheidende Rolle.
Fest steht: Der Machtkampf um die Commerzbank ist in eine neue Phase eingetreten. Die Frage, wie viel Commerzbank Unicredit wirklich besitzt, bleibt dabei nicht nur für Anleger spannend, sondern könnte auch die Zukunft des europäischen Bankensektors maßgeblich beeinflussen.